Feels like it's 2006: Maxïmo Park und Art Brut im Kölner E-Werk


Anfang des Jahres war es in den sozialen Medien beliebt, zu zeigen, wie das eigene Leben vor zehn Jahren, also 2016, aussah - und zu erzählen, was sich im Lauf der Jahre verändert hat. Das Problem dabei für mich, aber sicherlich viele in meiner Altersklasse: So viel war damals nicht anders! Das bisschen, das sich bei mir in den letzten zehn Jahren verändert hat, würde einen extrem langweiligen Beitrag ergeben.

Gehen wir also gleich zwanzig Jahre zurück! 2006 war die britische Musik- und Popkulturwelle, auf der Franz Ferdinand, The Kaiser Chiefs und eben auch Maxïmo Park und Art Brut schwammen, noch in vollem Fluss. Ich erinnere mich bei Art Brut an ein Konzert im Frankfurter Mousonturm, wahrscheinlich fand es im Januar 2006 statt, nachdem die Band kurz vorher von Oasis als Support Act ausgewählt worden war (die damals noch vor ihrer letztlich temporären Trennung standen). Maxïmo Park hatte ich schon kurz vorher, im November 2005, im Frankfurter Casino erstmals live gesehen. Ich glaube, dass mir beide Auftritte gut gefallen haben, genaue Erinnerungen habe ich aber nicht daran.



Aktuell feiern Maxïmo Park das zwanzigjährige Jubiläum ihres Debütalbums "A Certain Trigger" mit einer Tour, und als Support haben sie passenderweise Art Brut dabei, bei denen ich mir gar nicht sicher gewesen wäre, ob es sie noch gibt - Maxïmo Park hatte ich im Laufe der Jahre immer wieder mal gesehen, zuletzt beim A Summer's Tale Festival 2019

Unser Konzertbesuch dieses Abends fand im Kölner E-Werk statt, in das der Auftritt verlegt worden war - ursprünglich war das Carlswerk Victoria geplant gewesen. Interesse war publikumsseitig also offenbar vorhanden: Das E-Werk fasst 400 Zuschauer mehr.



Als hätten wir nicht schon selbst gewusst, dass wir alt sind, entpuppte sich das Publikum des Abends als größtenteils ergraut und in einer Altersgruppe, die 2005 beim Erscheinen von "A Certain Trigger" bereits erwachsen gewesen war. Wir waren schon zu Einlassbeginn an der Halle eingetroffen und mussten insofern eine knappe Stunde auf den Beginn warten, während vor uns zwei Damen von den Zeiten erzählten, in denen Tourpersonal der Blood Red Shoes mit ihnen ins Bett wollte - eine der Erzählerinnen hatte ihre erwachsene Tochter dabei, diese Geschichte ist also wohl auch schon ein paar Jahre her.



Nun betraten Art Brut in ihrer gegenwärtigen Konstellation die Bühne. Eddie Argos war immer das klare und unterhaltsame Zentrum der Band, viele andere Originalmitglieder sind auch nicht mehr vorhanden. Wir hatten vorab schon gesehen, dass die Setliste des Support Acts ungewöhnlich kurz war, was sich aber dadurch erklärte, dass Argos nach wie vor viel erzählt und Quatsch macht. Im Grunde ist er noch genauso wie vor 20 Jahren, nur dicker - wie viele von uns. Der Auftritt begann mit ein paar Takten aus einem ACDC-Song. Das erste Lied, "We formed a Band" (mit vielen unvergesslichen Textzeilen, insbesondere "...and yes, this is my singing voice!") endete mit ein paar Takten von R.E.M.s "It's the end of the World as we know it". 

