Gelesen: Oktober 2020

by - November 09, 2020

 


Im Oktober las ich Coal Black Mornings von Brett Anderson. DEM Brett Anderson? Genau, dem Sänger der Band Suede, die im Großbritannien (und Europa) der frühen Neunziger Jahre irrsinnigen Erfolg hatte. Das Buch ist eine Autobiographie, die allerdings zu dem Zeitpunkt endet, als Suede kurz vor dem Durchbruch stehen. Wer wissen will, was danach passierte, muss die Fortsetzung Afternoons With The Blinds Down lesen.

Die (erklärte) Intention des Buches ist es, Andersons Sohn gegenüber seine persönliche Geschichte zu erzählen. Vielleicht liegt es daran, dass die Erzählstimme sich bemüht, ausgesprochen selbstkritisch zu sein. Andersons Kindheit in Haywards Heath liest sich, als habe sie in einem anderen Jahrhundert stattgefunden als meine eigene, obwohl uns gerade einmal fünf Jahre trennen: in einem Haus ohne Zentralheizung und mit dem Radio als Hauptquelle der Unterhaltung. Tatsächlich hatte ich nie groß über Andersons oder Suedes Ursprünge nachgedacht, aber nun weiß ich: Diese Band kam aus kleinsten Verhältnissen.

Wer Anfang der 90er die Musikpresse las, weiß natürlich, dass Justine Frischman, bevor sie mit ihrer eigenen Band Elastica selbst berühmt wurde, ein Mitglied von Suede und Andersons Freundin war. Sie verließ erst ihn und anschließend die Band, und das ausgerechnet für Damon Albarn, den Sänger von Blur, einer anderen britischen Band, die zur selben Zeit große Erfolge feierte.

Von dieser Geschichte, die ja quasi mehrere Ausgaben einer fiktiven Indie-Bild füllen könnte, erfährt man in dem Buch zumindest Andersons Seite, aber er bemüht sich wahrnehmbar, fair und großzügig zu sein: Er schreibt zwar recht schonungslos darüber, wie schlimm es für ihn war, von Justine verlassen zu werden, wirft ihr aber nichts vor, und räumt sogar ein, dass der Liebeskummer ihn zu diversen Suede-Hits inspiriert hat - und dass der spätere Erfolg der Band mit einem glücklichen Brett Anderson vermutlich nicht stattgefunden hätte.

Auch das andere große Gerüchte-Thema um Suede, Bretts Animositäten mit dem Gitarristen Bernard Butler (der die Band nach dem zweiten Album im Streit verließ), wird kaum bedient, Anderson bemüht sich im Gegenteil, Butler in einem ausgesprochen positiven Licht darzustellen.

Für Fans von Pop-Gerüchten ist das Buch somit eine Enttäuschung (gut, immerhin weiß ich jetzt, wo der Titel des Blur-Albums "Modern Life Is Rubbish" herkommt), als Geschichte über die langsame Entwicklung von extrem erfolglosen Musikern hin zu Stars fand ich es aber durchaus lesenswert.

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