Keine Schlangenplage in Hausen: Maximilian Hecker in der Frankfurter Brotfabrik

U.
In der Simpsons-Folge "Der Knüppeltag" sollen, einer grausamen Tradition folgend, in ganz Springfield Schlangen erschlagen werden. Die tierfreundliche Lisa will das verhindern, indem sie die Schlangen, die von tiefen Tönen angelockt werden, mit Musik ins Haus der Simpsons lockt und in Sicherheit bringt. Doch als sie in der Plattensammlung ihres Vaters nach geeigneter Musik sucht, findet sie dort nur Perlen wie "Alwin und die Chipmunks" und "Kastratenweihnacht". Schließlich kommt aber Barry White persönlich vorbei und singt etwas adäquat Tiefes für die Schlangen.



Irgendwie kam mir diese Geschichte in den Kopf, als mein Freund mir erzählte, dass Maximilian Hecker, der selbst nicht gerade durch sonderlich tiefen Gesang bekannt geworden ist, zurzeit mit Felix Räuber (dem Sänger von Polarkreis 18) auf Tournee sei. Würden die beiden um die Wette piepsen und die Schlangen rund um die Brotfabrik vertreiben?

Nach Sichtung eines tatsächlich recht piepsigen Youtube-Videos der Kollaboration, beschlossen wir, einfach die Probe aufs Exempel zu machen. Herrn Hecker hatten wir 2009 bereits einmal ohne Begleitung (und auch ohne Blogeintrag) im Frankfurter Mousonturm gesehen, damals war uns der Gesang zum Klavierspiel auf die Dauer etwas eintönig erschienen - eigentlich kann ich mich nur noch daran erinnern, dass das erste Lied mit einer Strumpfmaske vorgetragen wurde. Vielleicht würde ein weiterer Künstler auf der Bühne (dessen Musik ich ja bei all ihrer Sopranlastigkeit durchaus schätze) für mehr Abwechslung sorgen?


Als wir die Brotfabrik erreichten, waren dort im Zuschauerraum Stuhlreihen aufgestellt, die sich nach und nach mit etwa 100 Zuschauern füllten. Direkt neben uns in der ersten Reihe waren drei Stühle als reserviert markiert. Deren Inhaber bekamen die ehrenvolle Aufgabe, die etwa 100 Ikea-Teelichter auf der Bühne anzuzünden. Ob man sich dafür wohl hatte bewerben können?

Als die Lichter brannten, begann der Auftritt der beiden in schwarz gekleideten Künstler mit einem eingespielten Intro und "Mirage of bliss" (Part 1 gefolgt von Part 2). Hecker nahm dabei links am Flügel Platz, während Felix Räuber ihn an Gitarre, Keyboard und Glockenspiel begleitete (wobei das Glockenspiel vor seinem Einsatz erst noch gesucht und zusammengesetzt werden musste) und meist größere Gesangsparts übernahm - mal war es "nur" die zweite Stimme, dann eine ganze Strophe ("Whereabouts of love") oder auch der komplette Titel ("Birch"). Ebenfalls in sein Ressort fiel beinahe die gesamte Kommunikation mit dem Publikum.


So bekamen wir vor "Kate Moss" erzählt, dass es sich um eines von Räubers Lieblingsliedern handelt und dass er versucht habe, bei den Proben möglichst viele seiner Favoriten in die Setliste zu schummeln und sich darin größere Parts zuzuteilen. Die beiden kennen sich - das erfuhren wir etwas später - erst seit dem letzten April, weil Räuber damals im Sardinien-Urlaub Heckers letztes Album "Mirage of Bliss" angehört hatte und davon so beeindruckt war, dass er Kontakt aufnahm - woraus sich dann letztlich die jetzige gemeinsame Tournee entwickelte, für die Frankfurt erst die zweite Station darstellte. Amüsant fand ich, dass mit keinem Wort erwähnt wurde, dass Räuber ja selbst ein relativ bekannter Popmusiker ist. Vielleicht denkt jetzt der eine oder andere aus dem Publikum, dass Maximilian Hecker gerade mit einem verrückten Fan auf Tournee ist.


Seit kurzem gibt es Maximilian Hecker auch als Buchautor, und nach "The Forsakenness of raging love" wurde das Konzert für eine kurze Lesung des ersten Kapitels aus seiner Autobiographie "The rise and fall of Maximilian Hecker" unterbrochen - so erfuhren wir von Heckers Erlebnissen auf einer vom Goetheinstitut veranstalteten Welttournee. Das anschließende "If only I could see" trug Hecker dann allein am Flügel vor. Hier zeigte sich bei den leisen Stellen, dass über die rechte Lautsprecherbox leise ein Radio zu laufen schien. Als besonders störend empfand ich das nicht, fragte mich aber, ob dieser Soundeffekt Absicht oder ein Versehen sei. Tatsächlich handelte es sich, wie später erklärt wurde, um ein nicht lösbares Soundproblem der Brotfabrik.


Bei "Birch" sah es zunächst so aus, als werde Felix Räuber weiterhin nicht auf die Bühne, die er vor der Lesung verlassen hatte, zurückkehren, tatsächlich trug er dann aber die erste Strophe aus dem Publikum vor - wobei sich zeigte, dass er das sonst beim Gesang benutzte Mikrophon nicht wirklich benötigte. Auf "Birch" folgte dann das einzige von Felix Räuber geschriebene Lied des Abends, "Running out of time", dessen Gesang er ebenfalls allein bestritt. Danach war das Konzert auch beinahe schon vorbei, allerdings bekamen wir nach "Snow white" und "The whereabouts of love" noch zwei Zugaben präsentiert (das auf der Setliste vermerkte "Fool" wurde leider ausgelassen). Für "Head up high" tauschten die beiden Künstler die Plätze und Instrumente, bei "I'll be a virgin, I'll be a mountain" saß Hecker, nachdem er sich zunächst melodramatisch das Hemd aufgerissen hatte, nochmals allein am Flügel. Als Räuber noch kurz aus dem Publikum zu ihm eilte, um etwas zu fragen, sagte Hecker verwirrt "Oh, ich dachte, das sei ein Ordnungshüter!"

Anschließend machte des Kerzenteam die Teelichter wieder aus, und man hätte man sich noch von beiden Künstlern am Merchandise-Stand beraten lassen können, worauf wir aber verzichteten. Tatsächlich war der Konzertabend ausgesprochen schnell vorbei gegangen, und die Anwesenheit von Felix Räuber hatte zum einen dazu geführt, dass die balladeske Musik von Maximilian Hecker live abwechslungsreicher dargeboten werden konnte, zum anderen hatte der bei Hecker - sei es absichtlich oder nicht - stets ungelenk gehandhabte Bereich "Kommunikation" an Gewicht verloren. Sollte man also nicht gerade verzweifelt Schlangen einfangen wollen, kann ich die Konzerttournee des Duos durchaus empfehlen.



Setliste:

(Intro)
Mirage of bliss (Part 1)
Mirage of bliss (Part 2)
Summer days in bloom
Heavenlies
Silent, lucid flashes
Kate Moss
Treasure trove
The forsakenness of raging love
- Lesung -
If only I could see
Birch
Running out of time (Felix Räuber)
Snow White
The whereabouts of love

Head up high
I'll be a virgin, I'll be a mountain

2 Kommentare:

  1. Sehr schöner Bericht - und die Assoziation zur Simpsons-Folge ist ganz wunderbar :-).

    Ich bin schon gespannt, was mich am Mittwoch in Nürnberg erwartet...

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  2. Ein sehr schönes Bereicht ;)
    Und ich freue mich schon auf das Konzert in München.

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