Neulich zurück in den 90ern 1: The Bluetones im Londoner Roundhouse

U.
Vor etlichen Jahren begann der Trend, dass sich Indie-Bands aus den 90ern wiedervereinigen und wieder Konzerte geben. Aus heutiger Sicht hatten dabei My Bloody Valentine geradezu eine Vorreiterrolle. Für deren Wiedervereinigungsauftritt reiste ich damals nach London und besuchte erstmalig das Roundhouse, einen renovierten Lokschuppen in Camden.

Gestern erfolgte dann, viele Bandwiedervereinigungen später, die Rückkehr an diesen Veranstaltungsort, als wir, zum Auftakt einer „Dreierreihe“ von Konzerten von Band der 90er, den Bluetones einen Besuch abstatteten.


Mehr als beim letzten Besuch – vielleicht, weil wir dieses Mal sehr früh dran waren – fiel uns dabei auf, was für ein schöner Konzertsaal das Roundhouse eigentlich ist. Das Gebäude wurde mit einer aufwendigen Spendenkampagne renoviert und 2006 wiedereröffnet. Der runde Ziegelbau sieht von außen wie innen schön aus, und für die Besucher gibt es zahlreiche nette Features, etwa eine Tischtennisplatte im Wartebereich, oder auch eine Terrasse. Bislang hatte ich dort nur Stehplätze, gehe aber davon aus, dass auch die Sitzplätze auf der Galerie eine tolle Sicht bieten würden. Ach ja, und die Angestellten waren allesamt überaus freundlich und bemüht, und Bierfans können sich bei Bedarf durch gefühlt 50 Sorten Craft Beer testen. Top Location!

Nach meiner Beobachtung ist es in London nicht üblich, Vorbands viel Beachtung zu schenken. Das hatten wir nicht bedacht, als wir uns sogar ein wenig vor der angegebenen Einlasszeit zum Roundhouse begeben hatten. Am Einlass hing eine präzise Liste (sollte man in Deutschland auch einführen!), nach der die erste von zwei Vorbands um halb acht auf der Bühne stehen sollte, die Bluetones aber erst um viertel nach neun. Entsprechend waren viele Briten wohl erst einmal Bier trinken gegangen.


Mit nur einer Handvoll anderen Zuschauern sahen wir dann die erste Vorband, On Dead Waves. Das Trio bestand aus einer Keyboard spielenden Sängerin, einem Gitarristen, der viel, vor allem die Refrains, mitsang und einem Schlagzeuger. Gleich der erste Song „Never over“ klang angenehm nach Nick Cave, David Lynch Filmen und schlechter Welt. So blieb es dann auch, On Dead Waves entpuppten sich trotz ihrer Positionierung als erste Vorband als absolut sehens- und hörenswert, auch wenn sie sich mit der Situation, vor einer Handvoll Menschen in einer riesigen Halle zu spielen, sichtlich unwohl fühlten.

Viel gesprochen wurde dann auch nicht, lediglich angekündigt, dass ein Song namens „California“ die nächste Single sei und bald auch das Album erscheine. Dieser schnellste Song des sonst eher ruhigen Sets konnte uns aber weniger überzeugen als zum Beispiel „Blackbird“ oder „Blue Inside“.


Erst als der Gitarrist den Bandnamen zum Abschied nochmals wiederholte, fiel meinem Freund auf, dass er von On Dead Waves bereits gehört hatte: Es handelt sich um die neue Band von Polly Scattergood und James Chapman (Maps).  Vielleicht wäre ihm dies auch so beim letzten Song aufgefallen, denn „Winter’s Child“ endet mit der mehrmaligen Wiederholung des Bandnamens. Erstaunlich, dass die zumindest ansatzweise vorhandene Berühmtheit der Mitglieder ihnen keinen besseren Slot oder mehr Zuschauer sichern konnte.

Diesen hatte dann die nächste Vorband, The Standard Lamps. Das Trio aus Turnbridge Wells in Kent sieht sich als Band, die „back to basics“-Musik im Stil von The Who oder The Jam macht. Das Ganze klang dann aber viel überzeugender nach Amirock aus den 70ern, also genau unsere Lieblingsmusik – nicht.


The Standard Lamps hatten The Bluetones bereits im vergangenen Jahr bei ihrer Wiedervereinigungstour unterstützt, entsprechend routiniert fühlte man sich offenbar: Sänger Mike Wilton warnte das Publikum scherzhaft, dass diejenigen, die schon einmal dagewesen seien, nun genau dieselbe Setliste inklusive derselben Witze hören würden.

Ob das eintraf, konnten wir nicht beurteilen, es gab auf jeden Fall viele Scherze, beispielsweise, dass ein Lied einmal im Radio gespielt worden sei, und zwar kurz nach Mitternacht, ein anderes sei ein riesiger Hit, aber nur in Turnbridge Wells.


