Größer ist nicht immer besser: Maifeld Derby 2013, Tag 3

U.

Der abschließende Sonntag war vom Lineup her sicher der schwächste Festivaltag, die beiden „Nebenbühnen“ Parcours d’Amour und Brückenaward-Zelt hatten bereits geschlossen und ich hatte den Eindruck, dass viele Besucher relativ früh abreisten. Dafür zeigte sich aber erstmalig die Sonne, was sofort zum Erscheinen eines Eiswagens führte – und mit oder ohne Eis hat ein Festival bei Sonnenschein natürlich eine ganz andere Atmosphäre.


Als erste Sonntagsband sahen wir Útidur aus Island, die ich im Vorfeld überhaupt nicht kannte und die an diesem Tag die Zeltbühne eröffneten. Bei unserem Eintreffen sah es kurz so aus, als würde die immerhin achtköpfige Band die Zuschauer zahlenmäßig übertrumpfen (was den Schlagzeuger zu der ironischen Durchsage „No, stop it, no more moshpits please!“ veranlasste), dann füllte sich das Zelt aber doch noch ganz gut. Die Truppe auf der Bühne an Geige, Trompete, Gitarren, Akkordeon, Keyboard und Schlagzeug wirkte ein wenig wie ein Schulausflug aus Island, musikalisch musste ich mehrfach an Eurovision Song Contest-Beiträge denken. In Zwischenansagen wurden manche isländische Songtitel, zum Beispiel „Nightmare“ erklärt. Ein neues Lied wurde ganz bescheiden als das beste Lied, das wir jemals hören werden angekündigt. Insgesamt eine sehr sympathische Band, die musikalisch nicht ganz mein Fall war.


Setliste (Quelle: Konzerttagebuch)

1) Ballaðan
2) Vultures
3) Martröð
4) Untitled (working title "3 punkta lagið")
5) Untitled (working title "The Sicilian")
6) Untitled (working title "Ennio")
7) Words are moving slow
8) Fisherman's Friend
9) Þín augu mig dreymir
10) Train to Arhus


Draußen auf der Open Air-Bühne folgte der Auftritt von Yesterday Shop. Die Band spielte viele Lieder von ihrem selbstbetitelten ersten Album, darunter die Single „Paralyzing“, „Fat Man & Little Boy“ und „Winter Act II“ aus der Winter-Trilogie der Band. Dieses Konzert hätte besser an den Vorabend hinter Thees Uhlmann gepasst als Is Tropical, wo es auch ein größeres Publikum erreicht hätte.


Im Zelt fanden wir uns direkt anschließend zu David Lemaitre ein, der im Programm etwas vollmundig als bolivianischer Künstler angekündigt worden war – was natürlich nicht gelogen ist, aber der Mann lebte bis zu seinem Umzug nach Berlin in Mannheim, hatte also keine sonderlich weite Anreise, und hat auch seine musikalische Karriere bislang in Deutschland absolviert, unter anderem als Support Act der Maifeld-affinen Band Get Well Soon.


Der Auftritt schaffte es zurecht, das Zelt bereits um 14 Uhr überraschend voll zu machen, und beeindruckte durch ungewöhnliche Instrumente, allen voran ein Weinflaschen-Synthesizer, der die Flaschen bei Betätigung leuchten ließ oder ein Reisekoffer, der als Schlagzeugersatz diente.


Die Live-Darbietung von Lemaitres erstem Album „Latitude“, aus dem unter anderem „Megalomania“, „Magnolia (girl with camera)“ und „Jacques Costeau“ gespielt wurden, überzeugte noch mehr als die Studiofassungen. Für den letzten Song „The Incredible Airplane Party“ kam seine Supportband der aktuellen Tournee, Children, mit auf die Bühne. Das Lied handelt übrigens von einem Traum, den der Künstler auf einem Flug zu seinen Eltern in Bolivien hatte, und in dem unter anderem der Pilot mit einem Fallschirm, absprang, ein Tiger herumlief und er selbst mit Megan Fox tanzte, die allerdings überhaupt nicht tanzen konnte.


Auf der Open Air-Bühne war es nun Zeit für Intergalactic Lovers aus Belgien, die laut Programmheft in ihrem Heimatland höchst erfolgreich sind. Mir ging ihre Musik aber leider bloß auf die Nerven. Lediglich die Idee, die Bandvorstellung als Beschwerdemanagement zu verkaufen, gefiel mir („If you have any complaints about the drummer, you need to talk to Brendan“ und so weiter).


Richtig schlimm fand ich anschließend im Zelt die Dänen When Saints Go Machine und hielt nur drei Lieder durch. Selbst der Sound spielte nicht mit und war, wie zuvor bei Sizarr und später bei Leslie Clio, zu Beginn ausgesprochen dumpf.


