Wednesday on Monday: SoKo im Wiesbadener Schlachthof

U.
Bis gestern Abend hielt ich die französische Sängerin SoKo für nicht sonderlich bekannt. Sicher, sie hatte vor einigen Jahren einen Mini-Hit mit "I'll Kill Her", aber das ist ja auch schon eine Weile her, in der es sehr still um die Sängerin und Schauspielerin war ... ich rechnete für ihren Auftritt im Wiesbadener Schlachthof also nicht mit riesigem Andrang. Weit gefehlt, offenbar ist Sokos neues (und erstes) Album "I Thought I Was An Alien" unter hessischen Jugendlichen (die einander übrigens sehr gerne mit Blitz fotografieren) ein ganz schöner Renner. Der kleinere Raum das Schlachthofs füllte und füllte sich, während die Temperatur stieg und stieg.


Zunächst lernten wir die Vorband in Form des Solokünstlers Luke Rathborne kennen - wie viele der Publikumsmitglieder schien auch er unter 18 zu sein. Er versuchte, die Sympathie des Publikums zu gewinnen, indem er erst über andere bereits besuchte deutsche Städte und dann über Frankreich lästerte - insbesondere letzteres stieß aber nur auf Befremden. Dafür durfte er auf Anfrage einmal an einem Joint (vielleicht war's auch nur eine Zigarette, das war mit Rücksicht auf sein Alter wohl auch aufregend genug) aus dem Publikum ziehen. Seine Musik bestand aus endlosen Liedern, die teils an der Gitarre oder (nervig, da zu hoch) am Klavier vorgetragen wurden. Nach einigen Songs erfolgte ein abrupter und wortloser Abgang hinter die Bühne - offenbar hatte das Publikum etwas falsch gemacht. Was er wohl heute Abend über uns auf der Bühne in Köln erzählt?

Weiter ging's sehr schnell mit SoKo selbst, die uns in einem langen Blümchenkleid, das sie mit einer gewagten Sandalen-Socken-Kombination trug, begrüßte. Mit ihrem etwas kindlichen Äußeren und den langen, wirren, schwarzen Haaren hätte sie sich auch jederzeit als Wednesday Addams verkleiden können. Die Begrüßung war freundlich, aber erschreckenderweise auch weitgehend stimmlos-krächzend. Das erste Lied, "Treat Your Woman Right" wurde dann auch eher zum Sprechgesang, dessen wenige, offenbar gequälte Gesangseinlagen zwar gut zur Atmosphäre des Lieds passten, mich aber auch erwarten ließen, dass das Konzert bald abgebrochen werden würde.


Auch hier hatte ich Unrecht. SoKo kommentierte, dass ihre Stimme "fucked up" sei und bat dringend darum, nicht mehr zu rauchen, da das ihre Schmerzen vergrößern würde. Aber sie sang weiter, und es gelang ihr auch relativ gut. Dafür ergab sich ein neues Problem: Die Sängerin hatte zu Beginn des Konzerts um Ruhe gebeten, und darauf war auch die vorher recht laute Klimaanlage abgeschaltet worden. Was zunächst nach einer guten Idee klang, führte in kurzer Zeit dazu, dass der kleine Raum unglaublich heiß wurde und auch kaum noch Sauerstoff zu enthalten schien. Hoffentlich hat die Schwitzkur zumindest SoKos Stimme gut getan, aus Publikumssicht war es nämlich schwer auszuhalten.

Gemeinsam mit zwei Begleitmusikern an Geige und Gitarre, sowie dem für einige Lieder lustlos zurückkehrenden Luke Rathborne, spielte SoKo viele Lieder vom aktuellen Album, wenige ältere und einige neue - anscheinend hat sie nämlich schon etliches für zukünftige Veröffentlichungen aufgenommen. Sie war begeistert von einer Gruppe lesbischer Mädchen, die vor der Bühne tanzte, und sagte stolz ihren angeblich einzigen deutschen Satz: "Ich mag Muschis!" Das darauf folgende Lied "Why Don't You Eat Me Now You Can?" hat allerdings, wie wir nun wissen, nichts mit Sex zu tun, sondern dreht sich ausschließlich ums Veganerleben.


"Destruction Of The Disguisting Ugly Hate" kündigte SoKo mit den angesichts des Titels eher lustigen Worten "This is not a happy song!" an, und fuhr fort: "If you are here to hear happy songs, you've come to the wrong place!" Dennoch empfand ich die Liverdarbietung der natürlich allesamt deprimierenden Lieder des Debütalbums als leichter erträglich als auf CD, denn hier konnte man SoKo zumindest zwischen den Liedern lachen sehen und sich vergewissern, dass sie nicht kurz vor dem Selbstmord steht.

Verschiedene Mal wurde beispielsweise das Publikum zum Mitmachen animiert, so wurden wir bei "Little Mermaid Man" aufgefordert, einen Meerjungfrauenchor zu bilden - was ganz gut gelang - später sollten zwei Damen auf der Bühne mitsingen und ein Herr "wie ein Alien tanzen", was weniger erfolgreich verlief.

Auch SoKos Auftritt endete etwas abrupt, aber nicht unfreundlich: Sie teilte mit, dass leider immer noch geraucht würde und deshalb das Singen nun beenden werde. Zugaben seien nicht ihre Art, man könne sich aber am Merchandise-Stand eine Umarmung abholen. So bekam Wiesbaden letztlich weniger Lieder geboten als andere Tourneeorte, aber angesichts der Raumluftsituation konnten wir das besser verschmerzen, als das sonst der Fall gewesen wäre.

Setliste (geklaut bei Christoph):

01: Treat Your Woman Right
02: I Just Want To Make It New With You
03: People Always Look Better In The Sun, Pt. 1
04: Trapped In Freedom (Neu)
05: Why Don't You Eat Me Now You Can
06: Little Mermaid Man (Neu?)
07: I've Been Alone Too Long
08: We Might Be Dead By Tomorrow
09: Don't You Touch Me
10: Destruction Of The Disguisting Ugly Hate
11: I Never Meant To Hurt You (?)
12: Margot (Neu) (?)
13: First Love Never Dies
14: I Thought I Was An Alien
15: Happy Hippie Birthday
16: You Have A Power On Me

3 Kommentare:

  1. "Nach einigen Songs erfolgte ein abrupter und wortloser Abgang hinter die Bühne - offenbar hatte das Publikum etwas falsch gemacht. Was er wohl heute Abend über uns auf der Bühne in Köln erzählt?"

    Gar nichts. Er war überraschenderweise nicht mehr da. Wie auch der Drummer. Scheint wohl einen Streit gegeben zu haben, jedenfalls waren sie nur noch zu dritt heute. Waren denn gestern noch alle sechs da in Wiesbaden?

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  2. Hm, ich sah gerade, dass auf Last.fm für Köln als Support jemand anderes steht, vielleicht war er ja dort gar nicht vorgesehen (und in Wiesbaden dann schon in Ferienstimmung)?
    Sokos Band war in Wiesbaden zu dritt: Eine Geigerin, ein Bassist und Luke am Schlagzeug, wobei die Instrumente wechselten.

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  3. Achso, okay. Nein, Luke war für Köln noch vorgesehen, steht auch auf dem Ticket mit drauf. Das erklärt auch, warum Soko keinen Schlagzeuger mehr hatte ;)

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