Als mein Freund mich fragte, ob ich Interesse daran hätte, mit ihm das Konzert von The Hidden Cameras in Wetzlar zu besuchen, war meine...

Neulich als die Band auf mich wartete: The Hidden Cameras im Wetzlaer Franzis


Als mein Freund mich fragte, ob ich Interesse daran hätte, mit ihm das Konzert von The Hidden Cameras in Wetzlar zu besuchen, war meine Antwort zunächst ein klares Nein. Er hatte mich nämlich bereits darüber informiert, dass Sänger Joel Gibb zuletzt ein Country-Album gemacht habe, und es stand zu erwarten, dass diese Platte im Mittelpunkt des Konzertabends stehen würde. Für Countrymusik an einem Wochentag-Abend nach Wetzlar fahren? Nö.

Nur für den Fall, dass ich meine Meinung noch ändern würde, fragte mein Freund trotzdem beim Veranstaltungsort per E-Mail an, um welche Uhrzeit das Konzert beginnen würde. Mit dem Zug aus Frankfurt komme ich normalerweise erst um 19 Uhr nach Hause, ein Konzertbeginn um 8 in Wetzlar war folglich erreichbar, aber ambitioniert. Postwendende Antwort des Veranstalters: Das sei kein Problem, man werde der Band einfach sagen, sie solle erst um halb 9 beginnen.


Nun war es natürlich schwierig, wieder aus dieser Nummer herauszukommen: Wann hat man schon die Situation, dass die Band geduldig wartet, bis die Gäste angereist sind? Und wäre es nicht unheimlich traurig, wenn gegen halb 9 in den Raum gefragt würde, ob die Westerwälder mittlerweile eingetroffen seien, und niemand antworten würde?

Also gab ich eben doch nach, und dank kaum vorhandenem Verkehr waren wir sogar gegen 8 bereits in Wetzlar und überlegten nun, ob wir uns vor Ort zu erkennen geben müssten… letztlich taten wir das aber so oder so, denn lange Zeit waren außer uns beiden nur zwei weitere Gäste im Raum, und diese waren sicherlich aus Wetzlar und persönlich bekannt.


Dieser Besuch im Franzis war bereits unser dritter, und ich erinnerte mich dunkel, dass es zumindest bei Gemma Ray auch lange so geschienen hatte, als würde kaum jemand zum Konzert erscheinen, dass es dann aber doch noch relativ voll geworden war (anders bei And the Golden Choir, wo die extra aufgestellten Stuhlreihen viele Lücken aufwiesen).

An diesem Abend blieb der Andrang jedoch gering. Wenig Gäste tauchten auf, und wie wir sehen konnten, bezahlten  noch weniger von ihnen Eintritt. An unserem Nebenstehtisch erarbeiteten zwei deutschsprachige Musiker gemeinsam die Setliste des Abends. Kurz vor Beginn kam auch Gibb in Alltagskleidung heraus und besprach mit dem Licht- und Soundmann, was wann zu geschehen habe.

Auf der Bühne befanden sich die ganze Zeit schon Instrumente, die darauf schließen ließen, dass vier Musiker kommen würden, eines davon war leider eine Steel Guitar. Die Country-Befürchtungen schienen sich also zu bestätigen!


Das taten sie erst recht, als nun die Band die Bühne betrat: Alle Musiker trugen zu weißen Hemden schwarze sogenannte Bolo Ties (ich kenne diese Accessoires auch als „Cowboykrawatten“). Gibb trug ein rotes Exemplar, vor allem aber einen goldenen Anzug sowie goldene Schuhe. Der ganze Mann war quasi verspiegelt!

Los ging es dann auch mit schlappen 11 Liedern vom aktuellen Album „Home On Native Land“, und es wurde sehr, sehr Country-mäßig. Mit "Don't Make Me Promises" folgte später im Set sogar noch ein zwölftes. Aufgrund meiner wenigen Erfahrungen mit dem Musikstil – und sicherlich auch, weil Joel Gibb offen mit seiner Homosexualität umgeht – musste ich öfters an den Film Brokeback Mountain denken, den ich damals so toll fand, dass ich mir sogar den Soundtrack besorgte. Der klang auch ein bisschen so.


Gesprochen wurde nur wenig, allerdings erklärte Gibb gleich zu Beginn, er sei hier vor zwölf Jahren schon einmal aufgetreten, das sei ihm aber erst eingefallen, als er heute durch die Tür gekommen sei. Er fragte, ob jemand aus dem heutigen Publikum auch damals dabei gewesen sei, was zwei Besucher bejahten – das waren sicherlich zehn Prozent aller Gäste des Abends.

Bei „The Day I Left Home“ stupste ich meinen Freund an – dieses Lied hatte ich bereits bei uns Zuhause gehört. Und tatsächlich wurde ab diesem Song alles besser. Nun kamen die älteren Lieder zum Zuge, und als bei „Carpe Jugular“ Gibb mit eine Geste andeutete, dass nun Musik von CD eingespielt werden sollte, die sich als Disco-Sound entpuppte, flippte das Publikum geradezu aus und bildete quasi einen winzigen Moshpit. Gibb legte seine Gitarre beiseite und lieferte Roboter-artige Tanzeinlagen. Anschließend folgte das ebenfalls abgefeierte „Underage“, das wiederum mit CD-Klängen unterstützt wurde. Dazu hatte die Band noch synchrone Sprünge eingeübt.


Weiter ging es mit den älteren Songs – zu „Learning to Lie“ wurde im Publikum Rock’n’ Roll getanzt – bis das Konzert mit „In the NA“ bei bester Publikumsstimmung sein erstes Ende fand. Die Band ließ sich aber zurück auf die Bühne klatschen und spielte nun zwei Songs des Albums „Mississauga Goddam“, nämlich „I Believe In The Good Of Life“ sowie „Music Is My Boyfriend“. Zu letzterem wurde ein offensichtlich mit der Band bekannter junger Mann auf die Bühne gebeten und genötigt, Tamburin zu spielen, was dieser auch sehr gewissenhaft tat. In den letzten Minuten des Songs erklomm noch ein weiterer, vermutlich nicht persönlich bekannter Zuschauer die Bühne und sang den Refrain mit.

Anschließend ließ sich die Band noch überreden, „Bboy“ zu spielen, dann war endgültig Schluss. Ich muss sagen, dass ich selten ein derart schlecht besuchtes Konzert erlebt habe, bei dem die Stimmung so gut war. Da konnte man dann fast verzeihen, dass die erste Hälfte eher mäßig gewesen war und die Lieblingslieder „Ban Marriage“ und „Gay Goth Scene“ fehlten.

Setliste:

You And Me Again
Ode To An Ah
Dark End Of The Street cover
Counting Stars
The Great Reward
He Is The Boss Of Me
Be What I Want
Log Driver’s Waltz
Drunk Dancer’s Waltz
Big Blue - großer blau
Day I Left Home
Awoo
Death Of A Tune
Bread For Brat
Carpe Jugular
Underage
Learning To Lie
Don’t Make Promises
In The NA

I Believe In The Good Of Life
Music Is My Boyfriend

Bboy

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