Haldern 2010 (2): Das Jahr der Seifenblasen

U.
Nicht nur die Bands hatten dieses Jahr in Haldern strikte Richtlinien (Blasinstrumente, Schnurrbärte, Akkordeons), auch die Gäste folgten einheitlichen Maßgaben. Die wichtigste: Jeder Bandauftritt wurde aus dem Publikum mit Seifenblasen begleitet, was ich vorher auch bereits bei unseren Konzertbesuchen in Wien gesehen hatte.

Nach meiner Berichterstattung über den Freitag muss ich nun natürlich noch erzählen, wie der Samstag in Haldern so verlaufen ist. Nach einer bequemen Nacht im Hotel (man gönnt sich ja sonst nichts) hatten wir beim dortigen Frühstücksbuffet das Vergnügen gehabt, etliche verschlafene, meist tätowierte und häufig schnurrbärtige Bandmitglieder zu betrachten. Die Zuordnung, wohin sie im einzelnen genau gehörten, gelang uns im Laufe des Tages kaum, dabei haben wir doch so einige Konzerte gesehen. Nämlich:

Fanfarlo

Auch Fanfarlo hatten das diesjährige Haldern-Memo gelesen und arbeiteten mit Bläsern. Die englische Band mit schwedischem Sänger gab ihre Musik um halb vier offenbar für viele zu früh zum besten, denn der Andrang vor der Hauptbühne war eher gering. Ursprünglich war der Auftritt auch fürs Spiegelzelt vorgesehen gewesen, das man sicherlich leichter voll bekommen hätte.

Zur schönen, fröhlichen Musik gesellte sich ein seltsamer Anblick, denn die Bandmitglieder sehen, nun, komisch aus, insbesondere der Bassist. Aber seht selbst (wobei die Tattoos des Bassisten hier schlecht zu sehen sind) ...




Frightened Rabbit

Die Schotten entpuppten sich live als Enttäuschung und klangen wie eine beliebige US-Rockband. Und wo war nur der bescheuerte, hackedichte Typ im Hasenkostüm, der mich am Vorabend bei Mumford and Sons vertrieben hatte? Hier hätte er outfittechnisch mal zum Thema gepasst und auch nicht wirklich gestört. Reuemütig brachen wir zum Zelt auf, wo wir Helgi Jonsson bereits verpasst hatten.

The Villagers

Der unheimlich jung aussehende Sänger Conor O'Brian (wer hätte es bei dem Namen gedacht: Er ist Ire) erzählte während des Konzertes, dass die Band den Abend in Haldern verbringen und trinken wolle, denn man habe am nächsten Tag frei. Man kann nur hoffen, dass der Kleine seinen Ausweis dabei hatte, sonst ist das mit dem Alkohol kaufen möglicherweise nichts geworden.



Verdient hat er sich sein Feierabendbier aber in jedem Fall; im dicht gefüllten Zelt lieferte die Band, die vom großen Publikumsandrang sichtlich begeistert war, ein sehr beeindruckendes Set ab. Den ersten Song "The Meaning Of The Ritual" trug Brian solo zur akustischen Gitarre vor, dann kamen die anderen Musiker dazu; später, bei "I saw the Dead" wechselte er dann ans Piano. Die sehr gefühlvollen Lieder des Debütalbums "Becoming A Jackall", das nahezu komplett vorgetragen wurde, kamen großartig an, und auch die Band war voll dabei: Am Ende von "Pieces" warf sich Brian gar auf den Boden, und am nächsten Tag postete er bei Twitter: "In a rare occurence, we're all in agreement that last night was one of our favourite shows ever. So thankyou for that Haldern people x".




Efterklang

Bei unserer Rückkehr zur Hauptbühne war der Auftritt von Efterklang aus Dänemark bereits in vollem Gang. Die Band mit der sicherlich besten Laune des Festivals trat vor eher wenig Zuschauern auf, aber das schien gerade dem Sänger Casper Clausen wenig auszumachen. Besonders beeindruckend war, dass sich auf dem Rücken seines gewagten Outfits aus Hemd, Bermudas und Sandalen langsam aber sicher ein riesiger Schweißfleck in Herzform bildete!

Diese sympathische Band mit fröhlichen Liedern hätten wir gerne länger gesehen, aber so ist es nun einmal bei Festivals: Man muss Entscheidungen treffen und weiß erst hinterher, ob sie richtig waren.

Am Sonntagmorgen trafen wir übrigens alles Bandmitglieder außer dem Sänger im Frühstücksraum des erwähnten Hotels wieder, dabei hätten wir so gerne  gesehen, was für Outfits er noch dabei hatte ...

Setliste (Internetrecherche):

  1. Full Moon
  2. Alike
  3. I Was Playing Drums
  4. Mirador
  5. Harmonics
  6. Raincoats
  7. Modern Drift
  8. Cutting Ice To Snow
  9. The Soft Beating


The National


Stichwort gute Laune: Auch The National, deren Sänger sonst eher für autistische Tendenzen bekannt ist, hatten am Freitag einen Clown gefrühstückt: Die Band schwärmte vor dem ersten Song über das schöne Festival und den tollen See, wo man nachmittags bereits einen akustischen Song gespielt hatte. Matt Berninger brach den ersten Song gar kichernd wegen eines Tonproblems ab. Leider blieb es aber nicht bei dieser einen Unterbrechung: Irgendein Equipmentteil war offenbar kaputt (Aarons an die vorausgehende Band gerichteter Kommentar "Damn you, Yeasayer" stellte immerhin die Schuldfrage klar)  und die emsige, aber lange Zeit erfolglose Arbeit an einer Lösung führte zu langen Pausen zwischen den einzelnen Songs und immer schlechterer Stimmung der Band.

Matt bewahrte hier noch am ehesten seinen Sinn für Humor, als er etwa "Conversation 16" mit "maybe today it's only Conversation 14" ankündigte oder den Song "Sorrow" spontan seinem von der Situation besonders genervten Kollegen Aaron widmete.


Da wir vor dem Auftritt bereits einen Blick auf die Setliste hatten erhaschen können, bekamen wir auch mit, dass ein Lied weniger gespielt wurde als ursprünglich geplant. Mir hat das Konzert dennoch sehr gut gefallen, und ich teile auch nicht die Meinung vieler anderer, dass The Nationals Konzert vor zwei Jahren (als sie ebenfalls in Haldern auftraten) viel besser gewesen sei. Mir ist mit einem entspannten Sänger einfach wohler zumute als mit einem, der jede Minute wegrennen oder wild die Bühne zerstören könnte ...



Das Konzert endete mit drei Zugaben und der Einladung, noch gemeinsam mit der Band nackt im See zu baden. Ob dort wohl jemand erschienen ist? In jedem Fall ein schöner Abschluss fürs Haldern 2010, der allein durch das Geplapper des seltsamen moderierenden Holländers gestört wurde, der uns nochmals mitteilte, wie toll doch alles dieses Jahr war. Aber der gehört eben auch zu diesen Traditionen.

Setliste (Internetrecherche):

  1. Afraid Of Everyone
  2. Mistaken For Strangers
  3. Anyone's Ghost
  4. Blood Buzz Ohio
  5. Slow Show
  6. Squalor Victoria
  7. Conversation 16
  8. Vanderlyle Cry Baby Geeks
  9. Abel
  10. Apartment Story
  11. Sorrow
  12. England
  13. Fake Empire
  14. Mr. November
  15. Runaway
  16. Terrible Love
  17. About Today

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