Mercy beaucoup: The Jeremy Days in Kölner Yard Club


Eine typische Alterserscheinung, die ich zunehmend bei mir selbst beobachte: Ich erinnere mich an Dinge als „gar nicht so lange her“ und stelle dann beim Prüfen fest: Oh doch, das ist vor mehreren Jahren passiert! So hatte ich im Hinterkopf, dass ich die Jeremy Days irgendwann im Frankfurter Zoom an dessen alten Standort gesehen hatte, und hätte dieses Ereignis zeitlich irgendwann nach der Pandemie verortet. Tatsächlich fand das Erlebnis mit der gealterten Band und ihrem ebenso gealterten Publikum aber schon im Jahr 2019 statt. Was natürlich auch bedeutet, dass Band wie Publikum mittlerweile noch sieben weitere Jahre auf dem Buckel haben!

Erst bei der Lektüre des damaligen Berichts erinnerte ich mich auch so richtig daran, dass diese Reunion noch ohne neues Songmaterial stattgefunden hatte. Bereits 2022 ist dann ein neues Album der Band erschienen, die abgesehen von Christoph M. Kaiser noch alle ihre Originalmitglieder enthält.



Nun sind die älteren Herren also wieder auf Tournee, wobei die aktuelle Terminreihe nur sechs Konzerte umfasst, zwei davon im Kölner Yardclub. Dieser befindet sich auf demselben Gelände wie die Kantine, die wir erst vor zwei Wochen besucht hatten. Trotz der Routine gestaltete sich die Anfahrt dieses Mal jedoch etwas langwieriger als erwartet, so dass wir eher knapp vor Ort eintrafen. Am Einlass wurden wir optisch sofort als Gäste des The Jeremy Days-Konzertes identifiziert und in die richtige Richtung geschickt - in der Kantine spielte nämlich parallel eine andere Band, deren Publikum deutlich jünger ausfiel.

Gerade erst hatten wir in meinem alten Bericht gelesen, dass damals die anderen Konzertgäste frühzeitig vor Ort gewesen waren - und auch an diesem Abend schienen wir fast die letzten Zuschauer zu sein, die eintrafen, und das bei ausverkauftem Haus. Praktischerweise befindet sich im Yard Club der Saal-Eingang ganz vorne vor der Bühne, so dass wir hier einfach stehen bleiben konnten.



Wir fragten uns noch, wie die Musiker sich wohl der Bühne nähern würden, denn als Zugangsmöglichkeiten boten sich nur der Publikumsbereich und der Gang, durch den wir selbst gekommen waren, an - da kamen sie schon aus dem hinteren Teil des Zuschauerraums, wo sie sich vorher vielleicht am Merch-Stand aufgehalten hatten.

Der erste Song war "Breathe" vom "neuen" Album, und wie schon 2019 hatte ich auch hier sofort den Eindruck, dass die Band mit viel Freude bei der Sache war. Dirk Darmstädter erzählte im Anschluss, dass neben uns auch seine Schwester extra aus Spanien angereist sei, ein Cousin sei ebenfalls anwesend, und auch sein Chiropraktiker. Wenn er mal kurz von der Bühne verschwände, wüssten wir ja, wo er sei.



Nach dem alten Song "Virginia" folgte "Beauty in Broken", bei dem Darmstädter witzelte, es fühle sich so komisch an, ein Lied von "neuen Album" anzukündigen. Ein Zwischenrufer fragte, ob darüber denn auch die "Bravo" geschrieben hätte, und alle überlegten gemeinsam, ob es diese wohl noch gibt.

Der einzige Radiohit der Jeremy Days (Darmstädter nennt sie übrigens "J Days"), "Brand New Toy" folgte  kurz danach. Dirk Darmstädter kündigte das Lied als "irgend so ne B-Seite" an, es blieb offen, ob er hier nur damit kokettierte, dass diesen Song wirklich jeder mit der Band in Verbindung bringt, oder ob er auf die bei anderen Konzerten erzählte Geschichte anspielte, dass "Brand New Toy" in Russland einst als Doppelsingle kursiert haben soll, auf deren anderer Seite sich Modern Talkings "Cheri Cheri Lady" befand.



Zu "Loved" vom dritten Album "Speakeasy" wurden wir aufgefordert, beim Refrain mitzusingen. Anschließend bedankte sich Dirk Darmstädter bei einem Fan, der ihm eine ganze Kiste voll Konzertaufnahmen auf Musikkassetten geschickt habe, die er sich alle anhören werde - sobald er einen Kassettenspieler habe. Er tat ein bisschen so, als sei das anwesende Publikum wesentlich jünger als er (was definitiv nicht der Fall war) und behauptete, wir könnten uns sicher gar nicht an Zeiten erinnern, in denen man nicht alles mit dem Smartphone aufzeichnen konnte, in denen immer ein komischer Mann im Publikum stand und mit Kassette und Mikrophon einen Mitschnitt anfertigte.

