Neulich beim Jubiläum: Maifeld Derby 2015, Tag 2

U.

Der Maifeld-Samstag begann mit der schwierigen Entscheidung, was der richtige Zeitpunkt sei, zum Festivalgelände zu fahren. Letztlich fiel die Entscheidung auf das Set der jungen Norwegerin Aurora am späten Nachmittag im Palastzelt. Die 18jährige hat noch kein Album, wurde im Programmheft aber über alle Maße gelobt, ein kurzer Youtube-Check war ebenfalls positiv ausgefallen.


Aurora wirkte auch auf der Bühne unglaublich jung, die Tatsache, dass die kleine Frau einen riesigen schwarzen Blazer über einem sackartigen Kleid trug, verstärkte diesen Eindruck noch. Beim Darbieten ihrer eindringlichen Songs entwickelten ihre wedelnden Arme häufig eine Art Eigenleben, ihre Stimme liegt irgendwo zwischen Björk und den Cranberries. Bei den meisten Songs wurde sie von Gitarre, Schlagzeug und Keyboard begleitet, zwei Lieder, "Awakening" und "Murder Song" trug sie aber allein mit dem Gitarristen vor.

Besonders sympathisch wirkte ihre immer wieder geäußerte Freude über die unerwartet große Zuschauerzahl im Zelt: „There are so many of you!“ „Thank you for being so many!” “You are now many more than when I first said there are so many of you!“


Vielleicht lag es an der Resonanz, das die Sängerin vor “Running With The Wolves” den riesigen Blazer abwarf und nach ihrem Gesangspart im letzten Lied “Conqueror” ihre In-Ears sorgfältig auf dem Boden ablegte, um dann einen wilden Tanz aufzuführen, der auch bei der Keyboarderin auf der Bühne Überraschtheit auslöste - den Tanz bekommt also wohl nicht jedes Publikum zu sehen!

Die spontane und recht hektische Fahrt zum Festival hatte sich gelohnt, denn wir wurden mit einem der (für uns) besten Auftritte des Maifeld Derbys 2015 belohnt.


Setliste:

?
Warrior of love
Runway
Under the water
Awakening
Murder Song
Under Stars
Running with the wolves
Conqueror

Nach diesem schönen Konzerteindruck wanderten wir zu Amish Winehouse im Parcour d’Amour. Mal ehrlich, wer gibt seiner Band einen derart bescheuerten Namen?


Angesichts des Bandnamens hätte ich eher eine krachige Schülerband erwartet, aber Amish Winehouse sind eine durchaus erwachsene Band aus den Niederlanden, die ruhigen Folkpop macht. Ein Song wurde mit den Worten: „The next song is a bit loungy, so you can all chill in a melancholy way“ angekündigt – aber ehrlich gesagt galt dieses Statement für jedes Lied.

Da das Ganze musikalisch eher langweilig ausfiel, fanden wir es nicht so schlimm, dass die Band ihren zugedachten Zeit-Slot bei weitem nicht ausfüllte und das gesamte Set nur etwa 25 Minuten dauerte. So waren wir überraschend schnell wieder auf dem Rückweg ins Palastzelt.


Dort war nun The Soft Moon an der Reihe, eine amerikanische Ein-Mann-Band, die bereits im Vorprogramm von Depeche Mode zu sehen war. Ich war nach Lektüre der Programmheftbeschreibung an dem Auftritt interessiert gewesen, hielt ihn aber letztlich nur fünf Lieder lang aus, die Musik war doch allzu krachig nach Art der lautesten Lieder von Nine Inch Nails. Luis Vasquez bediente zu den Liedern abwechselnd Gitarre, Keyboard oder auch mal ein Fass, man konnte aber in Nebel und Dunkelheit kaum etwas sehen. Letztlich passte der Auftritt weder sonderlich gut zum frühen Abend noch zum Maifeld Derby.


Also ging es eben wieder raus ins Tageslicht, wo nun auf der Fackelbühne der Auftritt von The Rural Alberta Advantage begann. Im Programmheft stand, die Band habe via Facebook Spargel-Catering geordert, was ja schon einmal sympathisch klingt. Auf der Bühne bot das kanadische Trio eingängigen Folk-Pop, der viele zum Mitsingen und-tanzen anregte. Letzteres hatte sicher auch mit der vor wenigen Minuten beendeten Bundesliga-Saison zu tun, denn einige der begeisterten Tänzer trugen VfB Stuttgart- und FC Augsburg-Trikots. Aber auch sonst haben The Rural Alberta Advantage, die viele Songs von ihrem aktuellen Album "Mended With Gold" spielten, offenbar Fans in Mannheim.


