Quo Vadis: Beady Eye in der Kölner Live Music Hall

U.
Gestern Nachmittag las mein Freund nachdenklich meine bisherigen Berichte über die Oasis-Nachfolgeband Beady Eye und sagte schließlich: "Das liest sich eigentlich nicht so, als wolltest du diese Band noch einmal live sehen." Dem hatte ich nicht wirklich viel entgegenzusetzen. Da ich aber ein netter Mensch bin, erklärte ich mich dennoch bereit, ihn - einen großen Oasis- und Gallagherfan - abends nach Köln zu begleiten, wo Liam Gallagher und Kollegen das einzige Deutschlandkonzert ihrer aktuellen Tournee spielten - als Nachholtermin für einen ausgefallenen Termin im letzten Jahr.


Nachdem ich selbst auch kurz zuvor einen Blick auf meine alten Berichte geworfen und so mein Gedächtnis aufgefrischt hatte, fiel mir bei unserer Ankunft zunächst auf, dass die Halle zwar durchaus voll (wenn auch nicht ausverkauft) war, ich entdeckte aber nicht die von anderen Auftritten gewohnten Scharen von grölenden "Ultras". Sicher, der eine oder andere Mod-Haarschnitt war im Publikum zu sehen, der Männeranteil war wie gewohnt hoch und auch Kleidung von Liam Gallaghers Modelabel "Pretty Green" war vielfach zu sehen. Dennoch, die ausgelassene (und für mich zugegebenermaßen eher nervige) Atmosphäre mit besoffenen Fans und deren Gegröle schien dieses Mal auszufallen. Als Aufwärmmusik liefen passenderweise Titel von The Beatles, The Who, The Kinks, wieder The Beatles und ein wenig Punk.


Im Hintergrund der Bühne befanden sich dieses Mal an Stelle eines riesigen "Beady Eye"-Schriftzugs drei Leinwände, die später jedoch nur dezent eingesetzt wurden, um etwa Ausschnitte aus den Videos ("Second Bite Of The Apple", "The Roller") zu zeigen. Gelegentlich, wie bei "Shine A Light" passten die eingesetzten Visualisierungen zu den Songs (hier Lichtpunkte und -reflexe).

Im Netz war von einem Konzertbeginn um 19:30 Uhr die Rede gewesen, was glücklicherweise nicht stimmte, denn wir waren erst gegen 20 Uhr vor Ort eingetroffen. Tatsächlich war in der Live Music Hall aber für 22 Uhr eine Flatrate-Saufveranstaltung angesetzt, so dass Beady Eye, dieses Mal verstärkt durch den Keyboarder Matt Jones, ohne Vorband gegen viertel nach acht die Bühne betraten. Aber irgendwie auch nicht. Liam Gallagher - mit seinem neuen Kurzhaarschnitt erkannte ich ihn nicht sofort, zumal wir relativ weit hinten standen - hielt sich zwar auf der Bühne auf, aber stand dort nur, redete und kauerte schließlich an zwei verschiedenen Stellen des Bühnenrandes, um offenbar mit dem Publikum zu sprechen. Komisch. Gerade als ich begann, mir Sorgen zu machen, ob es vielleicht unlösbare technische Schwierigkeiten gäbe, weshalb das Konzert nicht stattfinden können würde, kam der Rest der Band - Gem Archer, Andy Bell, Chris Sharrock und Neuzugang Jay Mehler - zu den Klängen des unveröffentlichten Songs "White Smoke" ebenfalls eher unspektakulär auf die Bühne und es ging los.


Wie eingangs und auch sonst schon oft erwähnt, habe ich ja so meine Probleme mit Beady Eye. Zu der Tatsache, dass ihr Songmaterial in den meisten Fällen nicht sonderlich stark ist, kommt noch diese starre Dauercoolness, die ich nicht wirklich begreife. Insofern kann ich nur sagen, dass ich den Eindruck hatte, Liam und die Band seien nicht sonderlich gut gelaunt, aber letztlich sind bei Herrn Gallagher Junior gute und schlechte Stimmung recht schwer voneinander zu unterscheiden. Dass Andy Bell und ein weiteres Bandmitglied den kompletten Auftritt lang Sonnenbrillen trugen und anscheinend keinerlei Kommunikation zwischen den Musikern stattfand, erleichterte die Stimmungseinschätzung auch nicht. Die Tatsache, dass es mir trotz Anglistikstudium darüber hinaus relativ schwer fällt, die verbalen Äußerungen Gallaghers zu verstehen, verkomplizierte die Einordnung der Situation noch zusätzlich.

Immerhin war sich Liam möglicherweise bewusst, dass ihn manch einer nicht verstehen konnte, weshalb er nicht mit Gesten sparte - die ich leider aber auch nur schlecht begriff. Nach dem ersten Song "Flick of the Finger" trat er nacheinander links und rechts an den Bühnenrand und rieb bedeutungsvoll seine Finger in einer Geste, die für mich "Geld" oder auch "Bestechung" bedeutet. Was ja auch der Übersetzung von "Flick of the finger" entspricht, oder wollte er uns damit zusätzlich etwas sagen? Vielleicht gab er ja auch ein Statement zu der Tatsache ab, dass ich soeben an der Abendkasse stolze 80 Euro für unsere beiden Tickets bezahlt hatte?


Die restliche Band trug kommunikativ mehr oder weniger nichts bei und spielte recht unbeweglich ihre Songs. Allein Archer griff bei "Second Bite Of The Apple" zur Abwechslung zu zwei Rasseln. Im ersten Drittel der Setliste gab es hauptsächlich Titel des aktuellen Albums "BE" zu hören, allein "Four Letter Word" bildete eine Ausnahme.

