Conversations with... (1): Amanda Palmer im Luxemburger Conservatoire


Freitagabend war ich mal eben in Luxemburg bei einem Konzert. Die Tickets hatten wir bereits seit Februar, und ehrlich gesagt konnte ich mich nicht genau erinnern, wieso ich zugestimmt hatte, Amanda Palmers Auftritt  zu besuchen - im Ausland. Zumal ich die Musikerin gar nicht sonderlich gut kannte.

Zumindest hinsichtlich der Luxemburgreise konnte mein Freund drei Erklärungen bieten: Das näher gelegene Konzert in Offenbach wäre unter der Woche gewesen, das Conservatoire in Luxemburg kannten wir noch nicht, etwas günstiger war es auch, und überhaupt, wer fährt schon freiwillig nach Offenbach (wobei das Capitol ja in Wirklichkeit durchaus schön ist)?


Also arbeitete ich an dem Tag Zuhause und machte um 17 Uhr Schluss, damit wir die Zwei-Stunden-Fahrt nach Westen rechtzeitig absolvieren konnten. Der Konzertbeginn war für 20 Uhr angesetzt, und da es keine Vorband gab, rechnete ich mit einer Konzertlänge von maximal zwei Stunden. Um Mitternacht würde ich im Bett sein.

Ja, ich war wirklich schlecht vorbereitet, denn sonst hätte ich gewusst, dass zwei Stunden in Frau Palmers Universum für vielleicht fünf Lieder reichen. Die Künstlerin hat ein neues Album namens "There Will Be No Intermission" (so heißt auch die Tour), das mit Hilfe von Patreon-Förderern finanziert wurde. Die durchschnittliche Liedlänge darauf (so erklärte sie im Laufe des Abends) beträgt acht Minuten, und sie ist froh darüber, die Songs nicht mehr, wie früher, mit einer Plattenfirma besprechen zu müssen, die möglicherweise nicht nur wegen der Songlänge, sondern auch wegen der Themen Einwände hätte. Parallel zum Album ist auch ein gleichnamiges Buch erschienen, und auch aus diesem bekamen wir im Laufe des Abends vorgelesen. 


Aber beginnen wir am Anfang: Unmittelbar vor dem Konzert wurde Tori Amos' "Cornflake Girl" gespielt, was einerseits eine nette Erinnerung an mein letztes Konzert in Luxemburg war, andererseits sicherlich ein Verweis auf die enge Freundschaft zwischen Amos und Amanda Palmers Ehemann, dem Schriftsteller Neil Gaiman.

Frau Palmer betrat die Bühne des kleinen Konzertsaals, in dem es mitten auf der Bühne einen Flügel und am Rand eine fest installierte Orgel (!) gab, mit ihrer Ukulele und sang uns unverstärkt und durchs Publikum schreitend den Song "In My Mind". Am Ende erreichte sie wieder die Bühne, begrüßte uns und erwähnte, dass dies der seltsamste Konzertsaal sei, in dem sie bei der Tournee bis jetzt gespielt habe. Zugegebenermaßen gingen die Zuschauerränge recht steil bergauf, was die Sängerin offenbar an einen Hörsaal erinnerte - sie bedauerte witzelnd, keine Tafel zu haben, um die wichtigsten Aussagen des Abends anschreiben zu können, und rechnete damit, dass wir mitschreiben würden. Außerdem erwähnte sie, dass der Saal eine Sperrstunde habe und sie das Set deshalb auf drei Stunden beschränken müsse - was wiederum kein Witz war.


Spätestens jetzt wurde auch mir klar, dass ich nicht bei einem normalen Konzert war, sondern bei einer Performance, deren Wortbeiträge mindestens genauso wichtig waren, wie die gespielten Songs. Als Inspiration für diese Art Auftritt erwähnte Palmer selbst die letzte Tournee von Nick Cave, eine ähnliche von Bruce Springsteen und die australische Comedian Hannah Gadsby. Vielfach, aber nicht immer, leiteten die detaillierten Geschichten die Lieder ein - etwa vor "Runs in the Family": Amanda erzählte von ihrer Kindheit, davon, wie sie zunächst Wham! und Duran Duran hörte, durch ihren Stiefbruder auf The Cure aufmerksam wurde, wie sie anfing, den Flügel ihrer Mutter zu malträtieren, damit ihre Familie wach hielt und regelmäßig Saiten zerstörte - die ihre Mutter klaglos bezahlte, weil sie vermutlich dachte, das sei immer noch billiger als eine Therapie.