Es folgte "My Little Brother" wobei wir ein inhaltliches Update erhielten: Argos' Bruder Colin sei mittlerweile nicht mehr, wie im Text erwähnt, 22, sondern 45, und Lehrer. Er sei auch gar nicht mehr das Familienmitglied, um das sich die Eltern am meisten sorgten. Insgesamt sei davon abzuraten, echte Personen in Liedern zu erwähnen, weil man dann immer merkte, wie alt die Songs seien. Das Thema der elterlichen Sorgen wiederum führte ihn zu einem Exkurs, in dem er drei Dinge nennen wollte, mit denen man diese auslösen kann - Punkt 1 war, eine Band gründen, Punkt 2, so viel Erfolg haben, dass man weiter macht, aber nicht so viel, dass man gutes Geld verdient. Punkt 3 wurde nicht genannt, denn nun fiel Argos ein, dass der Song sicher schon 20 Minuten andauerte - und dass die Fotografen, die für die ersten drei Lieder im Vorbühnenraum ausharrten, sicher schon ganz erschöpft seien. 



Als viertes Lied hatte die Band spontan ihr einziges "deutsches" eingeplant, "St. Pauli", das angeblich nicht geprobt worden war - und die Zeile "Punkrock ist nicht tot!" enthält. "Modern Art" wurde als Wunsch aus dem Publikum gespielt, wäre aber (basierend auf anderen Setlisten) wohl nun sowieso an die Reihe gekommen. Das Ende gefiel Argos so gut, dass es gleich dreimal hintereinander gespielt wurde. Dann kam mit "Emily Kane" ein weiteres sehr bekanntes Lied der Band an die Reihe, und auch zu diesem Song über eine Jugendliebe bekamen wir ein Update: Argos und die besungene Emily seien mittlerweile wieder in Kontakt und befreundet. 

Die Zeile " I want school kids on busses singing your name" wurde abgeändert zu "school kids in Cologne". Das Set endete mit "Wham! Bang! Pow! Let's Rock Out!", dem neuesten Lied des Abends und dem einzigen, das ich vorher nicht kannte. Dann bekamen wir noch alle Bandmitglieder als "Art Brut" vorgestellt, der Schlagzeuger war sogar "OG Art Brut".



Setliste:

Formed a Band
My Little Brother
She Kissed Me (And It Felt Like a Hit)
St. Pauli
Modern Art
Emily Kane
Wham! Bang! Pow! Let's Rock Out!

Es folgte eine kleine Pause, der Hauptact ließ uns ein wenig warten. Später würde Paul Smith dem Publikum verraten, dass sein Lieblingsfußballverein Middlesborough heute ein Spiel gewonnen habe - vielleicht der Grund für die Verzögerung.



Schließlich betrat die Band die Bühne. Paul Smith trägt bei Auftritten weiterhin dauerhaft Hut. Als möglicher Grund bietet sich Haarausfall an, man denke nur an den seit Jahrzehnten ebenfalls immer eine Kopfbedeckung tragenden Scorpions-Sänger. Vielleicht steckt aber auch etwas anderes dahinter - es könnte ja sein, dass er den Hut einfach als Markenzeichen sieht. Das restliche Outfit bestand an diesem Abend aus einem sehr roten Anzug, dessen Sakko ihm (anders als der Hut) nach wenigen Songs zu warm wurde. Er warf es einem Bühnentechniker zu, der es sehr sorgfältig auf einen Bügel hängte; sicherlich sollte es auch für den folgenden Abend faltenfrei zur Verfügung stehen.

Maxïmo Park ist so eine Band, bei der ich mich gar nicht an Mitglieder außer dem Sänger erinnern kann. Wie bei Art Brut hat es im Laufe der Jahre einige Wechsel gegeben. Mit Duncan Lloyd (dem eigentlichen Gründer) an der Gitarre und Tom English am Schlagzeug sind aber noch zwei weitere ursprüngliche Bandmitglieder dabei. Am Keyboard, das sich direkt in unserem Sichtfeld befand, steht mittlerweile die junge Jemma Freese, die als einzige versuchte, bei den diversen Sprüngen und des Tänzers ein bisschen mitzumachen.



