Größer ist nicht immer besser: Maifeld Derby 2013, Teil 2

U.
Retrospektivisch betrachtet erwiesen sich meine negativen Eindrücke bezüglich des Festivals am regenlosen Samstag als etwas übertrieben. Natürlich bedeuten mehr Zuschauer längere Schlangen (mit denen zweifellos nicht immer richtig umgegangen wurde) und mehr Idioten, aber das heißt nicht, dass am diesjährigen Maifeld Derby alles doof war. Allein das Preis-Leistungsverhältnis war wieder einmal unschlagbar – ganze 32 Euro hatten wir für drei Tage Festival bezahlt, und das Lineup war von den Namen her so gut besetzt wie in den beiden vorherigen Jahren zusammen.


Außerdem unterscheidet sich das Maifeld Derby weiterhin dahingehend angenehm von Konkurrenten, dass es wenige Sponsoren gibt, die sich auch recht diskret verhalten – nach wie vor sahen wir keine penetranten T-Mobile-Winkehände oder vergleichbaren Müll. Außerdem hat es weiterhin von den mir bekannten Festivals die entspannteste Toilettensituation – was immerhin auch einen wichtigen Faktor bezüglich wohlfühlen darstellt.

Selbst bezüglich des vegetarischen Angebots musste ich am Samstag ein wenig zurückrudern (oder „die Hufe still halten“), denn am Freitag waren wohl einige Gerichte bereits ausverkauft gewesen. Tatsächlich war das Angebot verglichen zum Vorjahr zumindest etwas erweitert worden.



Wir trafen zu Funeral Suits auf dem Gelände ein. Der im Programmheft gezogene Vergleich der Iren zu Foals erwies sich als berechtigt.

Weiter ging es ins Zelt zu Sizarr, deren Auftritt letztes Jahr auf der Open Air-Bühne buchstäblich ins Wasser gefallen war. Die Band erwähnte diese Vorgeschichte nicht, dafür aber, dass sie die Heimat Landau nun gegen Mannheim eingetauscht hat.


Das Publikum enthielt viele junge Frauen im Alter der Band. Begeisterung war durchaus vorhanden, und Sänger Fabian bat alle Anwesenden, bei jeder möglichen Gelegenheit auszuflippen, sogar beim Wort (hier musste er lange nachdenken) „Eisenbahn“, was auch brav befolgt wurde.


Der Sound, insbesondere am Anfang des Sets, erwies sich leider als nicht sonderlich gut. Zum Ende hin kamen die beiden Singles „Boarding Time“ und „Purple Fried“, bei letzterem wurden wir aufgefordert, mitzusingen. Richtig mitreißen konnte mich der Auftritt von Sizarr aber leider nicht.


Nach Ende des Auftritts setzten draußen gerade Toy zu ihrem eigenen an. Die Band orientiert sich optisch offenbar an den Ramones: Am Bühnenrand standen drei schwarzgekleidete Männer und eine Frau im schwarzweißen Kleid, alle langhaarig, und alle mit den Haaren im Gesicht. Nur der Drummer hatte das Styling-Memo nicht gelesen und war im Ringelpulli erschienen. Immerhin die Frisur stimmte. Musikalisch klangen alle Lieder ähnlich und bewegten sich irgendwo zwischen Psychedelic, Shoegaze und Rock.


Zurück im Zelt kamen wir gerade rechtzeitig zum Soundcheck von Efterklang aus Dänemark. Die hatte ich vor Jahren bereits beim Haldern Festival gesehen und erinnerte mich gut an die Fröhlichkeit der Band und ihre lustigen Outfits.

Outfittechnisch machte das kühle Wetter einen kleinen Strich durch die Rechnung, denn so konnten wir unterm Mantel nur ansatzweise erkennen, was für interessante Kleidung die zusätzlich mitgebrachte Sängerin trug. Ich entdeckte auf jeden Fall Glanzleggings und schwarze Socken mit Wedge-Sandalen darüber. Sänger Casper hatte sich von seinem Schnurrbart verabschiedet und trug Anzug und Fliege, während Bassist Rasmus noch einen sehr schönen Zensurbalken im Gesicht trägt und den ganzen Auftritt hindurch lächelte.


Efterklangs neues Album „Piramida“ passt, finde ich, nicht ganz so gut zu diesem fröhlichen Gebahren, und so konnte ich mich auch nur für ältere Songs wie „I was playing Drums“ und „Modern Drift“ so richtig erwärmen. Das Publikum an sich sah das aber anders, denn der Auftritt kam ausgesprochen gut an.


Die Band hatte am Vortag beim Immergut-Festival gespielt und hatte dort im Publikum Geschenke für die Maifeld-Gäste eingesammelt, unter anderem eine fast leere Flasche Jägermeister-Imitat. Wir sollten nun unsererseits Gaben für Besucher eines Open Airs in Leipzig abgeben, was auch ganz gut klappte: Casper zeigte uns gegen Ende verwundert eine Armbanduhr, die sich allerdings Rasmus sofort schnappte und umband.


