Hit the North

U.

Manchester - je nach Alter und Interessengebieten denkt man bei der Nennung dieser Stadt wohl an eine traurige Industriehochburg im englischen Norden, an Fußball oder an aber Musik - viel Musik. The Smiths, Joy Dovision, New Order, Oasis, James, Inspiral Carpets, The Verve, Happy Mondays, The Charlatans, Hurts und ja, auch Take That - alle kamen sie hierher.

In den späten Achtzigern machte die Raveszene Manchester so beliebt, dass die Londoner am Wochenende massenweise in Busse stiegen, um im Haçienda Club zu feiern. Das ist mittlerweile in bisschen her, hinterließ bei mir aber stets ein unbestimmtes Gefühl von "nach Manchester könnte man auch mal fahren".


Letzte Woche kam es dann dazu, und zwar wegen eines passenderweise einigermaßen nostalgischen Ereignisses, das wie kaum ein anderes anderes an Manchesters Zeit als Musikhochburg erinnerte: Die Stone Roses hatten sich nach schlappen sechzehn Jahren Pause wieder zusammen getan und besserten ihre Rente mit drei riesigen Konzerten in ihrer Heimatstadt auf - und wieder einmal reiste das ganze Land in Reisebussen an.

Vom Konzert habe ich ja bereits berichtet, nun ist die Stadt dran. Zunächst einmal war ich überrascht von deren Kleinheit - mit knapp 400 000 Einwohnern ist sie nur die neuntgrößte des Vereinigten Königreichs, hat aber zugegebenermaßen ein sehr viel größeres Einzugsgebiet. Für uns Touristen war diese Entdeckung eher vorteilhaft, denn wenn man nicht gerade zum Heaton Park möchte, kann man in der Stadt die allermeisten Ziele zu Fuß erreichen.


Da wäre dann zunächst einmal das hippe North Quarter, in dem es hübsche Boutiquen, Krimskramsläden, Plattenläden und kleine Cafés gibt. In unserer Anwesenheit regierten hier die Stone Roses: Die Plattenläden hatten deren Veröffentlichungen ins Schaufenster geräumt und verkauften T-Shirts, eine Fotogalerie veranstaltete eine Fotoausstellung mit frühen Bildern und überall in den Straßen sah man Menschen mit Zitronenscheiben-T-Shirts. Wer schon einmal im Londoner Kensington Market war, kann hier im Affleck's Palace eine Art Zombieversion erleben: Ein riesiges Kaufhaus, gefüllt mit winzigen Läden, von denen mindestens 50 Prozent wirken, als hätten sie die Achtziger Jahre nie verlassen. Schöner und zeitgemäßer ist da schon das Craft & Design Centre.


Aber wo konnte man etwas von den anderen Bands sehen, die Manchester für Musikfans so berühmt gemacht haben? Ein ehemaliges Mitglied der Inspiral Carpets bietet Stadttouren zu ihren Wirkungsstätten an, aber in der Stadt an sich bemerkt man sie ohne Hilfe kaum. Der Haçienda Club ist mittlerweile ein Wohnblock, an dem immerhin ein Schild ans erste James-Konzert erinnert. Und die einzige echte musikalische Pilgerstätte befindet sich außerhalb der Stadt in Salford, wo am pittoresken Salford Lads Club auch heute noch die Smiths-Fans Schlange stehen, um deren Platteninnencover von 1986 nachzustellen.



Nachdem man also eher vergeblich nach Bronzeskulpturen von Morrissey oder einem Joy Division-Museum sucht, kann man sich zumindest den anderen kulturellen Offerten widmen. Für die, die Manchester eher als Industriestadt wahrnehmen, bietet das MOSI einen Einblick in die Geschichte des Maschinenbaus, den Beginn der Eisenbahn (das Museum befindet sich an der Stelle des ersten Personenbahnhofs der Welt), die Geschichte der Elektrizität bis hin zur heutigen Energiegewinnung, den für Manchesters Geschichte wichtigen Baumwollhandel... kurz, Manchester hat sein eigenes Deutsches Museum. Ein Museum gibt es übrigens auch die Fußballfans in Manchester, es war aber bei unserem Besuch noch nicht eröffnet.


Im Stadtteil Castlefield kann man aber neben dem ersten Bahnhof auch vieles anderes entdecken: Hier gibt es eine Reproduktion der römischen Siedlung, aus der die Stadt Manchester hervor ging. Heute kann man an putzigen kleinen Kanälen entlang wandeln und die Aussicht auf das höchste Gebäude der Stadt, den Beetham Tower, genießen - bei dem ich mir stets ein wenig Sorgen machte, er könnte umfallen.


Ein Problem unseres Manchesteraufenthalts lag im klischeehaft englischen Wetter: Täglich regnete es zumindest kurz auf uns herab, gerne auch länger. Folglich standen inhäusige Aktivitäten ganz oben auf der Interessenliste. Glücklicherweise verfügt die Stadt über eine recht interessante Kunstgalerie und über etliche Bibliotheken. Die schönste von ihnen ist die neugotische John Rylands Library, die Mrs. Rylands im Jahr 1900 zum Gedenken an ihren verstorbenen Mann bauen ließ  - würden doch alle reichen Leute ihr Vermögen in derart sinnvolle und gemeinnützige Denkmäler investieren.


Und so bleibt als Fazit: Man muss Manchester nicht unbedingt gesehen haben. Was aber nichts daran ändert, dass es durchaus Spaß macht, einige Tage dort zu verbringen.

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