Stichwort Sprünge: In meiner Erinnerung waren diese immer ein starker Faktor bei Maxïmo Park-Auftritten, wir hatten vor dem Konzert sogar (vergeblich) nach einem Absprungbrett gesucht, aber entweder spielt mir hier mein Gedächtnis einen Streich, oder die Sprungdichte hat bei Paul Smith mittlerweile deutlich abgenommen.

Nichtsdestotrotz ist er nach wie vor ein sehr aktiver Frontmann, der nun eben eher tanzt und viel gestikuliert, und dabei gerne den Mikrophonständer als unterstützendes Element nutzt. Während ich beim Auftritt von 2019 angemerkt hatte, dass das Textbuch, aus dem Smith früher gerne demonstrativ Songtexte "vorgelesen" hatte, nicht mehr dabei war, kehrte es dieses Mal zumindest für einen Gastauftritt bei "Once, A Glimpse" zurück.



"A Certain Trigger" wurde an diesem Abend mit Ausnahme von "Now I'm All Over the Shop" komplett gespielt. Bei seinen Ansagen konzentrierte sich Smith auf Geschichten aus der Bandvergangenheit und auch auf Erinnerungen an Deutschland und Köln im Speziellen. So hörten wir beispielsweise zu "Fear of Falling", dass es sich um eine B-Seite handelt - bei der Tour zum ersten Album habe man so wenig Material gehabt, dass man diese recht obskuren Lieder eben auch gespielt habe.

Insgesamt wird bei der aktuellen Tour eine relativ feste Setliste gespielt, die aber bei drei Liedern variiert werden kann. Wir hörten die etwas seltenere Variante mit "Fear Of Falling" statt "A19", "Questing, Not Coasting" statt "Karaoke Plays" und "Once, A Glimpse" statt "Now I'm All Over the Shop".



Zum Thema Köln erinnerte sich Paul, die Band habe damals ihren ersten Auftritt in der Stadt im Gebäude 9 gehabt. Zeitgleich habe es eine Ausgabe der Spex mit einer beiliegenden CD gegeben, die unter anderem  "The Coast is Always Changing" enthielt. Zu "Versions of You" erfuhren wir außerdem, dass es auch eine deutschsprachige Version des Songs gibt - allerdings nicht, warum das der Fall ist.

Neben dem Debütalbum hörten wir im Laufe des Abends weitere Lieder aus der Bandgeschichte, wobei die jeweiligen Alben mit nur jeweils einem Lied berücksichtigt wurden, nur "Our Earthly Pleasures" von 2007 mit drei. Ich hatte mich 2019 ein wenig darüber beklagt, dass das in meinen Augen sehr schöne "Leave This Island" (damals noch relativ neu) nicht live gespielt worden war - an diesem Abend wurde das nachgeholt.



Der Auftritt endete zunächst mit "Apply Some Pressure", dem ersten Top 20-Hit der Band. Als Zugaben bekamen wir dann noch "Acrobat", Books From Boxes" (mit der Anmerkung, es sei besonders beliebt in Deutschland)  und "Going Missing" zu hören. Die Band verbeugte sich am Bühnenrand und Paul blieb anschließend als letzter zurück, um sich nochmals zu bedanken - man bekam den Eindruck, als wolle er gar nicht gehen.

Ich hätte vor dem Konzertabend nicht unbedingt sagen können, wie ich den Auftritt wohl finden würde. Allerdings hatten sowohl ich als auch mein Freund in den Tagen danach diverse Ohrwürmer von Songs der Band - insofern kann man durchaus sagen, dass die Musik sich über die Jahre sehr gut gehalten hat.



Setliste:

Signal and Sign 
Graffiti 
Postcard of a Painting 
Our Velocity 
Leave This Island
The Coast Is Always Changing 
The Night I Lost My Head 
Fear Of Falling
Questing, Not Coasting
Once, A Glimpse
Favourite Songs 
I Want You to Stay 
Versions of You   
The National Health  
Girls Who Play Guitars 
Kiss You Better 
Limassol 
Apply Some Pressure

Acrobat 
Books From Boxes
Going Missing

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