It was 20 years ago today, someone told the Manics not to play: Manic Street Preachers im Frankfurter Gibson

U.

Heute übertreibe ich es einmal mit meiner Tendenz, etwas weiter auszuholen: Wir schreiben das Jahr 1994, und eine Freundin und ich haben beschlossen, gemeinsam unser erstes mehrtägiges Festival zu besuchen, "Rock in Riem" in München. Dieser wohl erste Versuch, eine verkleinerte Version von "Rock am Ring" im Süden Deutschlands stattfinden zu lassen, wartete mit Aerosmith und Peter Gabriel als Headlinern auf, die wir nicht wirklich sehen wollten, dafür hatten sich aber auch Bands wie The Breeders, Therapy? und The Smashing Pumpkins angesagt.


Der eigentliche Anlass für meine Anwesenheit waren aber Radiohead, die wir an einem Samstagmorgen um 10 Uhr zu sehen bekamen und die sichtlich verschlafen waren - sie hatten ja auch den schlechtesten Slot des ganzen Festivals ergattert. Meine Freundin erwischte es aber noch schlimmer, denn sie war wegen der Manic Street Preachers erschienen, die als einzige Band am Freitagabend das Festival eröffnen sollten. An deren Stelle wurde nämlich überraschend die schweizerische Metalband Gotthard angekündigt, und nachdem wir die Ansage nicht richtig verstanden hatten, harrten wir für deren gesamtes Set in der Hoffnung aus, dass danach noch die richtige Band erscheinen würde - vergeblich.


Mittlerweile ist viel Zeit vergangen, Radiohead habe ich in den letzten Jahren gleich zweimal auf wesentlich größeren Bühnen und zu musikerfreundlicheren Zeiten gesehen, aber als mein Freund mich fragte, ob ich ihn zum Auftritt der Manic Street Preachers in Frankfurt begleiten wollte, kramte ich erst die Anekdote hervor und verglich dann Daten. Und tatsächlich: Das Frankfurter Konzert fand auf den Tag genau 20 Jahre nach meinem ersten Versuch, diese Band zu sehen, statt! Sofort musste ich auch besorgt überprüfen, ob die Band Gotthard noch existiert, und zu meinem Leidwesen feststellen: Ja.


Nehmen wir es gleich vorweg: Ich habe die Manic Street Preachers, die ich mittlerweile fast völlig aus den Augen verloren hatte, nun live gesehen, es gab keinen debilen Bandaustausch in letzter Sekunde. Als wir das dicht gefüllte Gibson, dessen warmes Gedrängel bei mir starke Erinnerungen an das dort besuchte Kasabian-Konzert weckte, betraten, spielte bereits die Vorband, Public Service Broadcasting. Die beiden Musiker präsentierten instrumentale Elektronikmusik mit Gitarren- bzw. Banjo-Begleitung, was in dieser Kombination sicherlich nicht häufig vorkommt und klangen wie die Söhne von Kraftwerk und Mogwai. Zwischen ihnen befand sich eine große, als altmodischer Fernseher aufgemachte Leinwand, auf die zu den Liedern passende Filmsequenzen aus den 50er/60er-Jahren projiziert wurden. Gesungen wurde nicht, zur Musik erklangen Stimm-Samples aus den gezeigten Filmen. Gesprochen wurde auch nicht, Danksagungen und die üblichen Dinge, die man so als Vorband sagt, kamen als Computerstimme aus dem Klapprechner, wobei das Wort "Frankfurt" (etwas in "We are glad to be here in ... Frankfurt") absichtlich schlecht hinein geschnitten war.


Von den Anzug tragenden jungen Männern bekamen wir nur die letzten drei Lieder mit, dann war schon wieder Umbaupause, so dass ich Gelegenheit bekam, das Publikum zu mustern. Die meisten sahen so aus, als hätten sie die Manic Street Preachers ebenfalls bereits vor 20 Jahren gehört, ich erspähte sogar irgendwo ein ausgebleichtes Festivalshirt von 1994 -  jedoch nicht "Rock in Riem".

