Gesehen: Juli 2020

by - August 06, 2020


Im Juni war hierzulande Konzert-technisch quasi nichts geboten, allein in Bonn hätte man am 2.6. im Autokino die Premiere der Dokuserie Wie ein Fremder von Aljoscha Pause über Roland Meyer de Voltaire besuchen können - inklusive eines musikalischen Auftritts des Musikers mit Gästen, unter anderem seiner ehemaligen Band Voltaire. Mein Freund und ich hatten Meyer de Voltaire Ende letzten Jahres unter seinem neuen Künstlernamen Schwarz als Vorband von Enno Bunger gesehen,  und auch diesen Auftritt hätten wir durchaus gerne besucht. Das klappte aber nicht, als uns klar wurde, dass die Veranstaltung für den Nachmittag angesetzt war - wir beide mussten zu lange arbeiten, als dass wir Bonn vor dem Abend hätten erreichen können.

Die Dokumentation erschien dann aber auch als BluRay, und mein Freund bekam sie prompt geschenkt. Nun muss ich sagen, dass ich die deutsche Band Voltaire nie wirklich gekannt habe, und angesichts einer sage und schreibe fünfteiligen Dokuserie über einen mir weitestgehend unbekannten Musiker, die es gesammelt auf 231 Minuten bringt, nicht gerade in Jubelstürme ausbrach.

Dennoch haben wir uns de Serie Folge für Folge angesehen, und ich muss mit einem gewissen Erstaunen sagen: Das war schon sehr spannend. Die Bonner Band Voltaire wurde von vielen Musikjournalisten als deutsche Antwort auf Radiohead gesehen und bekam quasi direkt nach dem Abitur 2004 einen Plattenvertrag beim Major Label Universal. Das erste Album erhielt gute Kritiken, brachte aber nicht den erwarteten Erfolg, das zweite floppte quasi komplett - nicht einmal mein sehr Musik-versierter Freund war sich vor dem Ansehen der Serie überhaupt bewusst, dass es je ein zweites Album gegeben hatte.



Die Band löste sich 2011 auf, Mayer de Voltaire blieb als jemand zurück, der sich nie wirklich einen Plan B zum Erfolg als Musiker überlegt hatte und nun nicht weiter wusste. Kurz danach setzt die Dokumentation zeitlich ein: Meyer de Voltaire hat soeben beschlossen, seine Wohnung in Köln aufzugeben und vorübergehend wieder zu seinen Eltern zu ziehen, kurz danach geht er nach Berlin, ohne dort eine eigene Wohnung zu haben - als Sofagast und Wohnungshüter diverser Bekannter.

In diesen Momenten entromantisiert die Dokumentation Vorstellungen vom Künstlertum, indem sie sehr klar aufzeigt, dass es nur die allerwenigsten dauerhaft schaffen - und dass der Erfolg in diesem Metier auch nicht wirklich planbar ist. Pause hat zahlreiche Bekannte von Meyer de Voltaire - teils durchaus bekannte Musiker, Produzenten, Journalisten und Label-Mitarbeiter - interviewt, und fast überall scheint die Auffassung durch, dass der Musiker durchaus ein Ausnahmetalent ist - aber es scheint auch niemand sonderlich überrascht zu sein, dass er dennoch keinen Erfolg hat, weil dazu eben zusätzlich auch viel Glück gehört.


Die Folgen der Dokumentation folgen keiner leicht erkennbaren Struktur und springen gerne einmal zeitlich nach vorne oder nach hinten, ohne dass das beim Ansehen sonderlich stören würde. Wenn es ein Leitmotiv gibt, dann wohl die Frage, wie viel Misserfolg man als Künstler bereit sein muss, hinzunehmen, ohne aufzugeben - und inwieweit man als engagierter Künstler überhaupt die Option hat, etwas anderes mit dem eigenen Leben anzufangen.

Das tut beim Ansehen - speziell aus einer finanziell vergleichsweise gesicherten Perspektive - manchmal regelrecht weh, zumal man beim Zuschauen stellenweise auch bereits weiß, dass manche optimistische Zukunftspläne keinen Erfolg bringen werden: Wenn Meyer de Voltaire 2015 die ersten Schwarz-Songs schreibt und eine neue Band gegründet hat, man aber bereits weiß, dass das zugehörige Album erst 2019 erschienen ist und der Musiker alleine auf Tour war.



Die Dokumentation findet dennoch ein relativ versöhnliches Ende, indem sie zeigt, wie Mayer de Voltaire 2019 für ein Gemeinschaftsprojekt mit Schiller gemeinsam mit dieser Band in der riesigen und gut gefüllten Kölner Lanxess-Arena auftritt. Schwarz hat wieder einen Plattenvertrag und ist zusätzlich auch bei einem Label in den USA unter gekommen, zusätzlich arbeitet er mit anderen Künstlern als Produzent zusammen - etwa mit Enno Bunger  und Megaloh. Zu diesem Zeitpunkt scheint es, als könne er seine Kreativität und sein Talent zusätzlich für andere einbringen und so dann auch finanziell über die Runden kommen.

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