Hits im Minutentakt: Evan Dando im Kölner Underground

U.

Ach ja, The Lemonheads, beziehungsweise ach ja, Evan Dando. Anfang der 90er, als der Dando-Hype seinen Höhepunkt hatte, verbrachte ich ein Jahr in London, wo sich der amerikanische Sänger zur echten Celebrity mauserte. NME, Melody Maker und Select druckten Titelstory um Titelstory, und ich las sie alle mit Begeisterung. Die Alben „It’s A Shame About Ray“ und später „Come On Feel The Lemonheads“ liefen bei mir rauf und runter, und da ich keine Gelegenheit bekam, die Band live zu sehen, kaufte ich mir auf einem Straßenmarkt eine Kassette mit einem illegalen Live-Mitschnitt.

Das alles ist lange her, aber die Erinnerungen waren stark genug, um mich selbst 2007 zu meinem nun endlich ersten Lemonheads-Konzert in die Frankfurter Batschkapp zu locken. Ich schrieb sogar einen Bericht darüber, der aber in den Tiefen des Internets verloren ging. Zusammenfassung: Dando wirkte geistig extrem abwesend und blickte konsequent über das Publikum hinweg, spielte mit seiner Band aber durchaus engagiert und schön. Das Konzert endete recht früh nach einem Solopart des Sängers mit Gitarre – später erkannte ich durch die Lektüre von Setlisten anderer Konzerttermine, dass nach dem Soloteil normalerweise noch einer mit Band gekommen wäre, der aber in Frankfurt fehlte. Der Abend war musikalisch gut, aber atmosphärisch fragwürdig – und eben sehr kurz.


Mittlerweile sind wieder schlappe zehn Jahre vergangen, und als mein Freund vorschlug, am letzten Sonntag nach Köln zu fahren und ein Evan Dando-Konzert (dieses Mal solo) zu besuchen, dachte ich zunächst an mein früheres Fantum, anschließend an den komischen Abend 2007 – und entschloss mich, mitzukommen.

Als wir endlich einen Parkplatz gefunden hatten und im Underground angekommen waren, spielte bereits der Support Act, eine Deutsche namens Jenny Bright mit Gitarre. Ich fand ihre Stimme sehr gut, ihre Songs aber eher belanglos. Für Evan füllte sich der Zuschauerraum dann stark, während mein Freund und ich in der Wartezeit zum Zeitvertreib diverse Wetten eingingen: Dandos Haarlänge (er: schulterlang, ich: kürzer), sein Outfit (er: Bandshirt, ich: Shirt ohne Band), Anzahl der gespielten Songs (er: 28, ich: weniger).

Nur die Wette um die Songzahl funktionierte letztlich: Evan Dando hat aktuell überschulterlange Haare, die er (Stand vom letzten Sonntag) ruhig einmal waschen könnte. Er trug ein seltsames rotes Sweatshirt sowie eine blaue Hose mit Farbspritzern, beides wirkte ein wenig, als käme es aus einem Altkleidersack. Im Alter (er ist mittlerweile 50) hat er eine gewisse Ähnlichkeit zu Michael Fitz entwickelt – dem „Carlo“ aus dem Münchener Tatort.


Gegenüber dem Batschkapp-Auftritt hatte sich nicht verändert, dass Dando offenbar keine Lust auf Interaktion mit dem Publikum hatte. Außer einigen „Thank you“s wurde im Grunde nicht gesprochen, dafür ein Lied nach dem anderen weggespielt, ohne auch nur minimal den durchaus großen Applaus abzuwarten – wobei der Blick entweder im Luftraum über dem Publikum ruhte oder die Augen geschlossen wurden.

Das änderte nichts daran, dass die gespielten Lieder vielfach toll waren beziehungsweise es immer noch sind. Das Publikum brach öfter in textsicheren Mitgesang aus, etwas bei „Rudderless“ oder „Into Your Arms“ – zu letzterem bildete sich ein regelrechter Männerchor, der sogar Dando ein halbes Lächeln abrang.