Als bald darauf die Band die Bühne erklomm, waren alle Sorgen, dass sich vielleicht doch wieder Gotthard einfinden könnte, endgültig verflogen: Der kleine Mann da vorne war zwar etwas älter und dicker als früher (was er zu mir wohl auch sagen könnte), aber es handelte sich zweifellos um James Dean Bradfield. Neben ihm griff jemand mit dunkler Sonnebrille, unnatürlich schwarzem Haar und weißem Sakko, der wohl Nicky Wire sein musste, zum Bass. An Schlagzeuger Sean Moore konnte ich mich nicht mehr erinnern, er ist aber ebenfalls ein Originalmitglied der Band. Ergänzt wurden sie durch einen Gitarristen und einen Keyboarder.


Los ging es gleich mit dem Klassiker schlechthin, "Motorcycle Emptiness", das Publikum war begeistert. Die Band dagegen blieb recht stoisch, Nicky Wire machte gar den Eindruck, er sei nur körperlich anwesend und könne jeden Moment umkippen. Bald bekamen wir von Bradfield die Erklärung, Nicky sei "fucked up", das lag aber wohl nicht, wie ich sofort vermutete, an Alkohol oder Drogen, er war wohl einfach krank. Und auch Herr Bradfield sprühte sich mehrfach etwas in den Rachen, spuckte auf ein Handtuch und sagte etwas von "under the weather" und "soldiering on". Seine Stimme klang jedoch klar wie von Aufnahmen gewohnt.


Es folgte ein Set, das aus vielen alten Hits, einigen Albumtracks (aus "The Holy Bible" und "Everything Must Go") aber auch neueren Songs vom letztjährigen Album "Rewind the film" (dessen Titelsong, beziehungsweise dessen Botschaft, Bradfield mit den Worten "get fucking creative" zusammenfasste) und der noch nicht erschienenen Platte "Futurology". Von der letztgenannten stammte unter anderem der neue Song "Europa geht durch mich", an dem eigentlich die deutsche Schauspielerin Nina Hoss beteiligt ist. Im Gibson kam ihr Part aber vom Band. Bei den übrigen Titeln, die in der jeweiligen Studioversion Gastsänger aufweisen, wurde auf diesen Trick verzichtet ("Your love alone is not enough", "Rewind the film" und "This Sullen Welsh Heart"). Nina Persson und Co. Konnten an diesem Abend wohl ebenfalls nicht bei uns sein.


Nachdem Nicky Wire bereits während "Rewind the Film" kurz die Bühne verlassen hatte, ging er vor dem Akustikteil, der aus "This Sullen Welsh Heart" (angekündigt als ein Versuch, das eigene Walisisch-sein zu definieren) und "This is yesterday" bestand, gemeinsam mit Sean Moore und den beiden anderen Musikern wiederum nach hinten. Dass die Band aus Wales stammte, wurde auch durch die zahlreichen walisischen Fahnen angedeutet, die verschiedene Teile der Bühnenausstattung zierten, teils auch Bradfields Gitarren – er wechselte nämlich annähernd nach jedem Songs das Instrument, so dass wir im Lauf des Konzertes einen ganzen Gitarrenladen zu sehen bekamen.

Dass die Manic Street Preachers keine Zugaben geben, ist wohl Standard, eben so wie die Setliste, die eine festes Reihenfolge aufweist, immer aus 22 Titeln besteht, sich aber aus einem Pool aus ca. 30 Songs speist, so dass die ein oder andere Variation möglich ist. Bereits bei der arg kurzen Bandvorstellung kurz vor Schluss hatte ich den Eindruck, dass zumindest Bradfield – vielleicht mit Rücksicht auf Wire - das Konzert möglichst schnell hinter sich haben wollte. Mir sollte es recht sein, ich musste ja auch ins Bett. Außerdem war die Band ja dieses Mal immerhin erschienen, was gegenüber vor 20 Jahren ein riesiger Fortschritt war.



Setliste:

Motorcycle emptiness
You Stole the Sun from my heart
(It's not war) Just the end of Love
Europa geht durch mich
Theme from M.A.S.H. (Suicide is painless)
Stay Beautiful
Rewind the film
Die in the Summertime
Your love alone is not enough
No surface all feeling
Walk me to the bridge
A design for Life
This Sullen Welsh Heart
This is yesterday
Revol
Futurology
Ocean Spray
You love us
Tsunami
Show me the wonder
Motown Junk
If you tolerate this your children will be next

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