Gesehen: März 2026



Im Januar und Februar erschien auf Netflix eine neue Staffel von Bridgerton. Die knallbunte Serie spielt in einer absichtlich inakkuraten Version der britischen Regency-Welt (also der Zeit, in deren realistischen Version auch die Jane Austen-Romane spielen). Am auffälligsten ist hier die Tatsache, dass in der Serie (übrigens anders als in den ihr zugrunde liegenden Romanen) die regierende Königin Charlotte schwarz ist und dafür gesorgt hat, dass ethnische Diversität bei Hofe im frühen 19. Jahrhundert etwas ganz Normales ist. Aber auch darüber hinaus nimmt es Bridgerton mit historischen Fakten nicht allzu genau - da wäre die erwähnte Farbenfreude der Serie, die nicht immer dem Biedermeier-Stil entsprechende Kleidung, sichtbarers Make-up - und angeblich kann man, wenn man gut aufpasst, an manchen Frauenhänden auch Akrylnägel erspähen.

Konventionen der Zeit in Bezug auf die Position von Söhnen (müssen zwecks Nachwuchs heiraten, aber nur der erste erbt Titel und Haus des Vaters), Töchtern (müssen zwecks Versorgung und Nachwuchs heiraten und stehen anderenfalls gegebenenfalls vor dem wirtschaftlichen Ruin) und verwitweten Müttern (verlieren ihr Zuhause an den Sohn oder sonstigen Erben, wenn dieser es beansprucht) spielen in Bridgerton dagegen eine große Rolle, und im Zentrum der Romanvorlagen und auch der Serienstaffeln steht jeweils die Liebes- und Heiratsgeschichte eines der praktischerweise alphabetisch benannten Kinder der Familie Bridgerton Anthony, Benedict, Colin, Daphne, Eloise, Francesca, Gregory und Hyacinth. 

Die Bücher und Serienstaffeln basieren außerdem jeweils auf klassischen Themen der romantischen Literatur (zum Beispiel "vorgespielte Romanze", "beste Freunde verlieben sich ineinander" und so weiter), und so dreht sich die neueste Staffel um den zweiten Sohn Benedict und erzählt dabei eine sehr Cinderella-inspirierte Geschichte: Sophie hat als illegitime Tochter eines Lords zwar Bildung und eine schöne Kindheit genossen, nach dessen Tod lässt ihre Stiefmutter sie aber ohne Lohn als Hausmädchen arbeiten. Eines Abends schleicht sie sich mit Unterstützung der anderen Hausangestellten zu einem Maskenball der Bridgertons, bei dem sie prompt Benedict kennenlernt, dem ihre ehrliche Begeisterung für die Schönheit des Festes auffällt.

Neben der Geschichte um Benedicts Suche nach der Unbekannten vom Ball wird auch die um dessen Schwester Francesca fortgesetzt - sie hatte in der letzten Staffel John Kilmartin geheiratet, der nur ein Jahr später plötzlich und unerwartet stirbt. Die Serie deutet bereits an, dass Francescas in den Büchern als Michael vorgestellter zweiter Ehemann in der Verfilmung wohl eine Michaela sein wird - wie gesagt, historischer Realismus ist bei Bridgerton nicht so wichtig.

Bridgerton ist ganz sicher nichts für Intellektuelle, aber im Gegensatz zu den Büchern (ich habe mal eines angefangen und dann sehr schnell wieder weggelegt) schafft es die Serie bei mir gerade durch die unrealistischen Elemente, das in der aktuellen Weltlage aus meiner Sicht dringend erforderliche Ausmaß an Eskapismus zu erreichen: Alle finden die wahre Liebe, wohnen in farbenfrohen Herrenhäusern, lassen Drachen steigen, gehen zu Bällen und essen zusammen Macarons - ist doch prima!

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