Neulich beim Stagediving-Revival: Sprints in der Kölner Kantine


Seit einigen Jahren sucht mein Freund gezielt nach Konzerten, die er an seinem Geburtstag besuchen kann. Seine beste Erfahrung in dieser Hinsicht war sicherlich das Konzert von Noel Gallagher in Mailand. In den letzten Jahren haben wir mit Klez.e und Desperate Journalist etwas kleinere Brötchen gebacken. Und als meine Anfrage an die Oasis-Tour-Promoter bezüglich eines Loreley-Auftritts am 14. März 2026 seltsamerweise unbeantwortet blieb, kürte mein Freund das Kölner Konzert von Sprints zum diesjährigen Geburtstags-Event.

Sonderlich bekannt ist die Band aus Irland sicherlich nicht, allerdings dürfte sie im Rheinland für viele ein Begriff sein, die letztes Jahr den Auftritt von Fontaines D.C. auf dem Bonner Kunstrasen besucht haben, denn hier waren sie die Vorband. Dieser Tatsache waren vielleicht auch die mindestens drei Fontaines D.C.-Shirts geschuldet, die ich im Zuschauerraum erspähte. Ansonsten war das Publikum sehr divers, sowohl was Alter und Geschlecht betraf, als auch hinsichtlich des nach außen getragenen Musikgeschmacks: Weitere Shirts in der überraschend gut gefüllten Kantine verwiesen unter anderem auf The Smiths, Elastica, Motörhead, Die Nerven und Nirvana. Hätte man nicht gewusst, wer hier auftritt, wäre es schwer zu erraten gewesen!



Dieses Mal waren Sprints nicht die Vorband, sondern hatten selbst eine, das Quintett Marathon aus den Niederlanden, das sich wie der Hauptact ins Post-Punk-Genre einordnet. Drei Männer und zwei Frauen machten gleich mal ordentlich Krach - mein Freund, der in diesen Dingen viel härter gesotten ist als ich, lieh sich bei mir nach den ersten Noten Ohrenstöpsel aus. Der Auftritt fand weitgehend im Dunkeln statt und fand beim Publikum durchaus Gefallen. Auf Nachfrage des Sängers meldeten sich einige Niederländer - ob diese extra wegen Marathon anwesend waren, wurde nicht geklärt.



Setliste:

How Does It Feel
Gold
Tired
Shadow Raised Star
Sea of Leaves
Fire



Nach kurzer Umbaupause, in der auch ein kleines Keyboard oder sonstiges Instrument mit sorgfältig festgeklebter Palästina-Fahne hereingetragen wurde (Palästina war letzten Sommer in Bonn bei beiden Bands ein großes Thema gewesen), war es Zeit für Sprints. Beim Kunstrasen in Bonn hatte die Sängerin enthüllt, dass sie mehrere Jahre in Düsseldorf gelebt hat und deshalb Deutsch spricht - das Wort "Düsseldorf" war vom Bonner Publikum erwartungsgemäß nicht nur positiv aufgenommen worden. Musikalisch erinnerte ich mich an Postpunk, aber bereits auf der Hinfahrt, bei der mein Freund im Auto als Gedächtnisstütze die voraussichtliche Playliste laufen ließ, war mir aufgefallen, dass ich den Auftritt als gar nicht so laut in Erinnerung hatte. Gut, dass ich ohnehin immer Gehörschutz in der Handtasche habe. Nach dem ersten Song verschwanden Instrument und Palästina-Fahne schon wieder.

Die Sängerin Karla Chubb bemühte sich im Laufe des Abends darum, nicht nur in Bezug auf die Lautstärke eine kraftvolle Show zu liefern. Vor der Bühne bildete sich ohnehin zunehmend ein Moshpit (und wie immer landete ich an der Grenze zwischen Moshern und Nicht-Moshern). Zu "Up and Comer" wurde explizit dazu aufgefordert, inklusive Grundregeln (1. Wer hinfällt, wird aufgehoben, 2. Niemand wird zum Mitmachen gezwungen, nur ermutigt). Schließlich hüpfte bei "Need" Chubb selbst ins Publikum, sang hier weiter, forderte alle um sich herum erst auf, sich hinzusetzen und wieder aufzuspringen und schaffte es dann mit ihrem langen Mikrophonkabel auch an die Bar, wo sie auf Deutsch eine Flasche trockenen Weißwein bestellte und sich im Anschluss (ohne Wein) per Crowdsurfing zurück auf die Bühne tragen ließ.



Zwischenzeitlich erfuhren wir auch einiges zur Band: Seit dem letzten Jahr versucht man, hauptberuflich Musik zu machen, während vorher alle Bandmitglieder noch Vollzeitjobs hatten. Vorher hatten sie kein Geld und keine Zeit, nun ist das allerdings ebenso. Außerdem erzählte Chubb noch, dass die Bassistin sich vor einigen Tagen den Fuß gebrochen habe und keineswegs springen dürfe, denn eine weitere medizinische Behandlung sei finanziell nicht tragbar. 



Beim letzten Song "Little Fix" brachen nochmal alle Dämme: Chubb fragte ins Publikum, ob jemand Gitarre spielen können, holte einen Freiwilligen auf die Bühne und zeigte ihm die erforderlichen Akkorde - dann bekam er ihre Gitarre und spielte erfolgreich ihren Part des Songs, während die Sängerin einen weiteren Sprung ins Publikum wagte. Ich fragte mich, wann ich überhaupt vor diesem Abend das letzte Mal Stagediving oder Crowdsurfing erlebt hatte.

Eine Zugabe gab es nach diesem Spektakel nicht mehr. Musikalisch war das alles nicht ganz meins, das Lieblingslied meines Freundes, "Better", hatte es nicht auf die Setliste geschafft, aber ich musste anerkennen, dass hier wirklich alles für einen guten Liveauftritt gegeben worden war.



Setliste:

Something's Gonna Happen
Descartes
Feast
Beg
Shadow of a Doubt
Coming Alive
Literary Mind
How Does the Story Go?
Heavy
Cathedral
Up and Comer.  Moshpit
Pieces
Need
Deceptacon (Le Tigre cover)
Desire
Little Fix

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