Draußen vor dem Zelt spielten nur Immanu El aus Schweden auf, die eher ruhigen Progrock machten und als erste von mir gesehen Band des Festivals hinter der Bühne Filme mit Naturszenen, die möglicherweise vom schwedischen Touristikverband gesponsort waren, abspielten. Ich hatte aber Hunger und nutzte die gerade nur lange, aber nicht allzu hoffnungslose Essensschlange, um ein paar Nudeln zu erwerben.


Dann ging es weiter mit einem Headliner, Thees Uhlmann. Diesen hatte ich vorher bereits einmal mit Tomte und letztes Jahr beim Hurricane allein gesehen. Auf mich wirkte der wie immer gut gelaunte und freundliche Thees bei diesem Auftritt etwas fahrig. Die Rockerposen saßen, wie schon beim Hurricane wurde quasi jedes Lied irgendjemand gewidmet: in diesem Fall den Helfern des Festivals, Leuten vom Land, Indie-Fans, Bono Vox und Bruce Springsteen... Darüber hinaus gab es einige Anekdoten, wobei ich an der Geschichte, in der eine Freundin von Thees einen Fremden nach einem Bono-Vox-Autogramm fragte, ohne zu erkennen, dass es sich bei dem scheinbar unbekannten Begleiter um Bruce Springsteen handelte, nicht so recht glauben konnte. Schön war sie aber trotzdem.


Als Thees „Und Jay Z singt uns ein Lied“ anstimmte, dachte ich daran, dass wir beim Hurricane beinahe mit einem Gastauftritt von Casper (der in der aufgenommenen Version den Rapteil darbietet) gerechnet hatten, weil er ebenfalls bei dem Festival auftrat. Wir wurden damals aber enttäuscht und Thees rappte selbst. Als sich dieses Mal der Rap-Teil näherte, konnte man am Bühnenrand wahrnehmen, dass ein Mikrophon bereit gehalten wurde, irgendjemand war also dieses Mal eingeplant. Und tatsächlich kam mit einem Mal und zur großen Begeisterung der Menge Casper auf die Bühne.


Natürlich bot es sich an, dass das Duo anschließend gleich noch seine andere Kollaboration „XOXO“ darbot, wobei aus Publikumssicht schwer zu entscheiden war, wer von beiden Künstlern die größere Rampensau war.

Nachdem das Uhlmannsche Soloalbum mittlerweile ein Jahr alt ist, sang Thees mit „Zugvögel“ und „Die Bomben meiner Stadt machen Boom Boom Boom“ auch zwei neue Songs, die mich allerdings beim ersten Hören nicht sonderlich überzeugen konnten. Gerade das zweite neue Stück entpuppte sich im Anschluss an den Casper-Auftritt eher als Anti-Höhepunkt.


Im Anschluss an die Zugaben kam Thees gleich wieder heraus, sprach mit Fans und gab Autogramme. Mich hatte die zweifellos gute Show nicht ganz überzeugen können, vielleicht wegen der bereits erwähnten Fahrigkeit, vielleicht auch, weil der Unterschied zum Hurricane dann doch nicht riesig war. Ich weiß es nicht, vielleicht war ich am Samstag auch einfach etwas miesepetrig (Wer hat da „Bist Du doch immer!“ gesagt???).


Im Anschluss sahen wir uns noch Is Tropical an, eine etwas kuriose Band aus England, die sich mit Hot Chip und Digitalism ein Plattenlabel teilt. Optisch musste man bei ihrem Anblick aber weniger an diese Künstler als an Toy denken, mit denen die Band offenbar den Friseur teilt. Die Musik lag irgendwo zwischen Joy Division und Elektro Dance, was nicht so recht mit dem Rocker-Aussehen der beiden Herren harmonieren wollte.


Die beiden standen übrigens vor identischen, symbolgeschmückten Kisten, die ihnen Zugriff auf ihr Instrumentespektrum boten – so etwas hatte ich zumindest noch nie gesehen.  Die Single „Dancing Anymore“ wurde von einer nur für dieses Lied mitgebrachten Sängerin in einem sehr kurzen Kleid unterstützt, die wieder und wieder den Refrain „No I won't, no I won't, no I won't I won't let you move that way / Cause I don't, no I don't I don't let you move that way” sang. Dieses Lied gefiel mir noch am besten. Hm.

Der Samstag bot für mich zusammengefasst also in etwa das Gegenteil des Freitags: Wieder freundlichere Gedanken über das Festival an sich, dafür aber, trotz umjubelter Auftritte, keine persönlichen Musik-Highlights. Aber das mag an mir gelegen haben.

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