Hurricane Festival 2012 Tag 3: Deiche brechen richtig …

U.
Wir hatten bei unserem Festivalbesuch ja wie bereits erwähnt die „Rentnervariante“ gewählt und uns in einem Hotel eingemietet. Folglich begannen wir den komplett verregneten Sonntag anders als die meisten Hurricane-Besucher trocken, sahen aber zunehmend missmutig aus dem Fenster. Ein derart starker Regen musste doch irgendwann wieder aufhören? Da er das nicht tat, entschlossen wir uns erst gegen 16 Uhr zum Aufbruch Richtung Scheeßel, und sobald wir uns ins Auto setzten, legte der Regen noch ein wenig nach und wurde zum Guss.


Angesichts der Wetterbedingungen war es auch relativ schwierig, am Gelände zu parken, aber irgendwann hatten wir es dann geschafft und machten uns in Gummistiefeln und Regenjacken auf einen langen und missmutigen Fußmarsch, während uns zahlreiche bereits abreisende Festivalgäste erst in Autos und später zu Fuß entgegenkamen. Das ganze Szenario erinnerte nun eher an Flüchtlingslager als an Party, und das Gedränge vom Vortag war extrem ausgedünnt. Ich schätze, die Hälfte der 70 000 Besucher ist vor Sonntagabend abgereist.

Kettcar


Dennoch hatte sich vor der Hauptbühne eine ansehnliche Menge versammelt, um Kettcar zu sehen, die ihr Set mit „Rettung“ eröffneten. Marcus Wiebusch klärte uns gelassen darüber auf, dass es schon etliche Kettcar-Auftritte beim Hurricane gegeben habe, und dass es bei allen bis auf den ersten (in einem heißen Zelt) geregnet habe. Und es gebe immer einen Idioten, der behaupte „Da hinten hellt es ein bisschen auf“, dem man am besten sofort auf die Fresse hauen solle, denn „Das Schlimmste, das uns jetzt passieren kann, ist Hoffnung!“


Es folgte „Deiche“, doch im Gegensatz zur Textzeile „Deiche brechen richtig oder eben nicht“ schlossen sich die Himmelsschleusen irgendwann im Verlauf von Kettcars Auftritt. Später ließ Wiebusch sich aber – berechtigt – selbst zu dieser Klischee-Äußerung hinreißen und musste sogar – unter „Ausziehen!“-Kommentaren – im plötzlichen Sonnenschein wegen steigender Temperaturen seine Jacke ablegen – was wiederum zu einem Austausch zum Thema „körperlicher Verfall“ mit der ersten Reihe und den Mitmusikern Anlass gab: Nachdem Wiebusch versichert hatte, dass wir seinen nackten Oberkörper sicher nicht sehen wollen, regte er sich gespielt darüber auf, dass sich nun Sechzehnjährige in der ersten Reihe über seine Figur lustig machten – und dass die 40jährigen in der dritten Reihe still grinsen. Das Thema Alter scheint die Band auch sonst zu beschäftigen, denn in „Balkon gegenüber“ wurde die Zeile  „Vielleicht ist er 30 geworden?“ um zehn Jahre erhöht.


Obwohl im Hintergrund der Bühne das Cover von „Zwischen den Runden“ groß aufgezogen worden war, spielten Kettcar nur fünf Titel aus diesem Album, darunter „R.I.P.“, das als „Wenn das der Frieden ist, musst du den Krieg nicht noch erfinden“ angekündigt wurde. Für mehr Resonanz beim Publikum sorgten jedoch vor allem die alten Titel wie „Graceland“ oder „Stockhausen, Bill Gates und ich“. Besonders abgefeiert wurden die insgesamt sechs Lieder, die aus ihrem Debütalbum „Du und wieviel von deinen Freunden“ dargeboten wurden. Vergleicht man die Stimmung mit dem großartigen Auftritt von Thees Uhlmann am Vorabend, so geht Hemmoor dank des Heimvorteils gegen Hamburg als knapper Sieger hervor. Apropos Thees, Reimer Bustorff wusste noch zu berichten, dass ihn am Vortag, als er den Uhlmann-Auftritt besuchte und dieser groß auf der Videoleinwand zu sehen war, von einem Besoffenen angesprochen und gefragt worden sei, ob er nicht Thees Uhlmann sei.

