Die Zeit bleibt nicht stehen: Radiohead in der Kölner Lanxess-Arena

U.
Mein Verhältnis zu Radiohead ist ziemlich zwiespältig. Zu Studienzeiten liebte ich ihre ersten drei Alben - ich glaube, ich hatte für längere Zeit ein "OK Computer"-Poster an der Badezimmertür hängen - und eines meiner absurdesten Konzerterlebnisse bestand darin, diese Band im Juni 1994 als Eröffnungsakt des zweiten Tages beim Münchener "Rock in Riem" Festival zu erleben - es war irgendwann mittags, nur ein Häufchen Zuschauer war erschienen und der damals noch platinblonde und sichtlich verschlafene Thom Yorke begrüßte uns mit "You should all be in bed!".


Tja, diese Geschichte ist nun schon ein bisschen länger her, immerhin sah ich Radiohead aber nochmals im Juni 2008 live, damals bei einem gigantischen Open Air-Konzert in einem Londoner Park, in dessen Rahmen die Band an zwei Abenden insgesamt sicher 150 000 Zuschauer anzog und einen kompletten Stadtteil lahmlegte. Größer hätte der Unterschied zwischen den beiden von mir erlebten Auftritten wohl nicht sein können, aber leider auch, was meine Radiohead-Musikbegeisterung betrifft: Schon seit "Kid A" kann mich keines ihrer Alben mehr wirklich begeistern, und nachdem bei Konzerten natürlich Wert auf neueres Material wert gelegt wird, erübrigt sich, dass man als Fan des zugänglicheren Altmaterials wenig Hoffnung auf Wunscherfüllung hat. 2008 lautete des Fazit deshalb auch:
Ein toller Abend mit beeindruckender Lichtshow, bei dem jedoch die älteren Stücke zu kurz kamen.
Nichtsdestotrotz stand gestern also ein drittes Konzert der Band an, noch dazu in der gigantischen Kölner Lanxess-Arena, gegenüber deren gewaltiger Infrastruktur im Hinblick auf Parkplätze, Fressstände oder auch Toiletten man sich als Frankfurterin fast ein bisschen für die mickrige Festhalle schämen muss. Immerhin riecht es in der letztgenannten aber nicht permanent nach Bratwurst.


Wir hatten uns ganz altersgerecht für Sitzplatz-Tickets entschieden und waren folglich etwas weiter von der Bühne entfernt, allerdings bei großartiger Sicht und ständigem Zugriff auf einen Eisverkäufer. Die Sicht war ebenfalls prima, und so lauschten wir, umgeben von überraschend vielen Briten (im Parkhaus hatte man bereits Autos aus Belgien, den Niederlanden und sogar Spanien sehen können), zunächst den wabernden Klängen der mir im Vorfeld komplett unbekannten Band Caribou. Nun ja, korrekt formuliert handelt es sich wohl um einen Solokünstler mit Liveband (Daniel Snaith, einen studierter Mathematiker aus Kanada), aber mehr habe ich zu dem Auftritt auch nicht zu sagen, außer, dass er recht schnell vorbei war und für Menschen, die empfindlich auf Stroboskoplicht reagieren (zu denen ich mich leider zähle) kein großer Spaß war. Die nichts ganz ausverkaufte Eishockeyhalle wurde kurzzeitig zu einer Großraum-Technodisco.


Etwas skeptisch sah mich mir daraufhin die Lichtausstattung an, die der Hauptact auffahren ließ, diese entpuppte sich aber letztlich als gleichermaßen strobofrei wie putzig: sechs fest installierte und zwölf bewegliche LED-Bildschirme ordneten sich von Lied zu Lied neu an, zeigten die Bandmitglieder, Strichcodes, bunte Muster oder bildeten auch einige Male ein leuchtendes Dach für die Band.

Nun muss ich wohl noch etwas zur Musik schreiben. Leider entwickelte sich die Setliste wiederum genau wie befürchtet, zwischen wenigen Klassikern spielte die Band größtenteils Lieder von "The King of Limbs", "In Rainbows" und ganz neues Material, das bisher nur Sammler besitzen ("The Daily Mail", "These Are My Twisted Words") oder noch nicht einmal diese ("Identikit", "Ful Stop").


