Es gibt zwei Themen, die manche amerikanischen Serien/Filme für mich schwer verdaulich machen: Positive oder zumindest akzeptierende Darstel...

Mörder mit Herz

Es gibt zwei Themen, die manche amerikanischen Serien/Filme für mich schwer verdaulich machen: Positive oder zumindest akzeptierende Darstellungen der Todesstrafe und ebensolche von Selbstjustiz. Zum erstgenannten Thema fällt mir der zugegebenermaßen ohnehin grottige Murder by Numbers / Mord nach Plan (eine Art Remake von Rope / Cocktail für eine Leiche mit Sandra Bullock) ein, in dem die Kommissarin irgendwann zu einem der jugendlichen Mörder sinngemäß sagt "Ich werde herausbekommen, wer von Euch beiden der Haupttäter war, und derjenige kommt auf den elektrischen Stuhl!" In diesem Moment fiel das bisschen Interesse, das ich an dem Film hatte, in sich zusammen, denn statt mich auf die Handlung zu konzentrieren musste ich mich fragen, ob in den USA tatsächlich Siebzehnjährige hingerichtet werden.

Ein Beispiel für die Behandlung des Selbstjustizthemas ist 8mm, in dem Nicholas Cage als Protagonist auf der Jagd nach einer Art Mafia, die Snuff-Filme produziert, ziemlich schnell zum blind wütenden Rächer wird, der sich mit Polizei und Gesetzen nicht mehr aufhält. Und nichts an der Machart oder "Moral" des Films lässt den Zuschauer denken, dass Herr Cage sich eventuell nicht ganz richtig verhält und nun ebenfalls gewisse Grenzen überschritten hat. Nach getaner Arbeit kehrt er einfach in sein altes Leben zurück, die Toten waren schließlich alle böse, Ende.

Angesichts solcher Beispiele war ich einigermaßen skeptisch, als ich von der Serie Dexter erfuhr. Die titelgebende Hauptfigur arbeitet tagsüber in der Spurensicherung der Polizei von Miami und hilft nicht zuletzt dadurch, dass er sich gut in die Gedankengänge von Mördern hinein versetzen kann, bei der Aufklärung von Mordfällen. Nachts jedoch befriedigt Dexter seine eigenen Mordgelüste, denn er muss sich in Wirklichkeit in gar nichts hinein versetzen, sondern ist selbst ein zwanghafter Serienkiller.


Dexters Stiefvater, der selbst Polizist war, erkannte die Eigenarten seines Stiefsohns schon, als dieser noch ein Kind war, und half ihm dabei, seinen Zwang in einer aus seiner Sicht produktive Richtung zu lenken: Dexter darf nach Anordnung des mittlerweile verstorbenen Harry ausschließlich Mörder töten, denen die Polizei nicht auf die Schliche gekommen ist, und er hält sich daran.

Hier hätten wir also wieder beide Themen, denn man darf sich nicht täuschen: Dexter ist zwar ein Serienkiller, der Selbstjustiz übt, aber er ist auch die Identifikationfigur für den Zuschauer, der alle Ereignisse aus seiner Sicht erlebt und auch nicht anders kann, als ihn zu mögen.

Eines ist aber anders als bei den eingangs genannten Filmen: Dexter ist toll. Natürlich wird es dem Zuschauer zu leicht gemacht, einen Mörder zu mögen, in dem man die widerwärtigeren Dinge, die Dexter tut, kaum zu Gesicht bekommt, dafür aber sehr detailliert miterlebt, wie böse seine Opfer sind. Dennoch ist sich zumindest Dexter selbst ohne jeden Zweifel bewusst, was er ist: ein Monster. Bereits in der ersten Folge wird gezeigt, dass Dexter von seinem Kollegen Sergeant Doakes abgrundtief gehasst wird, und die natürliche Zuschauerreaktion ist zunächst ein empörtes "armer Dexter, der ist ja wirklich fies" - aber Dexter selbst sagt:

"The only real question I have is why in a building full of cops, all supposedly with a keen insight to the human soul, is Doakes the only one who gets the creep from me."

Und natürlich, Doakes hat Recht. Als einziger, denn selbst der um ein Vielfaches besser informierte Zuschauer ist schon völlig eingewickelt.

Ähnliche Gefühle kommen auf, wenn Dexters eigentlich als reine Tarnung gedachte Beziehung (Serienkiller sind schließlich immer allein stehend) zu seiner Freundin Rita gezeigt wird. Während Dexter behauptet, dass er grundsätzlich keinerlei Gefühle hat, wird beim Zusehen schnell deutlich, dass dem nicht so ist. Rita, ihre beiden Kinder und seine Schwester Deb bedeuten ihm durchaus etwas. Und auch hier wünscht man sich als Zuschauer gegen jede Vernunft nicht etwa, dass Rita irgendwann kapiert, mit wem sie es zu tun hat, und die Flucht ergreift, sondern dass alles so bleibt, wie es ist, und die Kinder ihren tollen Fast-Papa behalten dürfen.


Kurz gesagt: Nachdem ich in der ersten Staffel mitgefiebert hatte, wie Dexter einen anderen Serienkiller verfolgt, der mit ihm vieles gemeinsam zu haben scheint, und dabei einiges über seine Kindheit erfährt (und damit auch letztendlich, wieso er so ist, wie er ist), musste sofort die zweite DVD-Box her. Dieses Mal ist Dexter selbst der Gejagte, denn durch einen Zufall werden alle seine im Meer versenkten Leichenteile entdeckt und er wird als "Bay Harbour Butcher" von einer großen Sonderkommission, der seine direkten Kollegen und auch seine Schwester angehören, verfolgt.

Mittlerweile habe ich mir sogar den Roman Darkly Dreaming Dexter von Jeff Lindsay besorgt, auf dem die Serie basiert (die Übereinstimmung zwischen den weiteren Bänden der Buchserie und den weiteren Serienstaffeln nimmt aber anscheinend immer mehr ab). Tatsächlich ist die Handlung annähernd identisch, aber Dexter im Roman um einiges unheimlicher, denn hier werden dem Leser weniger Grausamkeiten erspart. Allzu weit bin ich noch nicht, insofern bin ich momentan noch gespannt, ob sich beim Lesen doch noch irgendwann diese "oooh, der arme Dexter!"-Gefühle einstellen. Und das dann schon wieder sehenden Auges...

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