Vielleicht euphorisiert von der Tatsache, dass an einem Tag des Dauerregens ausgerechnet bei ihnen der Regen nachließ und die Sonne sogar schien, ließen sich Kettcar zu einem Singspiel mit dem Publikum verleiten, sagten dazu jedoch: „So etwas machen wir sonst nicht.“ Einen schönen Abschluss eines Konzertes, das ruhig noch länger hätte dauern dürfen, bildeten „Landungsbrücken raus“ und „Balu“, das Marcus Wiebusch gemeinsam mit seinem Bruder Lars am Keyboard zu Hunderten von erhobenen und winkenden Händen vortrug.


Setliste:

Rettung
Deiche
Kein Außen mehr
Graceland
Balkon gegenüber
Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd
Money LeftToBurn
Im Club
48 Stunden
R.I.P.
Ausgetrunken
Ich danke der Academy
Stockhausen, Bill Gates und ich
Im Taxi weinen
Schrilles buntes Hamburg
Landungsbrücken raus
Balu

The Kooks

Ebenfalls auf der Hauptbühne traten als nächstes The Kooks aus Brighton auf, deren erstes Album von 2005, „Inside In/Inside Out“, mich durchaus zu fesseln vermochte. Die beiden folgenden Werke schafften das weniger gut, aber wir hatten eben gerade Zeit. So ging es möglicherweise auch anderen Zuschauern, denn der Besuch desKooks-Auftritts gewährleistete gute Stehplätze für das danach anstehende Ärzte-Konzert. Oder aber, auch The Kooks sind viel beliebter als ich dachte.


Der Regen, der beim Ende des Kettcar-Auftritts wieder leicht eingesetzt hatte, entwickelte sich während des Kooks-Konzerts zu einem richtigen Wolkenbruch. Auch mit Regenjacke und Gummistiefeln war es schwierig, echte Begeisterung dafür zu empfinden, was auf der Bühne geschah, während es gleichzeitig von oben derart auf einen niederprasselte. Die Band gab sich jedoch redliche Mühe und speziell Sänger Luke Pritchard scheute sich auch nicht davor, am Bühnenrand herum zu turnen und selbst nass zu werden, um die Stimmung anzuheizen.

Auch meine Notizen hinsichtlich der Setliste litten unter dem Wolkenbruch, und so kann ich nur stückhafte Informationen liefern. Insgesamt war der Auftritt durchaus solide, und ich selbst überrascht, wie viele gute Songs die Kooks doch haben. Besonders gut gefiel mir die allein von Luke an der Gitarre gesungene Version meines Lieblingslieds „Seaside“. Aber für meine volle Konzentration war dieses Konzert einfach zu nass.


Setliste (mit Lücken):

Is it me?
See the World
Down to the Market
Sofa Song
Rosie
She Moves in Her Own Way

Seaside

Shine On
Junk of the Heart
Naïve

New Order

Wer ist bloß für diesen Zeitplan verantwortlich und kam auf die Idee, am Sonntagabend Die Ärzte, Beirut und New Order gleichzeitig auftreten zu lassen? Alle drei Bands wollte ich gerne sehen, aber ich musste mich entscheiden. Ebenso ging es meinem Freund, und obwohl wir beide uns auf Die Ärzte gefreut hatten, entschieden wir uns letztendlich beide für andere Bands: Er verließ den Kooks-Auftritt vorzeitig und watete zur Red Stage, um dort erst Temper Trap und dann Beirut zu sehen – und anschließend darüber zu berichten. Und meine Wahl fiel letzten Endes schweren Herzens auf New Order, die ich noch nie live gesehen hatte, und bei denen man ja auch nicht weiß, ob sie noch lange Konzerte geben werden. Ich wollte mir diese Chance nicht entgehen lassen – auch wenn mit der jetzigen Form der Band ohne Peter Hook natürlich die Originalbesetzung nicht mehr gegeben ist.