Ich hatte nicht wirklich mit vielen alten Hits gerechnet, aber ein paar mehr hätten es schon sein dürfen, vor allem, da als zweites Lied mit "Lucky" bereits ein Song aus "OK Computer" gespielt wurde und die Erwartungen und Hoffnungen zunächst steigen ließ - der zweite und letzte Song von diesem Album folgte aber erst 90 Minuten später, aus "The Bends" gab es gar nichts. Letztlich hätte ich zu nur sehr wenigen der gespielten Titel sagen können, wie sie heißen und auf welchem Album sie sind.

Aufgebaut waren zwei Schlagzeuge, für Philip Selway und den zusätzlichen Drummer Clive Deamer, da auch Ed O'Brien oder die beiden Greenwood-Brüder Jonny und Colin zu Percussion-Instrumenten griffen (etwa bei "There There") war das ganze, über 2 Stunden dauernde Konzert sehr rhythmusorientiert. Dennoch gab es auch immer wieder ruhigere Momente, wie etwa bei "Pyramid Song" oder "Nude".


Thom Yorke trug einen kuriosen Pferdeschwanz, tanzte viel und expressiv und sprach wenig, immerhin sagte er aber vor "Daily Mail", dass er Publikationen dieser Art verabscheue und schimpfte im Anschluss, also vor "Myxomatosis", auf Tony Blair, der nicht nur mit George Bush im Irak jede Menge Mist gebaut habe, sondern nun auch noch Millionen damit verdiene, durch die Welt zu reisen und in Vorträgen über seine tollen Erfolge zu sprechen. Die restliche Band verhielt sich ausgesprochen unauffällig, allerdings tanzte einer der Greenwood-Brüder bei "National Anthem" und "Idioteque", bei denen er instrumental gerade nicht gebraucht wurde, auch entspannt am Bühnenrand herum.


Nach "Bodysnatchers" war der Hauptteil des Sets beendet, Radiohead wurden von einer absolut begeisterten und vielfach stehenden Lanxess-Arena aber noch für drei Zugaben zurück geklatscht. "Paranoid Android" beschloss das erste Zugabeset und riss viele Zuschauer von den Sitzen. Vor "Everything in its right place" sang Thom Yorke zunächst einige Textzeilen aus R.E.M.s "The One I Love", danach verließ die Band erneut nach und nach die Bühne, kam aber dann zu den letzten Geräuschen für das finale "Idioteque" zurück.

Wie schon 2008 hatten wir auch am Montag ein bisschen Pech, denn Radiohead haben bei ihren Auftritten ein variierendes Programm, und die Setlisten anderer kürzlicher Konzerte wiesen durchaus mehr Titel von  früheren Alben aus. Für mich lautet das Fazit deshalb auch dieses Mal wieder: "Ein toller Abend mit beeindruckender Lichtshow, bei dem jedoch die älteren Stücke zu kurz kamen."


Setliste:

Bloom
Lucky
15 step
Morning Mr Magpie
The national anthem
The gloaming
Separator
Reckoner
Pyramid Song
These are my twisted words
Nude
Identikit
Lotus flower
There there
Feral
Bodysnatchers

Weird fishes / Arpeggi
Ful stop
The Daily Mail
Myxomatosis
Paranoid android

How to disappear completely
Everything in its right place

Idioteque

2 Kommentare:

  1. War auch da, und habe mich jedes mal gefreut wie ein Keks, wenn ältere Stücke gespielt wurden. Trotzdem zählte "Reckoner", was ja aus dem relativ neuen album In Rainbows stammt für mich zu einem der besten Acts des Abends. Radiohead ist eben eine facettenreiche Band und besitzt so ein großes repertoire an Songs und Alben verschiedenster Genres, dass es gar nicht möglich gewesen wäre, jeden Zuschauer zufrieden zu stellen. Es gibt sicher auch Fans, die sich über die Performances von "Bloom" oder "Lotus Flower" mehr gefreut haben gefreut haben, als über "Lucky", "Paranoid Android" etc. Letztendlich ist es ja fast bei jeder Band so, die über lange Zeit erfolgreich ist... Ich war jedenfalls hin und weg und einfach nur froh darüber, meine Lieblingsband endlich live erlebt zu haben!

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  2. Wenn ich eine Band hätte, wäre ich sicher auch eher daran interessiert, aktuelles Material zu spielen, als immer dieselben ollen Kamellen von vor zehn Jahren. Da mache ich der Band keinen Vorwurf.
    Dass ich lieber ihre alten Sachen höre und diese auf anderen Setlisten mehr Berücksichtigung fanden, ist halt einfach Pech für mich.

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