Irgendwie lief es bei uns dieses Jahr bezüglich Festivals noch nicht sonderlich gut. Man kann zwar beim besten Willen nicht behaupten, da...

Neulich im Pott: Traumzeit Festival 2018, Tag 1


Irgendwie lief es bei uns dieses Jahr bezüglich Festivals noch nicht sonderlich gut. Man kann zwar beim besten Willen nicht behaupten, dass mein Freund sich nicht bemüht hätte, mich zu Primavera, Best Kept Secret, irgendetwas in Mailand oder gar dem Lollapalooza in Paris (Liste unvollständig) zu motivieren... aber wenn man sich die Lineups und Termine so ansah, sprach, zumindest aus meiner Sicht, doch immer sehr viel gegen einen Besuch.

Vom Traumzeit in Duisburg hatte ich bis dieses Jahr überhaupt noch nie gehört, dabei existiert das Festival im Landschaftspark Nord bereits seit 1999! Auf dem Gelände eines ehemaligen Hüttenwerkes werden insgesamt drei Bühnen bespielt. Uns lockte die Aussicht auf ein "kleines" Festival mit den entsprechenden Vorteilen (kaum besoffene Idioten, keine penetrante Sposorenwerbung, kurze Fußwege und wenig Gedrängel) und natürlich das Lineup: Slowdive, The Jesus & Mary Chain und Mogwai hatten sich unter anderem angekündigt. Und all das für ganze 75 Euro.


So richtig gut vorbereitet war ich aber wahrlich nicht auf unseren Ausflug, so machte ich mir vor unserer Anreise am Freitagabend ziemliche Sorgen, dass der fürs Wochenende angekündigte starke Wind vielleicht zum Problem werden könnte. Dabei hätte ich anhand der Bühnennamen schon ahnen können, dass sich nur eine überhaupt draußen befand - sowohl die Gießhalle als auch die Gebläsehalle sind nämlich, man ahnt es schon, Hallen.

Ebenfalls nicht vorbereitet war ich auf die Schönheit des Geländes - das Hüttenwerk wird nach seiner Schließung für Dutzende unterschiedlicher Aktivitäten genutzt, ist also keineswegs verwaist. Neben den beiden Konzerthallen gibt es einen Hochseilparkours, Klettermöglichkeiten sowie ein Indoor-Tauchbecken im ehemaligen Gasometer. All das funktioniert aber integriert in die verlassenen Werkshallen, in und zwischen denen sich auch schon reichlich Vegetation befindet. Das Ganze hat also einen "lost places"-Touch, gleichzeitig hat man sich hier aber große Mühe gegeben, bei wenig optischen Veränderungen und unter Bewahrung des "verwilderten" Eindrucks den Besuchern möglichst viel anzubieten. Mit Erfolg.


Insofern ergibt es auch Sinn, dass, für uns ungewohnt, der Bereich des Festivals mit den Fressständen sowie eine Zusatzbühne für lokale Musikacts kostenlos für alle Besucher zugänglich waren - lediglich für den Zutritt zu den drei "richtigen" Auftrittsorten musste man sein Bändchen vorzeigen.


Unser Freitagabend begann dann in der Gebläsehalle, die sich als wunderschöner Raum mit Industriecharme entpuppte, der sogar jede Menge, nach hinten aufsteigende Sitzplätze bot. Bequemer geht Festival wohl nicht. Der Quasi-Eröffnungsact war der Knappenchor Rheinland. Mein Freund hatte mir vorab erzählt, dass sonst ein anderer Chor das Festival eröffnet hätte, dass dieser aber wegen des hohen Alters seiner Mitglieder habe aufgeben müssen (das stimmt auch, es handelt sich um den Knappenchor Homberg). Um so erstaunter war ich, dass auch auf der 2018er Bühne sicher kein Chormitglied unter 75 Jahren war, einige taten sich mit dem Gehen auch schon sichtlich schwer. Kein Wunder: Der Knappenchor Rheinland aus Moers ist nun der letzte seiner Art und wurde auch schon 1932 gegründet.


Die 28 Chormitglieder trugen schwarze Anzüge und für uns seltsam anmutende Hüte mit grünen Puscheln. Die Lieder drehten sich alle ums Bergmannleben und wir hörten das eine oder andere "Glückauf". Als quasi dramaturgischen Höhepunkt bekamen die meisten Chorsänger zum vorletzten Lied Schnapsgläser, die sie dann an der richtigen Liedstelle synchron austranken, beim letzten Lied wurde ebenfalls choreographiert zum Abschied gewunken. Mir ist das Konzept Männerchor natürlich fremd, und die Arbeiterkultur des Ruhrgebiets ebenso, aber es war zumindest schön, dieses Stück Original-Ruhrpottgeschichte mit bei dem Festival zu haben. Zur Belohnung gab es dann auch stehende Ovationen des Publikums.