Im mittlerweile immer noch strömenden Regen machte ich mich also nach den Kooks auf zur Blue Stage und war bei meiner Ankunft überrascht: Noch fast niemand da? Mir war schon bewusst gewesen, dass die Band unter der starken Konkurrenz (zusätzlich zu den Genannten und ebenfalls parallel trat auch noch Fritz Kalkbrenner auf, drinnen!) leiden würde, und viele waren ja nach dem Regentag bereits abgereist, aber New Order sind doch eine Legende, die viele Menschen gerne einmal live sehen möchten, oder etwa nicht? Allein stand ich mit meiner Verwunderung über den Mangel an Publikum nicht da, gleich zweimal wurde ich von anderen Besuchern angesprochen und irritiert gefragt, ob hier denn nun um 22 Uhr New Order spielen, da ja so wenig los sei.

Während auf den Video-Leinwänden am Rande der Bühne der Beginn des höchstwahrscheinlich phantastischen Ärzte-Konzertes auf der Hauptbühne übertragen wurde, begann ich, mir Sorgen zu machen, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Immerhin, kurz vor 10 hatte sich der Zuschauerraum zumindest leidlich gefüllt, und der Regen hatte sich in ein erträgliches Nieseln verwandelt. Und da waren sie nun, die leicht gealterten 80er-Jahre-Legenden, minus Peter Hook, mitten in der norddeutschen Pampa, zu ihrem „Einzug“ lief das instrumentale „Elegia“.


Abgesehen von meiner Freude, die Band endlich einmal zu sehen, war leider schnell klar, dass der Regen wohl zu technischen Schwierigkeiten geführt hatte: Vom ersten „richtigen“ Song  „Crystal“  konnte ich den Text eher erahnen als hören. Zwischen den ersten Liedern – nach „Crystal“ folgten „Regret“ und „Ceremony“ - gab es immer wieder Unterbrechungen, in denen irgendetwas geregelt wurde, aber der Gesang blieb leise und der Sound insgesamt verbesserungswürdig, was der Band sichtlich auf die Nerven ging.

Toll dagegen war die Videodarbietung auf derselben LED-Wand, die uns schon bei den Stone Roses erfreut hatte. Sie zeigte teils Bilder, teils Filme, so zu „True Faith“ das komplette Video des Songs, bei „Temptation“ erschienen die gesungenen Zahlen exakt zeitgleich auf der Leinwand. Die Effekte waren atemberaubend, hätten aber bei einem Hallenkonzert vielleicht noch besser gewirkt.
Wann immer die Videoleinwände das Publikum zeigten, wurde zwar entschlossen getanzt, so richtig glücklich sah aber niemand aus. Ähnlich ging es auch der Band, die am Ende des Sets zur großen Begeisterung des Publikums noch Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ spielte und dann ihren Auftritt etwas vor Ende des ihm eigentlich zugedachten Zeitfensters beendete. Bernhard Sumner zeigte dem Regen zum Abschied den Stinkefinger und versprach uns „We’ll come back and play for you indoors!“ Mal sehen, ob das auch umgesetzt wird.


Setliste:

(Elegia)
Crystal
Regret
Ceremony
Age of Consent
Isolation
Krafty
Bizarre Love Triangle
True Faith
586
Perfect Kiss
Blue Monday
Temptation
Love Will Tear Us Apart

Mein "Außenreporter" hatte von seinen beiden allein besuchten Konzerten Folgendes zu berichten:

The Temper Trap

Bei strömendem Regen betraten The Temper Trap die Bühne und legte, anders als von der Setliste ausgewiesen („Repeater“), mit „London’s Burning“ los. Vermutlich wollte das australische Quintett den Fans bei diesem miesen Wetter ein wenig aufwärmen. „Are you enjoying the Hurricane?“, wollte Dougy Mandagi, der Sänger mit indonesischen Wurzeln, zunächst wissen, bevor er mit „What a perfect name!“ die äußeren Umstände treffend umschrieb. Mit „Need Your Love“ und „Love Lost“ fanden Temper Trap in die Setliste zurück und heizten Publikum und Security ordentlich ein.


