Kurz vor Weihnachten weilte ich für drei Nächte in London. Zwei Abende waren bereits verplant, für Konzerte von Slowdive (der eigentliche...

Neulich als ich nur einen Burger wollte: David Devant & His Spirit Wife im Londoner The Lexington


Kurz vor Weihnachten weilte ich für drei Nächte in London. Zwei Abende waren bereits verplant, für Konzerte von Slowdive (der eigentliche Anlass der Reise) und The Cure. Nur der Anreisetag war noch unverplant, entsprechend wenig begeistert reagierte ich, als mein Freund auf der Hinfahrt begann, auch für diesen Abend nach Konzerten zu forschen. Er fand dann tatsächlich eines, von einer Band namens David Devant & His Spirit Wife. Ihm war die Formation aus den 90er Jahren bekannt, der Veranstaltungskalender bezeichnete sie als "briefly successful". Und dafür sollte ich nun unseren einzigen freien Abend in London hergeben?

Als wir den Veranstaltungsort, einen Pub in Islington namens "The Lexington" heraussuchten, stellte sich heraus, dass dieser ein Spezialangebot für Konzertgäste hatte, die dort essen wollten, außerdem las sich die Speisekarte, die unterem mehrere vegetarische Burger aufwies, durchaus attraktiv. Essen mussten wir ohnehin irgendwo, somit begann mein Widerstand zu schmelzen.


Also nahmen wir die U-Bahn nach Islington, doch als wir an dem recht großen Pub ankamen war sofort klar, dass der Plan mit dem Essen nur schwer umsetzbar sein würde. Am letzten Freitagabend vor Weihnachten fanden hier offenbar mehrere Weihnachtsfeiern und -treffen statt. Die meisten Gäste trugen Pullover mit weihnachtlichen Motiven, gerne auch mit blinkender Beleuchtung. Ebenso verbreitet waren kuriose Kopfbedeckungen, allen voran ein Schneemann. Der Pub war gestopft voll und extrem laut, und niemand aß etwas - man hätte ich dafür auch nicht setzen können, denn die wenigen Tische waren längst vergeben.

So gab es als Abendessen dann eben ein Bier, während wir darauf warteten, dass der Aufgang zum Konzertbereich geöffnet wurde, was dann auch relativ bald geschah. Oben angekommen warteten wir allerdings noch recht lange und stellten verstört fest, dass jemand auf der Sitzbank neben uns goldene Plateaustiefel abgelegt hatte. Außerdem war die Pubküche durchaus in Betrieb, denn die von mir ersehnten Burger wurden an uns vorbei hinter die Bühne getragen.


An die Umschreibung "briefly successful" mussten wir wieder denken, als uns klar wurde, dass wir die zahlenden Gäste Nummer 5 und 6 waren, und lange Zeit sah es aus, als wäre der Konzertabend extrem schlecht besucht - dann aber füllte sich der Konzertraum im 1. Stock des Pubs doch noch schnell und beträchtlich.

Irgendwann verschwanden auch die goldenen Stiefel neben uns und eine sehr glitzernde Formation betrat die Bühne - nicht etwa der Hauptact, sondern sein Support, Dream Themes, der mit einer enthusiastischen Coverversion der Titelmelodie von Dallas sein Konzert eröffnete. Die vier Herren, die sich aus nicht erklärbaren Gründen für diesen Abend als ABBA verkleidet hatten, haben sich auf Glam Rock Versionen beliebter Fernsehmelodien spezialisiert, was beim Publikum sofort Begeisterung auslöste - aber auch bei den Musikern selbst, die sich nach jedem neuen Song begeistert abklatschten.


Für deutsche Touristen war das Set leider nur bedingt geeignet, denn außer Mike Post-Klassikern wie der Titelmelodie von The A Team konzentrierte man sich auf britische Kindheitsklassiker wie Countdown oder Grange Hill - Sendungen, die ich nur dem Namen nach kenne. Zwischendurch ging ein Keyboard kaputt und musste langwierig neu gestartet werden, was eines der Bandmitglieder für ein Melodien-Ratespiel mit den Zuschauern nutzte, was ebenfalls sehr gut ankam. Dabei wurde auch gesungen, weshalb der "Sänger" nach dem Intermezzo bekannt gab, er werde nun seine Solokarriere starten, er sei es ohnehin leid, die Einnahmen mit den anderen zu teilen - selbst wenn zwei der Kollegen nur 7 % bekämen, bei ihnen sei das wie bei den Smiths.