Setliste:

Stamp
Muscle relaxants
Don't haunt this place
Our love...
Drain the blood
Tornado 87
Frank, AB
On the rocks
Runners in the Night
Terrified
Edmonton
Barnes' Yard


Im Zelt waren nun die Maifeldderby-Veteranen Sizarr zu sehen, die bereits vor zwei Jahren hier aufgetreten waren – und vor drei Jahren angekündigt, aber von einem Gewitter am Konzert gehindert worden waren. Die drei Musiker aus Landau haben in der Zwischenzeit ein zweites Album veröffentlicht und offensichtlich ihre Fanbasis erweitert, denn das Zelt war gut gefüllt, in den ersten Reihen mit vorwiegend jungen und weiblichen Anhängern.

Nicht geändert hat sich, dass die Band nicht sonderlich gesprächig ist, lediglich zu einer Vorstellung und der Empfehlung, bitte auch den Auftritt der befreundeten Band Drangsal zu besuchen, konnte man sich durchringen.


Sizarrs Sound ist heutzutage teilweise etwas rockiger als früher. Philipp Hülsenbeck wechselte nur selten ans Keyboard, während Fabian Altstötter beim Singen teils Gitarre oder Keyboard spielte, teils Rasseln schwenkte. Die Instrumente der Band waren seltsam am Bühnenrand auf Podeste gestellt worden, so dass sich Fabian dazwischen in einem Graben zu befinden schien.

Irgendwie lassen mich Sizarrs Auftritte immer etwas ratlos zurück. Für mich wäre es hilfreich, wenn die Band etwas Spielfreude vermitteln könnte, sei es nun Verbal oder durch Mimik / Gesten. Interessante Songs sind ja durchaus vorhanden. So kamen neben den älteren Hits wie "Purple fried" und "Boarding time" vor allem "Baggage man" sehr gut an.


Setliste:

I may have lied to you
Clam
Purple fried
Run dry
Scooter Accident
Baggage man
You and I
How much for this
Boarding time
Timesick


Anschließend war ein kleiner Spurt in den Parcours d’Amour angesagt, wo bereits Charlie Cunningham aufspielte. Der britische Musiker, der noch kein Album veröffentlicht hat, begleitete seine ruhigen Balladen selbst auf der Gitarre und schaffte es gleichzeitig, auf dem Corpus einen Rhythmus zu klopfen.

Er zeigte sich sehr angetan darüber, dass der Parcours so voll war, insbesondere angesichts der Tatsache, dass parallel die Amerikaner Brand New auf der Fackelbühne standen (und ergänzte scherzhaft, dass manche jetzt sicher bestürzt dächten: „Was? Brand New spielen auch hier und ich bin stattdessen hier?“). Auch das restliche Lineup des Festivals, insbesondere Mogwai, schien seinen Geschmack zu treffen.


Eine Setliste kann ich nicht anbieten, aber Cunningham erklärte bei einem Lied, es handele davon, Heroin ausprobieren zu wollen, wenn sich das Leben sowieso dem Ende nähere, aber wirklich erst dann. Cunninghams Auftritt wurde, wie die meisten im Parcours, mit sehr viel Ruhe und anschließendem Applaus bedacht.


Auch unser Besuch im Parcours d’Amour näherte sich schnell seinem Ende, denn wir mussten zurück ins Palastzelt zum Headliner Archive.

Archive ist so eine Band, gegen die ich überhaupt nichts habe, mit der ich mich aber auch noch nie richtig auseinander gesetzt habe. Um so gespannter war ich auf den Liveauftritt. Das Festivalgelände hatte sich in den letzten paar Stunden deutlich stärker gefüllt, so dass ich annahm, dass viele Besucher extra für die Auftritte von Archive und Mogwai Tagestickets erworben hatten.


So war das Palastzelt dann auch recht dicht gefüllt, als die Band die Bühne betrat. Mein Freund hatte mir vorab erklärt, dass Archive manchmal mit und manchmal ohne Sängerin auftreten (korrekter wäre es wahrscheinlich, zu sagen, dass Archive ein Künstlerkollektiv sind, bei dem zwei Frauen dabei sind, das aber in wechselnder Besetzung live auftritt), und es zeigte sich schnell, dass ihre Derby-Performance „ohne“ war – was ich bedauerte und was sich, zum Beispiel durch das Fehlen von "Black And Blue", auch auf die Setliste auswirkte. Erschienen waren ein Schlagzeuger, links bzw. rechts neben ihm ein Bassist und ein Gitarrist, an beiden Bühnenrändern waren zwei Keyboarder platziert. Sie alle trugen eine Art schwarze Uniformjacke, auf deren Ärmeln das stilisierte „A“ für Archive zu sehen war.


Vorne am Bühnenrand befanden sich Pollard Berrier und Dave Penn, beide ohne Uniformjacke, und übernahmen annähernd abwechselnd den Leadgesang. Beide spielten manchmal Gitarre, Penn gelegentlich auch unterstützend Schlagzeug.

