Perfect Evening: Jens Lekman im Kölner ARTheater

U.

Jens Lekman hat ein neues Album, das er aktuell auch live vorstellt - was ihn nach neunjähriger Pause am letzten Mittwoch auch nach Köln brachte. Ich hatte bei meiner Anreise aus Frankfurt mit einer Vollsperrung der S-Bahn-Strecke bei Ehrenfeld zu kämpfen, weshalb ich mich verspätete. Dennoch war das ARTheater bei meiner Ankunft noch deutlich lockerer gefüllt als bei Spaceman Spiff im Januar, es war überhaupt kein Problem, einfach nach vorne durchzugehen. Dennoch füllte der Raum sich vor Konzertbeginn durchaus - wenn das Konzert auch sicherlich nicht ausverkauft war, erwies sich die Besucherzahl aus Zuschauersicht als durchaus angenehm.


Lekmans Vorband war ein deutscher Sänger, Joe Scholes, der sich als "all the way from Köln Nippes" vorstellte. Wie Jens Lekman erzählt Scholes in seinen Liedern, die er allein zu seiner Gitarre vortrug, kleine Geschichten - etwa über einen Traum, in dem er seine Exfreundin in einem Eric Prydz-Aerobic-Musikvideo entdeckte. Zwei seiner Songs waren Smokey Robinson-Cover, gelegentlich spielte er zur Erweiterung des Instrumentespektrums auch Mundtrompete. Durch seinen so und auch durch seine Zwischenansagen bewiesenen Humor kam der Sänger beim Publikum gut an.


Auch Jens Lekman betrat die Bühne zunächst allein mit Gitarre und sang als erstes "To Know Your Mission" von seinem neuen Album "Life Will see You Now". Dessen Zeilen "But in a world of mouths / I want to be an ear / If there's a purpose to all this / Then that's why God put me here" kann man wohl als eine Art Lekman-Motto verstehen - wenn auch ein im Konzert-Kontext seltsames, angesichts der Tatsache, dass er ja aktuell vortrug und nicht zuhörte.

Ich hatte Jens Lekman bereits dreimal live gesehen, jedes Mal hatte er dabei andere Musiker dabei. Dieses Mal begleiteten ihn drei Frauen an Schlagzeug, Keyboard und Bass. Wie häufig bei Lekman gab es einen Dresscode: alle auf der Bühne trugen weiße Adidas Stan Smith-Sneaker.


Ein Großteil der live gespielten Lieder kam vom neuen Album, so auch das nun folgende "Evening Prayer", bei dem sich zeigte, dass die drei Damen auf der Bühne zwar mit Mikrophonen zum Mitsingen ausgestattet waren, das aber vielfach nicht taten - das weibliche Gesangssample für diesen Song kam vom Band und nur die Schlagzeugerin sang ein bisschen mit. Anschließend kam "Hotwire The Ferris Wheel", hier sangen dann alle drei Frauen mit. Der Song dreht sich wie viele andere um eine Episode aus Lekmans Leben: Er lief vor dreizehn Jahren mit einer Freundin durch Malmö, die trautig war, weil ihr Freund sie betrogen hatte. Zur Aufmunterung schlug Lekman ihr im Scherz vor, das Riesenrad, an dem sie gerade vorbei kamen, kurzzuschließen. Und die Freundin meinte, sie wisse, dass er eines Tages ein Lied über diesen Moment schreiben werde, und bat ihn, dass es nicht traurig sein solle.


"Postcard #17" stammt aus einer Phase, in der Lekman wöchentlich neue Lieder schrieb und veröffentlichte, die allesamt "Postcard" hießen - nur diese hier hat es aufs neue Album geschafft. Für "Wedding In Finistère" verwies er auf das im Stil des Albumcovers gemalte Bild einer Frau mit Sonnenbrille auf der Bassdrum - anscheinend ist das Lied über sie. Mit dem danach folgenden "I Know What Love Isn’t" kam zum einen das erste Lied, das nicht auf der aktuellen Platte zu finden ist - zum anderen begann der "Discoteil" des Abends. Die zwei winzigen Discokugeln des ARTheaters drehten sich begeistert, während das Lied ohne Pause in "How We Met, The Long Version" überging. Es folgte ein weiterer "Doppelpack" aus der Single "What’s That Perfume That You Wear?" (Lekman hat aus den im Song genannten Zutaten übrigens ein echtes Parfum kreieren lassen, das sich Fans am Merchandisestand kaufen können) und "Sipping On The Sweet Nectar". Am Ende vom letztgenannten Song wurde ein Tamburin in die erste Reihe gereicht, wo ihn ein Zuschauer folgsam schüttelte.


Dann war es wieder Zeit für etwas ruhigere Töne. Als Einleitung zu "Black Cab" erklärte Lekman, der nun folgende Song sei sicherlich vielen bekannt und man dürfe auch gerne mitsingen, aber bitte "gently, like in a church". Das funktionierte gut, es wurde gleichermaßen enthusiastisch wie leise mitgesungen. Nun folgte schon das letzte Lied des Hauptteils, wiederum vom neuen Album: "Dandelion Seed". Das Lied endete mit einer einstudierten Pose: Die Musikerinnen verließen nach und nach ihre Instrumente und hockten beziehungsweise knieten regungslos und auf Jens ausgerichtet, dieser verharrte zum Schluss mit geschlossenen Augen, erhobenem Kopf und an die Brust gedrückter Kappe.


Nach viel und lautem Applaus bekamen wir auch eine Zugabe, nämich erst eine etwas zu ruhige Version von "The Opposite Of Hallelujah", die auch das gewohnte "Luftglockenspiel" vermissen ließ, dann "A Postcard to Nina" (die darin enthaltene, bislang bei jedem Jens Lekman gesehene Geste, bei der er passend zur Textzeile seinen Namen in die Luft schrieb, blieb immerhin bestehen).

Nun verließ die Band ein weiteres Mal die Bühne, aber Lekman blieb, sichtlich vom Applaus erfreut und noch in Spiellaune, einfach da. Nun allein spielte er uns noch "A Man Walks Into A Bar", das er nach eigenen Angaben lange nicht vorgetragen hatte, vor, griff dann den aus dem Publikum gerufenen Wunsch nach "Shirin" auf und spielte zum Schluss noch das großartige "Pocketful Of Money", bei dem es einen schönen Wechselgesang mit dem Publikum zu "I'll come running with a heart on fire" gab. Herr Lekman sprach beim endgültigen Abschied von einem "perfect evening".


Ein weiteres Mal zeigte sich, dass die von vielen Musikern geäußerte Vorliebe für Konzerte in Köln durchaus ihre Gründe hat: Hier findet man fast immer ein ausgesprochen dankbares Publikum, das im Gegenzug das Beste aus den Musikern herausholt (oder -klatscht). In diesem Fall führte das dazu, dass Köln ein bis zwei Lieder mehr zu hören bekam als andere aktuelle Tour-Orte.

Setliste:

To Know Your Mission (solo)
Evening Prayer
Hotwire The Ferris Wheel
Postcard #17
Wedding In Finistère
I Know What Love Isn’t
How We Met, The Long Version
What’s That Perfume That You Wear?
Sipping On The Sweet Nectar
Black Cab
Dandelion Seed

The Opposite Of Hallelujah
A Postcard To Nina

A Man Walks Into A Bar (solo)
Shirin (solo)
Pocketful Of Money (solo)


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Coprights @ 2016, Blogger Templates Designed By Templateism | Templatelib