Mit Hand und Fuß: Elbow im Kölner E-Werk

U.

Ich habe natürlich keinerlei Erfahrung, wie es ist, in einer Band zu sein und auf Tour zu gehen. Wenn ich mir aber vorstelle, wie das so wäre, kann ich beim besten Willen den Entschluss viele Gruppen, Abend für Abend dieselbe Setliste zu spielen, nachvollziehen. Es kann doch so oder so nicht einfach sein, bei jedem Auftritt mehr oder weniger motiviert und freundlich weitgehend dasselbe zu machen, da würde es sich doch anbieten, die Dinge, die man in der Hand hat, abwechslungsreicher zu gestalten. Mal davon abgesehen, dass eine Variation des gespielten Songmaterials auch mehr Zuschauer reizen würde, mehrere Auftritte derselben Tour zu besuchen.


Elbow aus Manchester sind eine dieser Bands, die offenbar denken "Wir haben doch eine Setliste, die ist gut, die bleibt so." Und wie gesagt, ich kenne mich ja nicht aus, vielleicht gibt es gravierende Gründe für diese Vorgehensweise. Immerhin erleichtert sie mir auch das Mitschreiben der Songreihenfolge, man muss ja nur das vorab im Internet Gelesene vor Ort verifizieren.

Als die Band, verstärkt durch zwei Geigerinnen, die Bühne des E-Werks erklomm, war es also keine Überraschung, dass als erster Song "Charge" von 2014er-Album "The Take off and Landing of everything" gespielt wurde. Insgesamt hörten wir fünf Lieder dieses Albums live, der Rest setzte sich aus früheren Veröffentlichungen zusammen. Die Singles der ersten drei Alben blieben allerdings komplett außen vor, von "Asleep in the Back" und "Leader of the free World" spielte die Band jeweils einen Albumtrack, "Cast of Thousands" wurde gar nicht berücksichtigt.


Sänger Guy Garvey, der ein wenig nach Stephen Fry aussah und noch mehr nach Peter Gabriel klang, sah sich zwischen den Liedern ganz in der Rolle des Conferenciers und fragte mehrmals, ob es auch allen gut gehe. Leider forderte er auch häufig zum Klatschen oder Winken auf, was ich persönlich immer eher nervig finde. Dem Publikum an sich schien es aber zu gefallen.

Laut Garvey fand Elbows letzter Auftritt in Köln an dem Tag statt, an dem Barack Obama erstmalig zum US-Präsidenten gewählt wurde, außerdem habe sich Schlagzeuger Richard Jupp damals beim Versuch, eine Bierflasche zu öffnen, die Hand verletzt. Für das nachfolgende "The Bones of you" setzte sich Keyboarder Craig Potter an ein extra aufgestelltes zweites Schlagzeug, das Garvey später bei "Grounds for Divorce" noch einmal besuchen sollte.


Zu "Real Life (Angel)" erfuhren wir erstens, dass im Lied das Wort Ballett vorkommt und, scherzhaft, dass Bassist Pete ein ausgebildeter Balletttänzer sei. Zum anderen drehe sich das Lied textlich darum, jemand mit gebrochenem Herzen zu trösten, wobei es manchmal das beste sei, die Person zu nehmen, mit Alkohol oder Drogen zu füllen und auf eine Tanzfläche zu stellen. Folglich sei der Song Elbows Version von Roxy Musics "Dance Away".

Zu "The Night Will Always Win" erklärte Guy, man solle um verstorbene Freunde - um die sich das Lied dreht - nicht allein betrauern, sondern sie gemeinsam mit anderen Freunden und viel Alkohol feiern. Die Piano-Ballade wurde anschließend zu dritt von Garvey und den Potter-Brüdern (akustische Gitarre / Keyboard) vorgetragen.


Auch zu anderen Liedern wurde viel erzählt, wobei ich mich unwillkürlich fragte, ob die Geschichten auch jeden Abend wiederholt werden. "New York Morning" erwähnt Yoko Ono, die sich dafür anscheinend per Brief bei der Band bedankt hat - wobei Guy Garvey sich beim Schreiben des Texts bewusst war, dass das passieren könnte. Und "Great Expectations" handelt von einer Hochzeit auf dem Oberen Stockwerk eines Doppeldeckerbusses, die so geheim war, dass die Braut bis heute nichts davon weiß. 


Der Mittelteil des Konzertes wurde von der Songauswahl her ein wenig langweilig, das änderte sich wieder mit "Mirrorball" und dem sehr prog-rockigen "The Birds". Nachdem für "Mirrorball" passenderweise die Discokugel über der Bühne zum Einsatz gekommen war, musste das Publikum für "Grounds for Divorce" ein Gesangstraining durchlaufen, das erst nach einigen Versuchen (und Witzen) erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Immerhin waren wir so geübt, denn vor "My Sad Captains" erfuhren die, die es noch nicht wussten, dass es sich um das letzte Lied handelte und die Band nur zurückkehren werde, wenn das Publikum ein Lied sänge. Guy Garvey fragte, welches Lied wir singen wollten, und die Menge entschied sich per Zwischenruf für "Mer losse d'r Dom en Kölle". 


Das Lied wurde zu großen Teilen als "Probe" gesungen, Guy erklärte, dass wir nun so tun sollten, als habe das Gespräch nie stattgefunden. Als die Band dann tatsächlich weg war, ließ sich das Lied aber nicht so richtig anstimmen und versackte immer wieder, ohne, dass man es hinter der Bühne hätte hören können. Gut, dass man auf die vorher eingeübte Passage aus "Grounds for Divorce" zurückgreifen konnte, so dass wir doch noch in den Genuss der beiden Zugabesongs ("Lippy Kids", One Day Like This") kamen.

Insgesamt ein durchaus unterhaltsames Konzert einer spielfreudigen und gut gelaunten Band, an dem mich lediglich die ständigen Klatschaufforderungen störten. 


Setliste:

Charge 
The Bones of You 
Fly Boy Blue / Lunette 
Real Life (Angel) 
The Night Will Always Win 
New York Morning 
The Loneliness of a Tower Crane Driver 
Great Expectations 
Scattered Black and Whites 
Mirrorball 
The Birds 
Grounds for Divorce 
My Sad Captains 

Lippy Kids 
One Day Like This 

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