Nach einer Pommes-Pause ging es dann zu den deutschen Jack Beauregard, deren Frontmann Daniel Schaub gemeinsam mit seinem Bandkollegen Pär Lammers bereits vier Songs für Lena geschrieben hat. Das Duo bot gefällige Popmusik aus Deutschland, manche Keyboardpassagen ließen mich an Thomas Anders' Umhängeinstrument denken. Immerhin passte das Ganze gut zum Sonnenschein.


Zeit für Leslie Clio im Palastzelt, die einen ziemlich verwirrenden Auftritt hinlegte. Die Sängerin, die sicherlich zu den bekannteren Künstlerinnen des Sonntags zählte, machte so gar nicht den Eindruck, dass sie gerne beim Maifeld Derby auftrat. Das Gesicht blieb stets ernst, das Verhalten fahrig. Dass bei den ersten Songs die Pressefotografen vorne ihrer Aufgabe nachgingen, schien ihr nicht zu behagen, auch die Größe der Bühne und der viele Platz darauf sowie die Entfernung zum Publikum gefielen offensichtlich nicht. Was war da nur los? Zwar behauptete die Berlinerin gelegentlich, Spaß zu haben, aber das hörte sich sehr nach Höflichkeitsfloskel an. Entweder, Leslie kann ihre gute Laune sehr gut verbergen, oder aber sie feuert gerade ihren Booker.


Soundtechnisch wirkten die ersten Songs der Soul Pop-Künstlerin arg dumpf, was mit der Zeit besser wurde. Das Debütalbum „Gladys“ wurde nahezu komplett gespielt, dazu die B-Seite „Love is a Killer“ und der Soundtrack-Beitrag zu „Heute bin ich blond“,  „Just Begun“.

Die Singles „Couldn’t Care Less“ und „Told you so“ kamen natürlich beim Publikum besonders gut an.  Bei uns hinterließ der Auftritt aus den genannten Gründen einen zwiespältigen Eindruck.


Setliste:

God no more
Twist the Knife
Gotta Stop Loving You
Melt Back
Island
Let Go
Sister Sun Brother Moon
I couldn’t care less
Just Begun
Dr. Feelgood
Love Is A Killer
Told You So

Danach stand für uns die Rückfahrt an, so dass wir uns die Headliner des Sonntags, Wallis Bird und Sophie Hunger, sparten – beide entsprachen ohnehin nicht meinem Interessespektrum.

Was bleibt vom Maifeld Derby 2013? Ich persönlich finde drei Tage Festival in meinem betagten Alter recht anstrengend und wäre eigentlich froh, wenn im kommenden Jahr der Sonntag wieder frei bliebe, so dass man Schlaf für die kommende Arbeitswoche tanken kann. Aber natürlich gönne ich den Veranstaltern ihren Erfolg, sowohl was die Künstler als auch was das Publikum angeht, und mir ist auch bewusst, dass ich altermäßig deutlich über der Zielgruppe liege. Bezüglich der Organisationsengpässe wurde dieses Jahr hoffentlich dazu gelernt. Insbesondere die Einlasskontrolle hatte definitiv Optimierungsbedarf, und ich denke, es wird nun auch endlich Zeit für mindestens einen zweiten Fressstand, mit einer komplett separaten Schlange.


Was mir beim Maifeld Derby in vergangenen Jahren besonders gut gefallen hatte, waren die kurzen Wartezeiten gewesen: Man verließ das Zelt, die Band auf der Open Air-Bühne begann zu spielen, und umgekehrt. Mit dem immer besser werdenden Lineup und dem etwas weiter entfernten Parcours d’Amour, der ebenfalls immer hochkarätiger besetzt wird, artet das aber zunehmend in Stress aus: Während wir manche Künstler wegen gleichzeitiger Auftritte berhaupt nicht sehen konnten (Enno Bunger / CocoRosie) musste man bei anderen schon vor dem Ende verschwinden, um das nächste Konzert nicht zu verpassen (Daughter / Sea+Air). Hinzu kommen die mittlerweile vorhandenen Menschenmengen, die es nicht mehr so ohne weiteres erlauben, schnell vom einen Ort zum anderen zu eilen, so dass man häufig bei aufeinander folgenden Bands auf unterschiedlichen Bühnen die ersten ein bis zwei Lieder verpasst. Insofern fände ich in den aktuellen Dimensionen eine Mindestpause von einer Viertelstunde zwischen zwei Auftritten durchaus sinnvoll.


Im Moment habe ich nicht das Gefühl, dass ich nächstes Jahr zwingend wieder nach Mannheim muss, aber ich sehe schon wieder kommen, dass Ende des Jahres unsagbar günstige Frühbuchertickets auf den Markt geworfen werden, so dass ich mir dann doch ein weiteres Mal denke „Für den Preis kann man nichts falsch machen“. Wir werden sehen.

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