Neulich als wir fast im Karneval waren: The Underground Youth in Rüsselsheim

by - Februar 17, 2024


Zu meinen Jahresend-Charts gehört seit einigen Jahren auch eine Liste meiner Top 5-Premieren des besagten Jahres. Auch letzte Woche gab es eine solche, allerdings hoffe ich, dass es der Punkt "erstmalig Rüsselsheim besucht" in Konkurrenz zu hoffentlich spannenderen Alternativen nicht in die Charts schafft. Aber tatsächlich: Trotz mehr als 13 Jahren mit dem Wohnsitz Frankfurt hatte ich es vor dem letzten Wochenende nie in die Opel-Stadt geschafft. 

Scherzhaft überlegten wir, an diesem Karnevalssamstag kostümiert loszuziehen - in Rüsselsheim kannten wir ja sowieso niemand, und damit wäre das Thema Karneval für ein weiteres Jahrzehnt erledigt. Gut, dass wir das gelassen haben: Sehr unerwartet trafen wir vor Ort dann nämlich doch Bekannte.



Anlass der Reise war nicht etwa der lokale Karneval - tatsächlich sahen wir auf dem kurzen Weg zwischen Parkplatz und dem Lokal "Das Rind" diverse kostümierte Personen - sondern ein Konzert von The Underground Youth. Die Band, deren einziges Gründungsmitglied der Brite Craig Dyer ist, besteht schon seit 2008. Dyer lebt seit geraumer Zeit mit seiner Frau Olya, die aus Russland stammt und bei The Underground Youth Schlagzeug spielt, in Berlin.



Mein Freund hatte mir bereits einige Wochen zuvor erzählt, dass dieser Auftritt Teil einer eher ungewöhnlichen Tourplanung der Band ist - neben Rüsselsheim ist Halle der einzige Auftrittsort in Deutschland, darauf folgen im April drei Konzerte im Baltikum, im Anschluss daran Eindhoven, wobei es vor Rüsselsheim schon zwei Auftritte in Den Haag gab, danach folgen über Monate hinweg die Türkei, Georgien, Portugal und Belgien mit je einem Konzert. Dieser Abend war ursprünglich als Konzert in Frankfurt angekündigt gewesen, bis eine Facebook-Kommentatorin berichtigte, Das Rind sei aber in Rüsselsheim (aus Berliner Sicht liegt das sicherlich sehr nahe beieinander).



"Das Rind" ist eine Kneipe mit abgetrenntem Konzertbereich. Während uns das etwas altmodische Logo (die Buchstaben des Lokalnamens formen eine Kuh, dabei wäre doch eigentlich ein Elefant als Name und Symboltier für eine Location in Rüsselsheim viel naheliegender...) mit einem etwas in die Jahre gekommenen Etablissement rechnen ließ, erwartete uns ein moderner kleiner Raum mit verhältnismäßig großer Bühne und einigen Kinositzen an den Wänden.

Bei unserer Ankunft hatte es noch ausgesehen, als würden sich nur wenige Zuschauer einfinden - vermutlich hatten die anderen aber nur eine realistischere Vorstellung vom Zeitplan gehabt, denn statt Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr verschob sich alles um etwa eine Stunde nach hinten - und bis der Support Act, Gloria de Oliveira, schließlich die Bühne betrat, hatte sich der Zuschauerraum doch noch gut gefüllt. Der Großteil der Konzertbesucher war in schwarz gekleidet.

Gloria de Oliveira macht eine Art New Age-Dreampop. Die Sängerin selbst stand im Zentrum der Bühne und bediente ein Keyboard, rechts und links von ihr waren ein Gitarrist sowie eine weitere Frau, die sowohl Bass spielte als auch ein weiteres Keyboard hatte, einmal einen Regenmacher schwang und manchmal sang, nicht gerade überbeschäftigt - denn die Beats und ein Teil des Sounds kamen aus einem kleinen Kasten, den die Sängerin bediente.



Die Künstlerin trug ein bodenlanges weiße Spitzenkleid, im Bühnenhintergrund war ein Nachthimmel mit fallenden Sternschnuppen auf eine Videoleinwand projiziert. Beim Singen schloss sie immer wieder ihre Augen. Die Musik hätte auch gut in die Serie Twin Peaks und die Künstlerin als Bühnenact ins dort ansässige Roadhouse gepasst.

Gesprochen wurde im Grunde nicht, es erfolgte weder eine Vorstellung noch eine Begrüßung oder Verabschiedungen, und auch die kurzen Laute als Reaktion auf den Publikumsapplaus zwischen den einzelnen Liedern konnte man nur mit Phantasie als "Danke" interpretieren. Neben eigener Musik gab de Oliverira im Rahmen ihrer für eine Vorband ungewöhnlich langen Setliste auch ein PJ Harvey-Cover ("Down by the Water") zum Besten.

Setliste:

Im Nebel
Kindle My Heart
Eyes Within
Falling In Space
All Flowers In Time
Something To Behold
Kind Mess
Fading Faces
Ashore Of The Cosmic Sea
Down By The Water (PJ Harvey Cover)
Picture Of A Picture




Nach einer Umbaupause hatte auch der Hauptact Zeit für uns: Neben Craig Dyer und seiner sehr tief dekolletierten Frau Olya betraten ein Gitarrist (Leonard Kaage), der optisch der Beat-Ära entsprungen zu sein schien, und eine Bassistin (Samira Zahidi) die Bühne. Dyer selbst spielte ebenfalls Gitarre.

Bei "Schlagzeug" hat man vermutlich ein anderes Bild im Kopf als das extrem minimalistische Arrangement, das Olya Dyer ausschließlich im Stehen bearbeitete - manchmal auch nur einhändig, teils mit mehreren zusammengebundenen Schlaginstrumenten in der Hand und stets auch auf die optische Wirkung bedacht.



Der Hauptact führte die Strategie, auf keinen Fall mit dem Publikum zu kommunizieren, fort - außer einem gelegentlichen "Thank you", der Ankündigung, dass nun das letzte Lied käme sowie - nach der Rückkehr für die Zugabe - dass noch ein weiteres Lied gespielt werden würde, wurde nicht gesprochen. Insgesamt kultiviert die Band sicherlich absichtlich eine unterkühlte, unnahbare Aura.

Während des Auftritts zeigte die Videoleinwand Ausschnitte aus älteren Schwarzweißfilmen - ein Thema ließ sich, abgesehen von einem gewissen Schwerpunkt auf attraktiven Frauen, nicht ausmachen. Die Ausschnitte waren offensichtlich auch nicht bestimmten Songs zugeordnet. 



Mit "I Thought I Understood" und "The Allure of the Light" wurden nur zwei Songs vom letzten Album "Nostalgia's Glass" gespielt, der Rest der Setliste umfasste die beliebtesten Songs aus dem Gesamtwerk. Musikalisch musste ich das eine oder andere Mal an den frühen Nick Cave, Joy Division oder auch The Jesus and Mary Chain denken. Insgesamt geriet der Auftritt, gerade auch zum langen Support-Konzert, etwas kurz.

Setliste:

Collapsing Into Night
Last Exit to Nowhere
I Need You
I Thought I Understood
Morning Sun
Silhouette
Underground
Half Poison, Half God
Alice
The Allure Of the Light
Mademoiselle
You Made It Baby
Strangle Up My Mind

Hope & Pray

You May Also Like

0 comments