Insgesamt also eine durchaus spaßige Performance, bei der wir nur nicht ganz die Zielgruppe waren. Viele der Zwischenansagen waren sehr lustig, etwa der Hinweis, dass es die 47 Sekunden lange "Single" bei iTunes gebe, man solle aber sein Geld nicht verschwenden, denn wegen der Kürze des Songs seien Umsonst-Preview und Kaufversion identisch. Danach folgte die Ansage, nun kämen einige kürzere Lieder ...


Weiter ging es mit dem Hauptact, der, was sollte man an diesem Abend auch anderes erwarten, ebenfalls verkleidet zu sein schien. Mikey Georgeson, der Sänger und das Hauptmitglied von David Devant & His Spirit Wife, trug eine seltsame toupierte Perücke, Kajal und einen 70er Jahre Anzug, wobei Verkleidungen und Zaubershows anscheinend schon immer zum Konzept der Band gehört hatten. Öfter während des Sets machte der Sänger seltsame, pantomimische Bewegungen und drehte Pirouetten, die Bandmitglieder stellte er mit Spitznamen vor.


Das Quartett, das zeitweise von einem Saxophonist unterstützt wurde, spielte die großen Teilen des Publikums bekannten, älteren Songs, für mich klang das Ganze nach einer Mischung zwischen Suede und T-Rex. Am besten beim Publikum kamen zu Beginn die Lieder "Happy Accident" und "Cookies" an, danach flaute die Stimmung bis "Pimlico" etwas ab. Dass die Zuschauer bestimmt Rituale kannten und wohl bereits häufiger Konzerte der Band besucht hatten zeigte sich bei "Cookies", als plötzlich fast alle (wir nicht) mit erhobenen Händen den Song abfeierten.

Georgeson, der beim ersten Lied "Happy Accident" Gitarre gespielt hatte, wechselte anschließend ans Keyboard, um nach "Pimlico" wieder zur Gitarre zu greifen. Zwischendurch versuchte er immer wieder, einen für die Bühnenshow vorgesehenen Beamer zu starten, der seine Dienste aber konsequent verweigerte. Das schöne "Weatherman" wurde mit gleich zwei singenden Sägen dargeboten.


David Devant & His Spirit Wife hatten sich viele ihrer Hits, die sie bis auf "Lie Detector" alle spielten, für das Ende des Sets aufgehoben: So schloss "This Is For Real" das Hauptset ab, "I Think About You" und "Ginger" eröffneten die Zugaben, für die sich Georgeson übrigens extra einen Vampirumhang angelegt hatte.

Das Publikum rief zum Ende des Sets zunehmend nach etwas, das wie "Auntie Mable" klang, insbesondere nach dem Ende des Hauptteils, so dass ich schon beinahe vermutete, es handele sich um irgendeine lustige Neuversion von "One more song!" Tatsächlich rief man nach dem letzten Song der Zugabe "I'm not even going to try", der besagte Tante als Textzeile enthält. Georgeson sang diesen, auf den Monitorboxen herumkraxelnd, zum Schluss im Wechselgesang mit einem begeisterten Publikum.

Insgesamt hatte unser erster Abend in London etwas von Karneval, erst mit blinkenden Rentierpullovern, dann mit ABBA, einem Vampir und vielen Perücken. Gut, dass das meiste fotografisch festgehalten wurde, so kann ich sicher sein, dass ich nicht vor Hunger phantasiert habe ...


Setliste

Happy Accident
One Track Mind
Cookie (Dont't Cry For Me)
Big Man
Demons
Everything Fits Into Place
Weather Man
Pimlico
Real World
Holiday On Ice
Whatever Turns You On
This Is For Real

I Think About You
Ginger
I'm Not Even Going To Try

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