Ansonsten musste man sich damit begnügen, dass am Ende jedes Liedes direkt das nächste losging, wobei neben einer gewaltigen Zahl von Lemonheads- und Evan Dando-Songs auch eine Menge Coverversionen durchgespielte wurde. Ich kam kaum damit mit, die Lieder auf der umfangreichen mitgebrachten potenziellen Setliste abzuhaken beziehungsweise bei den mir unbekannten Songs Liedzeilen fürs spätere Googlen mitzuschreiben.

Nach sage und schreibe 28 Songs verließ Dando die Bühne, kehrte aber nach lautem Applaus überraschenderweise mit einer blonden jungen Frau namens Marciana Jones zurück, die ebenfalls eine Gitarre hatte. Später recherchierte ich, dass die beiden gemeinsam mit Willy Nelson die Band The Sandwich Police sind. Das Duo begann, gemeinsam weitere Coverversionen als Duette zu spielen, wobei sie die konkreten Songs und Texte gemeinsam spontan aus einer Kladde wählten. Auch zwei Lieder von The Sandwich Police waren dabei. Ein wenig fragte ich mich, warum Marciana nicht schon früher auf die Bühne gekommen war: Lieder wie "It's About Time" hätten von einer zusätzlichen weiblichen Stimme durchaus auch profitiert - so sorgte eben der Publikumschor für das im Text erwartete, weibliche "Sunshiiine!".


Der Zugabenteil wirkte sehr spontan und klang vielfach nach Countrymusik, wenn auch leider manche der spontan ausgewählten Lieder nicht funktiionieren wollten.  Ich fand ihn, obwohl ich keinen der Songs kannte, durchaus unterhaltsam, auch wenn das Ganze einen gewissen Touch von Fußgängerzonen-Konzert hatte. Nach weiteren zehn Liedern (von denen eines mit den Worten „Fuck it“ abgebrochen wurde) war das Konzert endgültig vorbei.

Der Abend war durchaus schön, aber hauptsächlich als Erinnerung daran, dass ich wieder einmal  meine Lemonheads-Platten und auch das Evan Dando-Soloalbum (das in einer erweiterten Wiederauflage am Merchandisestand verkauft wurde) anhören sollte. Dass ich in weiteren zehn Jahren wieder Lust verspüre, Herrn Dando live zu sehen, bezweifele ich aber eher. Ich brauche keinen Künstler, der permanent mit dem Publikum interagiert, aber ein wenig Sicherheit darüber, dass er weiß, dass ein Konzert stattfindet, finde ich schon wünschenswert.


Setliste:

Hard Drive
Being Around (The Lemonheads Song)
Frying Pan (Victoria Williams Cover)
Confetti (The Lemonheads Song)
I'll Be Here in the Morning (Townes Van Zandt Cover)
Down about it
My Idea (Chris Brokaw Cover)
(?)
The Outdoor Type (Smudge Cover)
Hospital (The Lemonheads Song)
Break Me
Hannah & Gabi (The Lemonheads Song)
Different Drum (Michael Nesmith Cover)
The Same Thing You Thought Hard
Rudderless (The Lemonheads Song)
Ride With Me (The Lemonheads Song)
Style (The Lemonheads Song)
All My Life
My Drug Buddy (The Lemonheads Song)
The Great Big No (The Lemonheads Song)
Losing Your Mind (The Lemonheads Song)
Frank Mills (Galt MacDermot Cover)
Favorite T (The Lemonheads Song)
It's About Time (The Lemonheads Song)
Bit Part (The Lemonheads Song)
Into Your Arms (The Lemonheads Song)
It's a Shame About Ray (The Lemonheads Song)
Tenderfoot (Smudge Cover)

I’ll Be Your Mirror (The Velvet Underground & Nico Cover)
Settled Down Like Rain (The Jayhawks Cover)
Splinters (The Sandwich Police)
Round Here (Florida Georgia Line cover)
Good Life (The Sandwich Police)
The Streets Of Baltimore (Bobby Bare Cover)
They Don’t Know (Tracy Ullman Cover)
Your Cheatin’ Heart (Hank Williams Cover)
Setting The Woods On Fire (Hank Williams Cover) - abgebrochen
In the Grass All Wine Colored

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