Überhaupt, die Security! Bei den meisten Festivals sind dies grimmige, muskelbepackte Schränke die finster drein schauen, vor der Red Stage des Hurricane Festivals bot uns jedoch ein anderes Bild. Mindestens 8 gewohnt muskelbepackte Schränke hatten sich dort versammelt, doch ihre Aufgabe schien darin zu bestehen, dem Publikum Getränke auszuschenken, Haribos zu verteilen, bei der Musik mitzuwippen, kleinere Choreographien vorzuführen und das Publikum zu animieren. Waren am Vorabend bei Garbage zunächst noch 2 Mitglieder der Securtiy positiv aufgefallen, so hatten sich bis zum folgenden Abend alle anstecken lassen.
Bei „Fader“ erklommen also alle Mitglieder der Security winkend und klatschend die metallene Trennbarriere, so dass sich auch Dougy Mandagi später ein Lächeln und ein Dankeschön nicht verkneifen konnte. Ob er wohl auch phasenweise an ein Männerballet oder den Film „Ganz oder gar nicht“ denken musste?


The Temper Trap boten an diesem Abend insgesamt 12 Songs dar. Beschlossen wurde das Set vom instrumentalen „Drum Song“ für das der Sänger passenderweise ein zusätzliches Schlagzeug aufgebaut bekam. Für den eben so schönen wie schlichten Effekt einer hochspritzenden Fontäne hätte er aber nicht extra sein Mineralwasser auf das Fell schütten müssen, fünf Sekunden vor der Bühne hätten auch gereicht.
Doch das Highlight ihres Auftritts hoben sich die Australier für den Schluss auf: Nach „Sweet Disposition“ wurden The Temper Trap von Publikum und den erneut auf den Barrieren stehenden Security-Leuten lauthals verabschiedet.

Setliste:

London’s Burning
Need Your Love
Love Lost
Rabbit Hole
Fader
This Isn't Happiness
Trembling Hands
Dreams
Science of Fear
Resurrection
Drum Song
Sweet Disposition

Beirut

Zum Regen gesellten sich nun noch kalte Windböen und deutlich mehr Zuschauer als zuvor noch bei The Temper Trap. Aber Beirut sollten unsere Herzen erwärmen!


Spätestens als Zach Condon, Kelly Pratt und Ben Lanz beim Opener „Santa Fe“ zum ersten Mal an diesem Abend in Position traten, gemeinsam Trompeten und Posaune erschallen ließen und dies mit lautem Jubelgeschrei des Publikums beantwortet wurde, war allen Anwesenden egal, ob auf den anderen Bühnen gerade New Order, Die Ärzte oder sonst irgendwer spielten.

Aber vielleicht doch nicht allen Anwesenden, denn die Band, zu der auch noch Perrin Cloutier (Akkordeon, Klavier), Paul Collins (Bass) und Nick Petree (Schlagzeug) zählten, schien etwas vom herüber schallenden Lärm gestört zu sein. Dass auch noch Zach Condons Ukulele vor dem sechsten Titel wegen technischer Probleme ihren Geist aufgab, passte zu den widrigen Umständen dieses Auftritts. Der Begeisterung im Publikum tat dies jedoch keinen Abbruch.


Beirut spielten in knapp einer Stunde ein Set, das die drei Alben mit jeweils drei Titeln gleich bedachte, zudem Songs aus den EPs „Lon Gisland“,„March Of The Zapotec“ und „Holland“ beisteuerte und nur wenig Wünsche offen ließ. Nur den neunten Titel konnte ich nicht recht zuordnen, eine instrumentale Balkan-Pop-Nummer mit Posaunen-Solo, die vielleicht „Serbian Cocek“, im Original von A Hawk And A Hacksaw+ The HunHangár Ensemble stammend, gewesen sein könnte.

Müsste ich einen Titel bestimmen, der Publikum (und (wieder einmal) Security) am meisten begeisterte, so wäre dies vielleicht „Cherbourg“, das für die größte Bewegung vor der Bühne sorgte oder vielleicht „East Harlem“, das äußert lautstark umjubelt wurde oder „The Gulag Orkestar“, für das Beirut noch einmal zurück auf die Bühne kamen oder...


Setliste:

Santa Fe
The Shrew
Elephant Gun
Vagabond
Nantes
Postcards from Italy
A SundaySmile
East Harlem
Serbian Cocek
Cherbourg
Scenic World
MyNight with the Prostitute from Marseille
Carousels

The Gulag Orkestar



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