Meist, eigentlich immer, waren die erzählten Geschichten traurig bis schrecklich: Mehrere Familienmitglieder und Freunde von Amanda starben, während sie beim Austauschstudium in Regensburg war (sie erwähnte, dass sie allein über Bayern auch ein abendfüllendes Programm zusammenstellen könnte). Sie erzählte detailliert von insgesamt drei Abtreibungen sowie einer Fehlgeburt, von ihrer Schockiertheit über die Terroranschläge von Boston und anschließend darüber, dass sie wegen eines Gedichtes, das sie darüber veröffentlicht hatte, massiv bedroht wurde. Immer wieder tauchte in den Geschichten ihr bester Freund Anthony auf, dessen Tod sie vor einigen Jahren ebenfalls begleiten musste (und nach dem ihr Sohn benannt wurde). Letzteres wurde in dem Lied "Machete" verarbeitet.


Ein vergleichsweise leichtes Thema war dann noch der Klimawandel: Frau Palmer hatte tagsüber den "Fridays for Future" Marsch von Luxemburg besucht und dort auch gesungen - und bedauerte, dass es zum einen wenige aktuelle Protestsongs gäbe- bei der Klima-Demo war unter anderem "YMCA" gespielt worden - und im Spezielleren, dass sie keinen eigenen im Repertoire hat. Dafür nutzte sie das Thema dafür, an der Orgel "Imagine" vorzutragen, wobei das Orgelspiel mehr schlecht als recht gelang - es war wohl auch eher als Experiment gedacht.


Das Lied "A Mother's Confession", das Palmer im Rahmen einer "Wir schreiben jetzt ganz viele Songs"-Nacht mit Jason Webley geschrieben hatte und das wegen der Eile beim Schreiben besonders lang geworden ist (!), handelt von diversen peinlichen Erlebnissen als frisch gebackene Mutter: Das Baby fällt herunter, die Mutter stiehlt abgelenkt versehentlich etwas im Supermarkt, das Baby wird im Auto vergessen... beim Refrain "at least the baby didn't die" diente das Publikum als Chor.

Dann kam... eine Pause. Was mich angesichts des Tourtitels sehr überraschte, aber nach Entdeckung der Tatsache, dass im Foyer überall kleine Schalen mit Chips aufgestellt worden waren, hatte ich eine neue Lieblingshalle! Im Konzertsaal wurde begleitend Musik von The Cure gespielt.

Nach der Pause erklärte uns Amanda, der nun folgende zweite Teil sei kürzer, aber auch viel trauriger. Zuerst hörten wir aber den Dresden Dolls-Songs "Coin Operated Boy". Amanda erzählte als letzte Geschichte von einer traumatischen Fehlgeburt in einem weit abgelegenen Yoga-Hotel (die anderen vielen, schrecklichen Details der langen Erzählung will ich an dieser Stelle gar nicht ausführen), an deren Ende sie erkannt hatte, dass sie die Dinge, die das Leben ihr aufbürdet, ertragen kann. Quasi als versöhnlichen Abschied hörten wir als Abschluss "Let It Go" aus dem Disney-Film Frozen.


Danach war das Konzert offiziell beendet und die Sperrstunde erreicht, dennoch bekamen wir noch, als kleine Zugabe (normalerweise wird an dieser Stelle noch das sehr lange "The Ride" gespielt") den "Ukulele Song" zu hören, der auch schön Anfang und Ende des Konzertes zusammenführte.

Ein spannender, aufrüttelnder, nachdenklich machender Abend. Ob ich mir in Zukunft Frau Palmers Musik freiwillig anhören möchte,  weiß ich ehrlich gesagt dennoch noch nicht, aber als Performance zum Thema "Schmerz und die Aufgaben einer Künstlerin" war das Konzert schon sehr gut. Im Bett lag ich dann letztlich um 2 Uhr morgens.


Setliste:

In My Mind
Runs In The Family
Bigger On The Inside
Oasis
Machete
Imagine (John Lennon Cover)
A Mother’s Confession

Coin-Operated Boy (The Dresden Dolls Song)
Drowning In The Sound
Let it go (Idina Menzel Cover)

Ukulele Song 

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