Uns konnte all das nicht so richtig packen, aber das Publikum im mittlerweile deutlich besser gefüllten Roundhouse schien recht angetan zu sein.

Mir war zunächst nicht klar, warum ich mich eigentlich nie so richtig mit den Bluetones beschäftigt habe, aber mittlerweile weiß ich, dass ihr erstes Album 1996 genau in die Zeit fiel, in der ich damit nachließ, mich für alles Neue im Bereich Indiemusik zu interessieren. So waren sie mir vor dem Konzertabend nur durch wenige Songs bekannt. Die Band hat sich nach sechs Alben, von denen das letzte 2010 erschien, aufgelöst, dann aber 2015 zum 20jährigen Gründungsjubiläum eine Tour gemacht – und gibt nun immer noch Konzerte. Die dabei verwendete Setliste konzentriert sich auf die frühen Erfolge der Band, so stammen zehn Lieder von den ersten beiden Alben, zwei weitere sind separat veröffentlichte Singles aus dem gleichen Zeitraum.


Sänger Mark Morriss machte dabei einen ausgesprochen launigen Eindruck – zumindest hoffe ich, dass seine Bemerkungen witzig gemeint waren. So erzählte er beispielsweise, dass die Band sich damals nicht aufgelöst hätte, weil man sich nicht mehr verstanden hätte, sondern dass man sich sein Publikum nun einmal nicht aussuchen dürfte, und, na ja, es sei unsere Schuld. Der Monolog schloss mit „Consider yourself on your last chance.“

Sonst wirkte Morriss recht aufgedreht, konnte kaum stillstehen, tänzelte zu den Liedern herum oder griff vereinzelt zur Akustikgitarre. Das Publikum war größtenteils deutlich besser eingearbeitet als ich und rief immer wieder „Bluuuuue-Tooones“, was etwas irritierend war, denn die erste Hälfte des Rufs klingt ähnlich wie „Boo“. Im Hintergrund der Band waberten auf einer Videoleinwand psychedelische Blasen,


Zu „Mudslide“ erklärte Morriss, der Song sei vom „critically acclaimed“ dritten Album, was eine andere Art sei, zu sagen, dass es sich nicht sonderlich gut verkauft habe. Bei „Fast Boy“, in dem es anscheinend um einen Grasdealer geht, wurde er noch deutlicher und sagte, die Single sei ein Flop gewesen und dankte uns, dem undankbaren Publikum, dafür.

„Never going anywhere“ wurde als 12 Inch-Version „mit kontroversem Rap-Teil“ angekündigt, was sich natürlich als Quatsch entpuppte, bei „Can’t be trusted“ erfuhren wir, dass der Songs es beinahe zur Single gebracht hätte, aber leider keinen Refrain hätte.


Anlässlich des kürzlichen Todes von Prince hörten wir auch ein Cover von „I Could Never Take the Place of Your Man“ mit dem Hinweis, dass es am besten sei, seine Idole zu feiern, so lange man sie noch hätte – und das sich hierzu auch der heutige Merchandise-Stand anbieten würde. Mit „Slight Return“ folgte dann der wohl größte Hit des Abends, aber nicht ohne den Hinweis, dass Morriss aufgefallen sei, dass das Publikum bei der zweiten Strophe stets den falschen Text mitsänge.

Nach „After Hours“ verließ die Band die Bühne, wobei Morriss bereits angekündigt hatte, dass man bei ausreichend Wertschätzung durch Applaus bereit sei, zurück zu kommen. So geschah es dann auch, wobei Morriss uns vor der Zugabe noch darlegte, dass die Band ihre vertraglich zugesicherte Leistung nun bereits erbracht hätte und alles, was jetzt noch folge, freiwillig und extra sei. Das waren dann noch „The simple things“, in das auch der Refrain von Madonnas „Express yourself“ eingebaut war, sowie „If...“


So ging der erste unserer drei musikalischen Abende in London zu Ende. Die Bluetones hatten uns auch ohne vertiefte Sachkenntnis meinerseits ein gutes Konzert geboten, und auch On Dead Wings bleiben in positiver Erinnerung.

Setliste:

Talking To Clarry
Are You Blue Or Are You Blind?
Cut Some Rug
Mudslide
The Fountainhead
Keep The Home Fires Burning
Marblehead Johnson
Sleazy Bed Track
Fast Boy
Never Going Nowhere
Bluetonic
Tiger Lily
Can’t Be Trusted
Solomon Bites The Worm
Firefly
I Could Never Take the Place of Your Man (Prince Cover)
Slight Return
After Hours

The Simple Things
If...


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