Ich fragte mich noch, ob in der Kassettenkiste wohl auch die von mir besuchten Konzerte zu finden seien (Kölner Alter Wartesaal - 1988, Schwandorfer Oberpfalzhalle - ca. 1990, Münchener Nachtwerk - ca. 1991), da schweifte die Geschichte ab in eine andere Erinnerung: 1990 seien die Jeremy Days mit den La's (bekannt durch den Hit "There She Goes") auf Frankreich-Tournee gewesen. Deren Sänger Lee Mavern sei ein ziemlicher Unsympath und die Band bereits zerstritten gewesen, und so sei es beim Bassisten John Power gelegen, nach jeden Song etwas gequält, mit sehr britischem Akzent "Mercy beaucoup" zu sagen - woran Darmstädter immer wieder denken müsse, wenn er auf einer Bühne stehe. Er gab lachend zu, dass die ganze Geschichte absolut nichts mit dem aktuellen Moment zu tun habe, dann ging es weiter. Im weiteren Verlauf des Abends bedankte er sich aber noch mehrmals mit "Mercy beaucoup".



Zu "Nowhere's Girl" erfuhren wir wenig später, dass Darmstädter davon auf Youtube eine alte Live-Version gefunden hatte, an die er sich gar nicht erinnerte, die ihm aber gut gefiel und die er nun spielen wollte. Anschließend folgte noch einmal ein längerer Exkurs: Nach der Wiedervereinigung (in deren Rahmen wir das Konzert 2019 gesehen hatten) sei die Band voll Vorfreude und Motivation gewesen, wieder Musik zu machen und neue Songs aufzunehmen, dann habe die Pandemie das zunächst unmöglich gemacht - die Bandmitglieder seien aber zumindest per Zoom in Kontakt geblieben und hätten dann später doch gemeinsam musiziert.

Wenig später folgte noch eine ausgesprochen liebevolle Vorstellung der einzelnen Musiker. Bei Jörn Heilbut erzählte Dirk Darmstädter, er sei schon damals ein guter und begehrter Gitarrist gewesen, der eigentlich keinen Grund gehabt habe, sich ausgerechnet ihnen anzuschließen. Schlagzeuger Stefan Rager sei extra von München nach Hamburg gezogen, ohne die Band zu kennen. Beim jetzigen Bassisten Stefan „Eddy“ Endrigkeit erklärte Darmstädter, es sei ihnen wichtig gewesen, jemand zu finden, der gut zu ihnen passt, ihren Humor versteht und außerdem hinsichtlich Alter und Optik nicht zu positiv hervorsticht. Als die Vorstellung dann zu Louis Oberlander überging, rief jemand aus dem Publikum etwas zu dessen Aussehen, worauf Darmstädter halbernst entgegnete, das sei tatsächlich immer ein Problem für ihn gewesen - alle fanden ihn als Sänger ganz gut, wollten aber sofort wissen, wer denn dieser attraktive Keyboarder sei.



Wir hörten auch noch eine Erinnerung zu den Anfängen der Band - ein Polaroidfoto aus den frühen Tagen, auf dem die Bandmitglieder mit ihren Instrumenten in der einen und Styroporplatten in der anderen Hand zu sehen waren, erinnerte Darmstädter daran, dass es in ihrem kalten und feuchten Probepunker so kalt gewesen sei, dass sie damals auf Styroporplatten stehend geprobt hätten. Mit solchen Geschichten und alten wie neuen Songs schritt der Abend schnell voran. 

Die fehlende Möglichkeit, die Bühne kurz zu verlassen, wurde vor dem zu erwartenden Zugabenteil noch thematisiert, dann zog die Band kurz Richtung Eingangsbereich ab. Bei der Rückkehr war Oberlander zunächst nicht dabei, die Band wartete etwas verloren auf der Bühne. Darmstädters Ankündigung, dass ausgerechnet der nächste Song mit einem Keyboard Intro beginnen sollte, hielt ich zunächst für einen Scherz, aber tatsächlich begann die nun gespielte Version von "Rome Wasn't Built in a Day" nach Oberlanders eintreffen genau so. Gerade bei diesen älteren Liedern konnte man auch im Publikum beobachten, dass viele jede Note und jedes Wort kannten und teils mitsangen.

Nach "Give it a Name" gab es nochmals eine kleine Pause und dann noch einen weiteren Zugabenteil, der passenderweise mit "The End" seinen Abschluss fand. Hierzu hatte Darmstädter noch eine Kassetten-Geschichte: Er habe sich kürzlich mit einem weiblichen Fan am Merchandise-Stand unterhalten, die ihn gefragt habe, ob dieses Lied neu sei. Als Darmstädter irritiert entgegnete, es handele sich um das letzte Lied des ersten Albums erklärte der Fan, das habe dann wohl nicht mit auf die Kassette gepasst, die ihr damals aufgenommen worden sei.



Auch wir wurden angehalten, noch den Merchandise-Stand aufzusuchen, an dem es auch einige alte Shirts zu kaufen gebe, die Darmstädter im Laufe der Jahre von Promotern zurückerhalten habe. Wir verzichteten aber und machten uns zügig auf die Heimreise.

Auch mit diesem Konzert der J(eremy) Days war ich wieder sehr zufrieden. Neben den nach wie vor guten Songs merkt man immer wieder, dass alle Musiker mit großer Freude bei der Sache sind.


Setliste:

Breathe
Virginia
Beauty in Broken
Blue New Year
Brand New Toy
Loved
Step Right Up
Nowhere's Girl
The Deep Dark Night
Girlfriend
Julie Thru the Blinds
Are You Inventive
For the Lovers
This World

Rome Wasn't Built in a Day
Give It a Name

It Is the Time
Starting to Pretend
The End

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