Wenn Internetnutzer weniger doof sind als erhofft

U.
Wer auch nur ein wenig bei Facebook oder Twitter unterwegs ist, kennt die Plage, die sich Community Management nennt: Professionelle Marketingleute im Netz, die dafür sorgen sollen, dass die eigene Marke immer schön im Gespräch bleibt, und das nach Möglichkeit positiv. Manchmal sind solche Geschichten durchaus unterhaltsam, und immerhin ließ ich mich letztes Jahr dank Community Management zum Stricken winziger Mützen verleiten (und bereue nichts), aber im großen und ganzen sind diese Kommunikationsversuche ebenso durchsichtig wie langweilig. Anbiederndes Gesülze wie "Endlich Wochenende! Teil diese Nachricht auf Deinem Profil, wenn auch Du Wochenenden magst!" entspricht viel eher dem Durchschnitt als die witzige Innocent-Kampagne damals.

Manchmal rächt es sich aber, wenn man Internetnutzer unterschätzt. Letztes Jahr musste der Henkel-Konzern mit der Marke Pril diese Erfahrung machen. Auf Facebook sollten gelangweilte Menschen auf "kreative" Art virtuelle Prilflaschen dekorieren, das schönste Modell sollte dann auf den Markt kommen. Großartig waren die Auswahlmöglichkeiten dabei nicht, im Grunde konnte man nur vorgefertigte Bausteine auswählen. Ein Werbetexter fand diese Aktion so dämlich, dass er durch ausschließliche Nutzung des Tools "Stift", das als einziges eine halbwegs freie Gestaltung ermöglichte, eine unglaublich hässliche Flasche designte, die Pril auch noch Hähnchengeschmack unterstellte. Prompt landete das Werk auf Rang 1 der Abstimmung, andere zogen mit und designten mit Hingabe ebenfalls Unpassendes und Unästhetisches.


Die Firma Henkel zeigte angesichts der Situation keine Größe, löschte unter kaum nachvollziehbaren Begründungen Stimmen und schickte schließlich nur zahm gestaltene Flaschen in die Endauswahl. Gut, "Pril mit Hähnchengeschmack" im Handel hätte wohl auch zu erheblichen Zusatzproblemen geführt, auf Facebook wurde Pril aber durch diese Aktion sicher nicht beliebter

Andere Firmen haben aus diesem Debakel wahrscheinlich etwas gelernt, bis zum Weltkonzern Shell hat sich allerdings offenbar nicht herumgesprochen, dass Internetnutzer nicht bei jedem Mist brav mitmachen. Shell bohrt nämlich in der Arktis nach Öl und fordert die Öffentlichkeit dazu auf, nach vorgefertigten Motiven, aber mit freier Textgestaltung, Plakate mit dem Motto "Let's Go!" zu entwerfen. Die beliebtesten Entwürfe sollen wiederum tatsächlich realisiert werden, "an strategischen Orten weltweit". Nach dem, was derzeit ganz vorne liegt, nehme ich an, der "strategische Ort" ist eine kaputte Toilette in einem Keller mit der Aufschrift "Vorsicht, bissiger Tiger!".



Mehr Beispiele hier - aber sicher nicht mehr lange ...

4 Kommentare:

  1. Lol! Vielen Dank für diesen überaus unterhaltsamen und intelligenten Post :) Muss das direkt mal sharen...
    LG!

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  2. Ich las soeben, dass die Shell-Seite ein Fake ist. Egal, macht trotzdem Spaß ...

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  3. Ja, ist trotzdem witzig :) Mal noch was anderes zum Thema Aktivismus: Gibt es bei euch in Frankfurt eigentlich sowas wie "Solidarische Landwirtschaft" oder Urban Gardening oder Permakultur o.ä.? Kennst du dich da aus?
    LG,
    Nina

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  4. Nein, da kenne ich mich leider fast gar nicht aus. Es würde mich aber sehr wundern, wenn Frankfurt mit seiner sehr "linken" Geschichte in diesem Punkt nichts zu bieten hätte - zwischen den ganzen Banken.

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