Lost In Translation: Hello Saferide im Göteborger Stora Teatern

U.

Man liest es aus meinen Berichten ja gelegentlich heraus: Nicht immer steckt mich mein Freund mit seiner fast grenzenlosen Begeisterungsfähigkeit für Musik und Konzerte völlig an, und manche gemeinsame Eventbesuche sind das Ergebnis zäher Überredungsverhandlungen seinerseits.

Als es aber im Oktober um die Frage ging, ob der Besuch eines Konzertes von Hello Saferide eine Februarreise nach Schweden rechtfertigen könnte, war gar nicht viel Überredung notwendig. Die mal lustigen, mal nachdenklichen Lieder von Annika Norlin gefallen mir beinahe so gut wie ihm (was bedeutet: sehr gut), und es ist nicht absehbar, dass Hello Saferide demnächst eine Deutschlandtour ankündigt, selbst Auftritte in Schweden sind selten. Also warum nicht nach Göteborg reisen? Den Vorschlag, zusätzlich das Konzert in Malmö auch noch mitzunehmen, wies ich aber zurück.


Nach dem Kauf der Tickets und der Reisebuchung wurde uns allerdings klar, dass speziell das Göteborger Konzert ein Event im Rahmen einer Veranstaltungsreihe darstellte, die sich mit dem Verhältnis von Popmusik und Politik auseinander setzt. Annika Norlin ist nämlich nicht nur dieSängerin und Songschreiberin von zwei Musikprojekten, sondern arbeitet auch als Journalistin und Autorin. Dementsprechend handelte es sich nicht um ein reines Konzert-Event, sondern es war für anschließend, soweit wir es verstanden, eine Podiumsdiskussion angesetzt.

Soweit wir verstanden. Denn natürlich war nicht nur die Diskussion, sondern auch sämtliches Vorab-Informationsmaterial zum Konzertabend auf Schwedisch - das ich nicht verstehe, und aus dem Google Translate erstaunlich häufig komplett unverständliches Deutsch zaubert. Das bereitete uns im Vorfeld der Reise etwas Sorgen, insbesondere hinsichtlich der nicht ganz unwahrscheinlichen Aussicht, dass auch während des Konzerts viel Schwedisch gesprochen werden würde. Vielleicht würde sich der ganze Saal vor Lachen biegen, während zwei einzelne Ahnungslose in Reihe vier verständnislos dasäßen?


Letztlich war der Mangel an Sprachkenntnissen dann gar nicht so schlimm. Das Stora Teatern hatte die Diskussionsrunde komplett getrennt vom Konzert angesetzt, wobei man in der Bar des Theaters vorab Fragen für Annika Norlin auf Zetteln einreichen konnte und wir zwischen "Would you be willing to do the whole discussion in English?" und "Are you by any chance singing in the last track of the current Olli Schulz Album?" schwankten.

Stattdessen begaben wir uns in den prächtigen, barock anmutenden Konzertsaal - mit Balkonen, Stuck, Kronleuchtern und roten Plüschsesseln - und auf unsere Plätze, und schon bald wurde der Abend von der Veranstalterin der Reihe eröffnet, wobei wir natürlich kein Wort (doch, kurz ging es um Abba) verstanden. Dann kam Hello Saferide, zu denen neben Annika Norlin auch ein Schlagzeuger, ein Keyboarder und eine Cellistin, die manchmal auch Bass spielte, gehörten, die Bühne. Ebenfalls gesellte sich Andrea Kellerman (Firefox AK) dazu und sorgte teils für Background-Gesang, teils übernahm sie diverse Instrumente.


Bei den ersten paar Liedern wirkte Norlin geradezu düster. "I forgot about songs", in dem es um den Wert der Musik als emotionale Stütze geht, und das quasi das Leitmotiv des aktuellen Albums darstellt, wirkte live unglaublich traurig, noch stärker galt das für "Dad told me" das sich um totgeschwiegene Familiengeheimnisse dreht. Zum ersten Mal verstand ich auch den Text von "The Crawler" in dem Norlin Parallelen zwischen rücksichtslosem Verhalten im Schwimmbad und der Gesellschaft zieht - was zumindest im Schwimmbad brutale Konsequenzen für den Rücksichtslosen hat.

Zwischen den Lieder sprach die Sängerin gelegentlich, natürlich verstanden wir nichts. Fröhlich wirkte Annika nicht und lächelt kein einziges Mal, dafür wurde vom Publikum immerhin über ihre offensichtlich humorvollen Zwischenansagen gelacht.


Weiter ging es mit zwei weiteren Liedern vom neuen Album, "Last Night Bus" (über die relativ zufälligen Lebensereignisse, die einen zum Neonazi werden lassen oder eben nicht) und dem musikalisch spannenden, durch Klatschen der ganzen Band eingeleiteten "Parts of Nature", dann kamen auch ein paar alte Lieder. Auf das vergleichsweise ausgelassene "Get Sick Soon" folgten, allein mit Akustikgitarre vorgetragen, "I Wonder Who Is Like This One"(über den Vergleich zwischen Menschen und Liedern), dann wieder mit Band das wunderbare "The Quiz" und als weiterer Publikumsliebling "Anna" über ein fiktives Kind von einem Expartner, dessen Zeile "and you'll never know what it's like when your heart breaks" wiederum ausgesprochen emotional und mitnehmend dargeboten wurde: nicht, als würde Norlin die Zeile schmerzhaft interpretieren, sondern als nähme sie diese tatsächlich mit.


Für "Hej Ho" kam als Duettpartnerin eine Sängerin namens Jaqee auf die Bühne, deren Namen wir auch auf dem aushängenden Ablaufplan des Abends gesehen hatten - offenbar hätte man später in einem Nebenraum noch ein ganzes Jaqee-Konzert hören können. Nach"Rocky" wurde das zweite Duett "Long Lost Penpal" mit Andrea Kellerman dargeboten, die viele andere Lieder musikalisch unterstützte, aber hier quasi eine Hauptrolle bekam. Anschließend kam eine ganze Gruppe von Menschen auf die Bühne und bildete für die beiden letzten beiden Lieder des Hauptteils, "This Body" und das feministische "I Was Jesus" einen Chor, der wiederum eine nette musikalische Abwechslung schaffte.

Dann war zunächst Schluss, aber Norlin kehrt noch für "2006" und "Arjeplog" auf die Bühne zurück. Das Konzert endete somit nach 16 Liedern - nicht schlecht für den Auftakt eines Diskussionsabends! Im Vorfeld hatten wir nämlich bereits gelesen, dass die Setliste der aktuellen Tour teils 13, manchmal aber auch 18 Lieder umfasste. Wir konnten uns nicht beklagen.


Die weiteren Programmpunkte sparten wir uns aus nahe liegenden Gründen, dabei wäre es, wenn es nur den Babelfisch wirklich gäbe, sicherlich interessant gewesen, dem Gespräch beizuwohnen. So blieb uns für den Heimweg durch Göteborg zum Hotel nur die Erinnerung an ein wirklich schönes, textlich wie musikalisch ansprechendes Konzert. Und ein "Werthers Echte"-Bonbon, denn diese hatte Norlin mit einer schwedischsprachigen Erklärung vor einem Lied durch die Reihen reichen lassen - wir wissen leider nicht, warum.


Setliste:

I Forgot About Songs
Dad Told Me
The Crawler
Last Night Bus
Parts Of Nature
Get Sick Soon
I Wonder Who Is Like This One
The Quiz
Anna
Hej Ho
Rocky
Long Lost Penpal
This Body
I Was Jesus

2006
Arjeplog

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