Vor dem Liebeslied "Soul Love" verstand ich endlich einmal etwas, da sagte Liam "This one is for the givers, not the takers!" Mysteriös wurde es aber wieder bei der Ankündigung des Oasis-Superhits "Wonderwall", Liam hatte bereits zuvor am Ende von "Shine a Light" mehrfach mit dem Finger ein Viereck in die Luft gezeichnet. Nun weiß ich, dass "square" auch langweilig / bieder / doof bedeuten kann - waren damit wir gemeint? Er sagte dann sinngemäß, dass es im Publikum vorne "circles" und hinten "squares" gäbe, und dass der nächste Song für die "squares" sei. Ah ja. Hieß das jetzt, dass nur doofe Spießer bei einem Beady Eye-Konzert Oasis-Hits hören wollen, er ihnen aber das Verlangte zu geben bereit ist? Nach "Wonderwall" wurde zu einem Publikumsmitglied erst etwas für mich Unverständliches gesagt, dann folgte "If you can't be arsed, then neither can I!". Ein Kommentar zur Stimmung oder etwas ganz anderem?


Das restliche Publikum hatte wohl auch seine Verständnisschwierigkeiten, denn um uns herum blieb die Stimmung in der Tat eher gedämpft. Gut, der eine oder andere gefüllte Bierbecher flog als Begeisterungssignal durch die Gegend, aber insgesamt war von Ausgelassenheit nicht viel zu spüren. Statt "Beady Fucking Eye", das beim früheren Kölne Auftritt immer wieder skandiert worden war, gab es dieses Mal nur noch "Liam! Liam"-Rufe. Selbst die Oasis-Hits (später folgte als zweiter noch "Cigarettes & Alcohol"), zu denen sich das Publikum bei der Stone Roses-Wiedervereinigung in Manchester singend in den Armen gelegen hatte, wurden in der Live Music Hall eher mit stiller Zufriedenheit angenommen, ebenso Beady Eyes bester eigener Song "The Roller". Und seien wir ehrlich: Die Livedarbietung zeigte wieder einmal deutlich, dass die Qualität von Beady Eyes eigenen Lieder in den seltensten Fällen annähernd an das heranreicht, was Noel Gallagher so schreiben kann.

Dass Liam sich nun wie sein Bruder die Freiheit nimmt, in seinen Sets auch alte Oasis-Hits zu spielen, gönne ich ihm gerne. Aber wieso entschied er sich ausgerechnet für zwei Titel aus den frühen Tagen der Band, in der weder Bell, noch Archer, noch Sharrock mit dabei und somit noch nicht einmal in die Aufnahmen der Songs involviert waren? Dann wären doch Singles, die nach 2002 erschienen sind, sinnvoller, oder doch erst recht Oasis-Songs, die von Liam ("Songbird", "I'm Outta Time", "The Meaning Of Soul"), Andy ("Turn Up The Sun") oder Gem ("To Be Where There's Life") geschrieben wurden und die Setliste ein wenig authentischer hätten aufpeppen können. Stattdessen spielte man mit "Wonderwall" ein Lied, das Noel Gallagher einst für seine Exfreundin schrieb und das mit Beady Eyes Mitgliedern nun wirklich überhaupt nichts zu tun hat.


Meine Vermutung, dass die Band nicht sonderlich gut aufgelegt sei, schien sich zu bestätigen, als nach "Wigwam" der Hauptteil zu Ende ging. Beady Eye spielen aktuell stets dieselbe Setliste, weshalb bereits klar war, dass als Zugabe noch eine Coverversion von "Gimme Shelter" der Rolling Stones geplant war. Dennoch begann sofort Musik vom Band, weshalb viele Besucher bereits Richtung Ausgang strömten, als die Band doch noch zurückkehrte und den Song spielte. Vielleicht hatte diese Merkwürdigkeit aber auch gar nichts mit dem Publikum zu tun, sondern mit dem bereits erwähnten, für 22 Uhr geplanten Saufevent  - nach Ende der Zugabe war es 21:50 Uhr, so dass die Hallenbetreiber es sicher eilig hatten, die Konzertbesucher nun aus der Halle heraus und die Alkoholfreunde hinein zu bekommen. Und auch dieser Umstand könnte sich durchaus negativ auf die Stimmung der Band ausgewirkt haben, denn wer lässt sich schon gerne hetzen?


Beim Herausgehen hörte ich ein Gespräch von zwei anderen Konzertbesuchern mit, von denen der eine meinte, dass "Gimme Shelter" ja wirklich gut gewesen sei. Der andere meinte darauf: "Ja, aber es war auch mit Abstand das beste." Er fuhr fort, dass die Band für die Zukunft nur zwei Optionen habe, dann nannte er derer drei: Sich mit Noel versöhnen, bessere Songs einkaufen oder aber eine Coverband für die besten britischen Hits der letzten 30 Jahre werden. Mir erscheint keine der genannten Optionen als realistisch, dennoch blieb auch für mich der Eindruck zurück, dass es so wohl nicht mehr lange mit Beady Eye weitergehen kann. Aber wie dann?


Setliste:

Flick of the Finger
Face the Crowd
Four Letter Word
Soul Love
Second Bite of the Apple
Iz Rite
Shine a Light
Wonderwall
The World's Not Set in Stone
I'm Just Saying
Soon Come Tomorrow
Cigarettes & Alcohol
The Roller
Start Anew
Bring the Light
Wigwam

Gimme Shelter

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