Wir blieben anschließend einfach sitzen und warteten auf den nächsten Act, Lilly Among Clouds. Die junge Niederbayerin (in ihrem Heimatort Straubing hätte ich einst beinahe mein Lehramtsreferendariat absolviert) heißt eigentlich Elisabeth Brüchner, und der musikalische Erfolg ist ihr noch relativ neu - was man an ihrer generellen positiven Aufgeregtheit merkte. Mehrfach bedankte sie sich beim Publikum fürs Kommen und fürs Zuhören, und bei den Festival-Organisatoren für die Einladung.

Letztes Jahr veröffentlichte sie ihr erstes Album "Aerial Perspective", von dem auch alle bis auf drei der in Duisburg gespielten Lieder stammten. Begleitet wurde Lilly dabei von einer dreiköpfigen Band, die genauso jung wirkte wie die Sängerin.

Die Musik und der dramatische Gesang erinnerte mich mal an Kate Bush, mal an Florence and the Machine, die Festivalzeitung zog dagegen Parallelen zu Lana del Rey - allesamt keine schlechten Bezugsgrößen, auch wenn ich die letzte nicht ganz nachvollziehen kann.


Bei "Listen to your Mama" wurde das Publikum gebeten, aufzustehen und einen Teil des "Oh oh" Refrains zu singen. Gut, dass Lilly gleich den Druck aus der Sache nahm, indem sie erklärte, sie könne uns wegen der Scheinwerfer sowieso nicht sehen. Mitgemacht wurde aber trotzdem eifrig, sogar im Stehen.

Witzig war übrigens, dass die Setliste, auf die wir im Anschluss des Sets eine Blick erhaschen konnten, aus der Zukunft zu stammen schien - sie war mit "Umsonst & Draußen" beschriftet,  dem Festival-Auftrittsort des nächsten Tages.

Setliste:

Mother Mother
Long Distance Relationship
Well, I Could
Boys
Like A Bombshell
Surprise, Surprise
Your Hands Are Like Home
Listen To Your Mama
Blood & History


Anschließend wandelten wir zur einzigen Freilichtbühne, dem sogenannten Cowperplatz, auf dem beinahe sofort das Set von Gisbert zu Knyphausen begann. Den Singer/Songwriter hatten wir zuletzt beim A Summer's Tale Festival als Mitglied der Liveband von Olli Schulz gesehen, damals mit Krücken und einem Gipsbein. Mittlerweile geht es ihm offensichtlich wieder gut.

Bei Gisbert zu Knyphausens Musik denke ich meist, das sie mir besser gefallen sollte, als sie das letztendlich tut. Stets nehme ich mir vor, mehr auf die zweifellos tiefsinnigen Texte zu achten, und doch ziehen sie letztlich an mir vorbei... was sicherlich auch damit zu tun hat, dass der Sänger nicht viel von der übrlichen Liedstruktur mit Strophen und Refrain zu halten scheint.


Zu Knyphausen war mit voller Band inklusive Bläsern erschienen. Gesagt wurde während des gut besuchten Auftritts wenig, denn man war sich des recht kurz angesetzten Slots bewusst, den man mit möglichst vielen Liedern füllen wollte. Fünf der insgesamt zwölf gespielten Songs kamen vom aktuellen Album "Das Licht dieser Welt", dessen Cover auch im Hintergrund der Bühne auf Stoffbahnen zu sehen war. Weitere stammten von Gisberts ehemaliger Band, Kid Kopphausen.

Setliste:

Niemand
Unter dem hellblauen Himmel
Stadt Land Flucht
Das Leichteste der Welt (Kid Kopphausen song)
Dreh dich nicht um (Kid Kopphausen song)
Hier bin ich (Kid Kopphausen song)
Neues Jahr
Kräne
Das Licht dieser Welt
Etwas Besseres als den Tod finden wir überall
Erwischt
So seltsam durch die Nacht


Im Anschluss gingen wir erstmalig zur zweitgrößten Bühne in der Giesshalle - auch hier steigt der Zuschauerraum nach hinten an und gewährt so maximal 1500 Personen von überall gute Bühnensicht, allerdings gibt es keine Sitzplätze. Gerade hatten Parcels aus Australien ihr Set begonnen, deren funkige Klänge uns schnell davon überzeugten, dass nun ein guter Zeitpunkt für eine Essenspause war.


