Neulich beim Halbmarathon

U.
Manche Dinge plant man langfristig und ist dann doch überrascht, wenn sie irgendwann tatsächlich stattfinden. So ging es mir am Sonntag: Seit drei Monaten trainierte ich und hatte entgegen meinen ursprünglichen Plänen so ziemlich jedem davon erzählt - aber sollte ICH nun wirklich einen Halbmarathon laufen?

Gegenüber meinem letzjährigen 8- und 10-km-Lauf stellte die 21,0975-km-Strecke eine echte Herausforderung dar, und wenn ich mir so meine Mitstreiter beim diesjährigen Sport-Scheck-Volkslauf ansah, musste ich nicht nur ständig an holländische Fußballfans denken, sondern fragte mich auch ganz ernsthaft, ob ich mir den Lauf wirklich zutraute. Auf der Pro-Seite standen mein monatelanges Training, die Tatsache, dass ich bereits einmal etwa 18 km ohne größere Probleme gelaufen war und die Erwartung, dass Adrenalin und das Wettbewerbsgefühl den Rest schon regeln würden. Schließlich wollte ich ohne feste Zeitvorgabe nur irgendwie ins Ziel, und das nicht gerade als letzte. Das sollte ja wohl zu schaffen sein.

Dann gab es aber auch eine Kontraseite, die mich denken ließ, dass die anderen Teilnehmer irgendwie versierter wirkten, und meine größte Sorge, das Wetter: Während meine Trainingsläufe allesamt eher bei Kälte stattgefunden hatten, fand der Halbmarathon am bislang heißesten Tag des Jahres statt: 31 Grad waren prognostiziert. Durch den schnellen Wetterwandel hatte ich keinerlei Gelegenheit gehabt, mich an die warmen Temperaturen zu gewöhnen. Und wer hatte eigentlich die Schnapsidee gehabt, den Lauf genau auf den Mittag zu legen??

Ich in Orange ... und Nein, ich habe keine so breiten Schultern, das macht das Shirtmuster-Gesamtkunstwerk.

Allzu viel Zeit blieb mir glücklicherweise nicht mehr zum Sorgen machen, nach einer kurzen Gelände-Erkundungstour und dem Genuss einiger Umsonstgetränke musste ich mich mit den anderen Teilnehmern aufstellen, und der Plan wurde Realität: Ich lief. Zu absolvieren waren ausgehend vom Fußballstadion zwei große Runden durch den Frankfurter Stadtwald, in dem es leider weit weniger schattig war als erhofft. Vor und hinter mir erstreckten sich scheinbar endlose Schlangen orange bekleideter Läufer, und ich ließ mich bereitwillig von den fitteren überholen - gute Läufer schaffen die Strecke in etwa 1 Stunde und 45 Minuten, ich hatte für mich selbst mindestens zwei veranschlagt. Ein kurzer iPod-Check bestätigte mir, dass mein Tempo gemessen an dem, was ich bei anderen Läufen erreicht hatte, nicht zu schnell war.

Nach einer Mini-Trinkpause bei 5 km war die nächste "Station" der Startpunkt, an dem die zweite Runde begann. Für eine längere Strecke liefen die, die die erste Runde noch vollenden mussten, den schnelleren Mitteilnehmern entgegen, und wiederum waren meine Gefühle zwiespältig: Die schnelleren waren offenbar viel schneller und die langsamsten noch um einiges langsamer als ich. Doch würden die, die mir als letzte entgegen kamen, und das häufig "walkend" und nicht mehr laufend, die zweite Runde überhaupt absolvieren?

Ohne Holland fahr'n wir zur... äh, laufen wir los (Bildquelle)

Neben grübeln bekam ich auch anderes zu tun: Das Laufen wurde mit einem Mal sehr anstrengend, ich bekam Seitenstiche, und lange vor der nächsten Trinkstation bei 15 km sah ich mich gezwungen, eine Gehpause einzulegen. Mittlerweile hatte sich das Feld so weit gestreckt, dass mich auch im Gehen kaum jemand überholte, dennoch ärgerte ich mich über mich selbst: Der Sinn von monatelangem Training konnte doch nicht gewesen sein, nun einen sehr langen Spaziergang abzuliefern! So schafft es Reiner Calmund auch! Dennoch, es blieb dabei: Immer wieder begann ich zu laufen, und immer wieder brauchte ich eine neue Gehpause. Als mir irgendwann ein Krankenwagen entgegen kam, um eine Läuferin am Wegesrand zu versorgen, konnte ich mich zumindest damit trösten, dass alles noch viel schlimmer sein könnte.

Die Strecke zog und zog sich, und die kleinen Getränkebecher unterwegs hatten nichts daran ändern können, dass ich mittlerweile völlig ausgetrocknet war. Mein iPod hatte ebenfalls seit einer Weile genug und versorgte nur noch eines meiner Ohren mit Musik, und mein langsames Tempo ließ das Ziel in unerreichbare Ferne rücken. Schließlich begannen dann doch die letzten zwei Kilometer: Wiederum kamen mir nun Läufer entgegen, die das Ziel bereits durchlaufen hatten und sich nun glücklich auf den Heimweg machten. Ich selbst musste noch ein größeres Stück vor "Publikum" ums Stadion herum zurücklegen, bei dem ich mich jetzt doch noch zwang, durchzulaufen. Und mit letzter Kraft erreichte mich mit einer grottenschlechten Zeit (2:24) endlich das Ziel. Nun denn, Calli braucht vier Stunden ...

Läufer von hinten, meine Standardaussicht (Bildquelle)

An regenerationsförderndes Auslaufen war nicht zu denken, ich konnte nur sehr langsam zum nächsten Dixieklo wanken und trank anschließend alles, was mir im Zielbereich in die Finger kam: Wasser, alkoholfreies Bier und isotonische Getränke in bunten Farben, bei denen ich hoffte, dass sie meine Erholung beschleunigen würden. Ich überzeugte mich noch etwa eine Viertelstunde lang davon, dass weiterhin Menschen ins Ziel liefen, dann machte ich mich auf den Weg zur S-Bahn.

Etwa später setzte dann doch noch ein gewisser Stolz ein, denn meine Minimalziele hatte ich ja immerhin erreicht. Dennoch drängten sich verschiedene Fragen auf:
  • Hatte mich tatsächlich das Wetter so schlapp gemacht oder lagen meine Probleme an einer inadäquaten Vorbereitung? Zugegeben, der eine oder andere Trainingslauf war ausgefallen, dennoch hatte mich das Ausmaß meiner konditionellen Schwierigkeiten überrascht.
  • Wie schnell wäre ich wohl bei kälteren Temperaturen gelaufen? Und wichtiger: Wäre ich dann durchgelaufen?
  • Hätte ich mich in der Vorbereitung mehr mit "Drumherumkram" wie meiner Pulsfrequenz beschäftigen müssen?
  • Und vor allem: Will ich mir das Ganze zukünftig nochmal antun?
Beantwortet sind alle diese Fragen noch nicht, aber wie ich mich kenne, werde ich es wohl nochmal probieren. Vielleicht im Herbst, gerne auch bei Dauerregen. Und vielleicht werden die ernährungsphysiologisch wertvollen Bananen am Lauf-Vortag dann auch nicht durch Banana Split und Bananenkuchen ersetzt ...

1 Kommentare:

  1. Haha, der erste Satz ist Gold wert ^^ Darf ich dich damit zitieren? Und sehr krass dass du echt nen Halbmarathon gelaufen bist, Respekt (und Furcht ;D) Viele Grüße aus dem schönen Auckland (noch 12 Tage... yesss)

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