Am Sonntag werden die Oscars verliehen, und ich bin dieses Jahr in der seltenen Lage, zumindest zwei der Filme, die (neben weiteren neun bez...

Filmgeschichte im Film: "The Artist" und "Hugo Cabret"

Am Sonntag werden die Oscars verliehen, und ich bin dieses Jahr in der seltenen Lage, zumindest zwei der Filme, die (neben weiteren neun beziehungsweise zehn Nominierungen) mit großen Chancen in der Kategorie "bester Film" ins Rennen gehen, gesehen zu haben: The Artist und Hugo Cabret.


Über The Artist weiß wohl mittlerweile jeder (außer vereinzelten Zuschauern in Liverpool), dass es sich um einen Stummfilm in schwarzweiß im Format 4:3 handelt. Die Idee, so etwas in den Zeiten von Riesenleinwänden und 3D zu probieren, ist ganz schön mutig und der große Erfolg bei der Kritik war sicher auch für die Macher eine Überraschung. Das Team aus Regisseur Michel Hazanavicius und den Hauptdarstellern Jean Dujardin und Bérénice Bejo hatte vorab zwei in Frankreich erfolgreiche James Bond-Parodien ins Kino gebracht. Eine davon lief kürzlich im Fernsehen - und war auch nicht witziger als die deutschen Wixxer-Filme. Es ist also vom Sensationsniveau in etwa so, als hätte Bastian Pastewka einen international bejubelten Film produziert und sei nun für einige Oscars nominiert.

Die Handlung von The Artist ist, anders als seine Form, relativ konventionell. Der Stummfilmstar George Valentin ist vom Erfolg verwöhnt und erkennt in seiner Arroganz nicht, dass der Tonfilm seiner Karriere schon bald ein abruptes Ende setzen wird. Er verhilft der unbekannten Peppy Miller zu ihrer ersten Filmrolle, und diese ist bald ein größerer Star als er. Valentin wird, nachdem er von seinem Studio gefeuert wurde und sein Versuch, eigene Stummfilme zu produzieren, fehlgeschlagen ist, Alkoholiker, erleidet ein Tief nach dem anderen und akzeptiert schließlich einen von Peppy zahlreichen Rettungsversuchen, was vorher an seinem Stolz gescheitert war.




The Artist ist übrigens in Wirklichkeit gar nicht komplett ohne Ton. Als man sich längst an die Stille des Films und die typischen Zwischentitel für den Dialog gewöhnt hat, folgt eine Albtraumszene von Valentin zum Thema Tonfilm, in der plötzlich alle Dinge Geräusche machen. Und auch am Ende (wer noch ins Kino möchte, liest hier besser nicht weiter) gibt es eine Tonszene: Im Anschluss an eine wilde Tanzszene mit Peppy, die wohl zu Valentins Comeback als Filmstar führen wird, hört man die beiden plötzlich nach Luft ringen, den Regisseur fragen, ob die Szene wiederholt werden kann und Valentins einzige gesprochene Worte, die das bejahen. Diese Miniszene wäre übrigens auch ein Grund, den "Stummfilm" in der englischen Originalversion zu sehen, denn anscheinend antwortet Valentin im Original "With pleasure" und demonstriert mit diesen beiden Worten seinen starken französischen Akzent - was den Zuschauern endlich erklärt, wieso George Valentin als Tonfilmschauspieler in Hollywood so schlechte Chancen hatte.

Heimlicher Star des Films ist übrigens der Hund, der Valentin sowohl in allen seinen Filmrollen als auch im Privatleben begleitet, dabei unglaublich niedlich und gleichzeitig schlau ist und sogar sein Leben rettet. Sein Darsteller Uggie wurde bei all den Oscarnominierungen übergangen, aber eine Facebook-Kampagne versucht, das noch zu ändern.


Martin Scorseses Hugo Cabret (im Original nur Hugo) ist auf den ersten Blick ein völlig anderer Typ Film. Anders als The Artist setzt dieser Film alles an moderner Technologie ein, was nur möglich ist: Der Pariser Bahnhof, in dem die meisten Szenen spielen, ist ein Konglomerat verschiedener echter Bahnhöfe, existiert aber in dieser Form nicht. Die Gänge zwischen den Wänden und über den Decken des Gebäudes, durch die sich der Protagonist schlängelt, die spektakuläre Kamerafahrt der Eröffnungsszene, ein dramatisches Zugunglück: All das sieht phantastisch aus, dürfte erhebliche Mengen an CGI-Effekten enthalten, und das Endergebnis kann man selbstverständlich in 3D bewundern.

Die Handlung: Der Junge Hugo hat seinen technik- und filmbegeisterten Vater verloren, ist nun Vollwaise und wurde von seinem alkoholsüchtigen Onkel instruiert, die Uhren des Bahnhofs Montparnasse zu warten. Der Onkel ist nun verschwunden, aber Hugo kümmert sich weiter um die Uhren, beobachtet die Menschen im Bahnhof und bastelt an seinem kostbarsten Besitz: Einem kaputten Automaten, der einen schreibenden Menschen darstellt, und in dem er eine Botschaft seines verstorbenen Vaters vermutet - wenn er ihn reparieren kann. Als er bei einem mürrischen Spielwarenhändler Ersatzteile für den Automaten stehlen will, wird er von diesem erwischt und dazu verdonnert, im Laden zu arbeiten - wodurch Hugo nach einigen Wendungen schließlich heraus findet, dass der alte Mann Georges Méliès ist, ein ehemals berühmter Stummfilmregisseur.


Gemeinsam mit Méliès' Adoptivtochter Isabelle forscht Hugo nun nach der Vergangenheit des wegweisenden Filmemachers, der denkt, dass sich niemand mehr für sein - größtenteils im Krieg zerstörtes -  Lebenswerk interessiert. Hier ergeben sich die Parallelen zu The Artist: Auch dieser Film dreht sich letzlich um die Ursprünge des Films und den Zauber der ersten, aus heutiger Sicht furchtbar ruckartig und etwas albern eingefangenen bewegten Szenen - die Hugo ja auch an die glücklichere Vergangenheit mit seinem Vater erinnern.

Die Lebensgeschichte des echten Georges Méliès, den es genauso wirklich gab, wie die in Hugo Cabret gezeigten Ausschnitte seiner Filme, entspricht übrigens zu großen Teilen den historischen Fakten: Er hatte tatsächlich einen Spielwarenstand im Pariser Bahnhof Montparnasse und erhielt nach einer Phase der Vergessenheit die Medaille der Légion d'honneur.

Es ist schon etwas seltsam, dass die beiden Oscar-Favoriten auf so unterschiedliche Art an die Anfänge des Films als Massenmedium erinnern - und ich bin gespannt, welcher von beiden (die übrigens als weitere Gemeinsamkeit zwar bei der Kritik sehr gut ankamen, aber keinen großen kommerziellen Erfolg hatten) das Rennen macht. Oder ob am Ende Stephen Spielbergs sentimentaler Pferdefilm alle anderen abhängt.

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