Frisch gestärkt ging es zurück zum Cowperplatz, wo die Bühne nun mit Spiegeln dekoriert war und  der schweizerische Sänger Faber seinen Auftritt begann. Mir war ehrlich gesagt nicht bewusst gewesen, dass es sich bei dem Künstler, den ich vorab gar nicht gekannt hatte, um den Tagesheadliner handelte - aber so war es, und nachdem Faber auch im nicht gerade kleinen Kölner Palladium auftritt, hatte ich seine Bekanntheit definitiv unterschätzt.

Entsprechend gut war der Platz nun gefüllt, und wir konnten eine etwas seltsam wirkende Einstimmungsübung der Musiker am Bühnenrand beobachten, bevor es richtig los ging. Gemeinsam mit seiner Band, der Goran Koč y Vocalist Orkestar Band, spielte der Sänger sehr balkanlastigen und tanzbaren Pop mit teils provokanten, mit rauchig-verlebter Stimme gesungenen Texten auf Hochdeutsch, Italienisch, Französisch und Schweizerdeutsch. Viele sangen mit. Zu "Amore" zog Faber sein Hemd aus und wälzte sich mit dem Gitarristen in einer homoerotischen Tanzeinlage auf der Bühne.


Dass das Ganze in seiner Schmissigkeit gut ankam, konnte ich verstehen, für mich war es dennoch eher nichts, zumal ich beim dritten Lied "Nichts" ständig an den "King Louie Song" aus dem Dschungelbuch denken musste - aus beiden Liedern könnte man problemlos ein Mashup machen. Nichts gegen das Dschungelbuch, aber das gibt es halt schon länger.

Wir verließen das Konzert, als das als solche angekündigte letzte Lied noch nicht beendet war, laut Berichterstattung des nächsten Tages folgte im Anschluss als Zugabe noch ein A Capella Song.

Setliste:

Wem du's heute kannst besorgen
Es könnte schöner sein
Nichts 
Ivana
In Paris brennen Autos
Es wird ganz gross
Amore 
Alles Gute
Lass mich nicht los
Tausendfrankenlang


"Unseren" Hauptact Slowdive hatten wir bereits kurz nach unserem Eintreffen auf dem Gelände zum ersten Mal gehört - wir konnten vom Food-Bereich aus problemlos den Soundcheck der Band akustisch verfolgen und hörten so bereits vorab Teile von "When the sun hits", "Star Roving" (das deutlich schneller klang als sonst), "Crazy for you" und "Sugar for the Pill".

Für den eigentlichen Auftritt in der Giesshalle ergatterten wir mühelos Stehplätze direkt vor der Bühne - die Halle  warzwar gut gefüllt, aber es herrschte keineswegs Gedrängel. Slowdive verfügen über eine recht feste Setliste, so dass wir für den Abend nicht mit großen Überraschungen rechneten - die Frage war höchstens, welche Lieder im Sinne eines Festivalslots gestrichen worden waren.


Letztlich hörten wir dann elf ältere und neue Songs, inklusive der Coverversion "Golden Hair" zum Schluss. Das nächste Mal werden wie Slowdive schon in vierzehn Tagen beim Jubiläumsspektakel von The Cure erleben - ob zu diesem Anlass die Coverversion vielleicht ausgetauscht wird? Zumindest beim kürzlichen, von Robert Smith kuratierten Meltdown Festival standen The Cure-Cover hoch im Kurs.

Mein Freund blieb übrigens bei seiner lieb gewonnenen Tradition, Neil Helstad vor dem Konzert irgendwo zu "treffen": Nach einem indischen Restaurant in London und einem Antiquitätenladen in Amsterdam war es hier allerdings der etwas weniger überraschende Backstagebereich, in den er Neil schlendern sah.


Wie immer wurde während des Konzertes so gut wie nicht gesprochen, dafür bestätigte sich der beim Soundcheck gewonnene Eindruck: Slowdive waren an diesem Tag besonders druckvoll unterwegs, vieles klang schneller und auch krachiger als sonst - was durchaus angenehm war (auch, wenn ich durchaus froh über meine Ohrenstöpsel war).

Bei so wenig verbaler Kommunikation flüchtet man sich leicht in Deutungen: Rachel trug ein Maxikleid, auf dem kleine Kakteen zu sehen waren, was mein Freund als subtile Einladung zum Cactusfestival verstand, das Mitte Juli in Brügge stattfindet und bei dem auch Slowdive spielen werden. Also muss ich ihm wohl schon wieder ein Festival ausreden...


Bis dahin können wir uns in jedem Fall auf den Auftritt in London freuen, denn dieses Konzert machte Lust auf eine baldige Widerholung.

Setliste:

Slomo
Catch The Breeze
Crazy For You
Star Roving
Souvlaki Space Station
No Longer Making Time
Alison
When The Sun Hits
Sugar For The Pill
Golden Hair (Syd Barrett Cover)

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