Das zumindest mir am beste bekannte Lied „Fuck U“ wurde schon früh im Set dargeboten und im Publikum eifrig mitgesungen, ansonsten boten die meist mit langen Instrumentalteilen versehen Songs eher Anlass zum Mittanzen als zum Mitsingen. Auf der Bühne war es dabei recht dunkel, es gab auch keine Deko – lediglich der jeweilige Leadsänger wurde leicht angestrahlt.


So richtig konnte mich Archives Auftritt nicht fesseln, da ich insgesamt wenig Begeisterungsfähigkeit bezüglich endloser Instrumentalteile aufbringen kann. Ich hatte aber den Eindruck, dass die Band beim Publikum gut ankam.


Setliste:

Feel It
Fuck U
Dangervisit
Finding it so hard
?
Ruination
Conflict is
Bullets
Ride in squares
?

Anschließend legten wir ein weiteres Mal den Weg zum Parcours d’Amour zurück, wo die Bühne mittlerweile rot angestrahlt war und Musée Mécanique auf ihr standen. Die Tribüne war voller, als wir sie bislang erlebt hatten, es waren also bei weitem nicht alle Festivalbesucher bei Archive gewesen und hatten sich für eine ruhigere Variante entschieden.

Konstantin Gropper von Get Well Soon hatte sich im Programmheft als Musée Mécanique-Fan geoutet, und in der Tat ließen sich durchaus Parallelen zwischen den Arrangements dieser Band und denen von Gropper ziehen – auch wenn der Gesang völlig anders klang.


Auch hier kann ich keine Setliste anbieten, zumal wir wieder einmal den Anfang verpasst hatten, aber bei unserem Eintreffen wurde gerade die Single „A Wish We Spoke“ angekündigt und erklärt, dass der Musikexpress das Video featured. Dieser Blog übrigens auch, aber das konnte die Band am Samstagabend noch nicht wissen.

Zum letzten Song des Sets wurde uns erklärt, es handele sich um "The Shaker's Cask", den Epilog des (Konzept-) Albums "From Shores Of Sleep" und beziehe sich auf Robert Schumann, den wir ja sicher alle bestens kennen würden. Das hat möglicherweise nicht ganz gestimmt.


Zurück im Palastzelt war die Zeit für den zweiten Headliner des Samstags gekommen: Mogwai. Wer oben in meinen Sätzen zu Archive gelesen hat, dass ich mich für endlose Instrumentalteile nur selten begeistern kann, wird nicht sonderlich überrascht darüber sein, dass mich auch die Ankündigung der schottischen Band nicht in Begeisterungsstürme versetzt hatte. Im Grunde geht es mir bei Mogwai ganz ähnlich wie bei Archive (und anders als bei José González): Ich verstehe schon, was anderen daran gefällt, kann es aber selbst nur schwer teilen.

Dabei sorgte die Instrumentalband sogar für einige Gesangseinlagen – bei einigen Songs kam ein Zusatzmusiker auf die Bühne, der einmal sang ("Mexican Grand Prix"), gelegentlich auch andere Instrumente (Geige und Schlagzeug) bediente, und auch der Keyboarder sang bei einigen Songs stimmverzerrt mit. Der Mittelteil der Bühne blieb, in Abwesenheit eines eigentlichen Sängers, aber meistens verwaist.


Der Hintergrund war nun nicht mehr komplett frei von Deko (wie vorher bei Archive), sondern war an der Rückseite mit einem Banner des letzten Albumcovers dekoriert, das neonartig leuchtete. Jedoch wurden mit "Deesh" und "Remurdered" nur zwei Songs aus "Rave Tapes" dargeboten. Ansonsten wurde die Bühne von Verstärkermassen verziert. Diese hatten auch Auswirkungen, denn beim nun stattfindenden Klangfeuerwerk war ich doch sehr, sehr froh, Ohrenstöpsel dabei zu haben, und auch mein im allgemeinen weniger lautstärkeempfindlicher Freund griff hastig zum Schallschutz. Man soll Mogwai auf dem gesamten Gelände sehr gut gehört haben…

Besonders „gemein“ war "Mogwai Fear Satan", das langsam auszuklingen schien, dann aber plötzlich nochmals mit voller Lautstärke infernalisch weiter ging. Interessant war das Set in jedem Fall, musikalisch fand ich es ebenfalls angenehm, aber große Freunde werden Instrumental-Endlostracks und ich wohl nie werden.


Setliste:

White Noise
I'm Jim Morrison, I'm Dead
Rano Pano
Mexican Grand Prix
Ithica 27ø9
Hunted by a Freak
Mogwai Fear Satan
How to Be a Werewolf
Deesh
Remurdered
2 Rights Make 1 Wrong
We're No Here

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