Neulich bei einem kurzen langen Konzert: The Cure in der Frankfurter Festhalle

U.

Langsam, mit meinem mittlerweile vierten Besuch eines Konzerts von The Cure, werden meine Beteuerungen, dass diese Band in meiner Jugend keine große Rolle gespielt hat, ein wenig unglaubwürdig. Tatsächlich ist mein Freund der langjährige Fan in unserem Haushalt, und als ich im März ein Geburtstagsgeschenk für ihn suchte, kam mir das damals angekündigte Zusatzkonzert in der Frankfurter Festhalle gerade recht.

Bei meinem Ticketkauf hatte ich den Vorverkaufsstart allerdings schon verpasst. In Erinnerung an das schier endlose Konzert mit über 40 Songs in London vorletztes Jahr und an einen anderen Besucher damals, der nach dem stundenlangen Stehen gar einen Hexenschuss gehabt hatte (ja ja, die Fans der 80er Jahre Bands bekommen langsam altersgerechte Zipperlein), wollte ich dieses Mal unbedingt Sitzplätze buchen. Die besten seitlich der Bühne waren leider schon ausverkauft, also nahm ich Karten in „Block J“, ebenfalls erster Rang, aber gegenüber der Bühne.


Servicehinweis an Blogbesucher, die einen Konzertbesuch in der Frankfurter Festhalle erwägen: Nicht Block J buchen, das bringt nichts! Um das Bühnengeschehen im Detail verfolgen zu können, bräuchte man auf jeden Fall ein Fernglas. Das macht das Eintauchen ins Konzertgeschehen eher schwierig, da man sich als Zaungast fühlt.

Zunächst spürten wir das bei der Vorband The Twilight Sad. Während die Schotten als Vorband der Editors letztes Jahr das Publikum und auch mich schwer beeindruckt hatten – tatsächlich hatte ich mich auf das Wiedersehen gefreut – verpuffte der Auftritt aus 300 Metern Distanz ziemlich. Dabei war er vermutlich in Wirklichkeit genauso gut, zumindest vorne wurde auch dieses Mal stark gejubelt. Hinten bei uns hatte ich dagegen die Muße, die genauen Abmessungen der Festhalle (und damit meinen Abstand zur  Bühne) zu googlen, und stieß dabei in den FAQs der Halle auf eine putzige Erklärung dafür, wozu Vorbands überhaupt da sind: „Ein Support Act hat im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen soll den Nachwuchsmusikern die Möglichkeit gegeben werden, einmal vor großer Kulisse zu spielen, zum anderen soll die Vorband den Besuchern einen Vorgeschmack auf das Konzert der Hauptband geben.“


Diesen Angaben entsprechend rechneten wir also damit, dass Robert Smith an diesem Abend mit schottischen Akzent auftreten und viel mit den Armen fuchteln würde, so wie James Graham das eindrucksvoll demonstrierte. Das traf dann so nicht ein…

Setliste:

Reflection of the Television
Last January
Don't Move
Mapped by What Surrounded Them
Alphabet
Nil
It Never Was the Same
There's a Girl in the Corner
And She Would Darken the Memory


Hinsichtlich The Cure hatte mein Freund bereits vorrecherchiert, dass die Band bei ihrer aktuellen Tour zwischen vier groben Setlisten abwechselt, die zusätzlich von Auftritt zu Auftritt leicht variieren. Insgesamt haben The Cure 2016 mehr als 80 unterschiedliche Lieder live gespielt. Er hatte sich auch bereits seine „Vorzugs-Setliste“ ausgesucht, die mit drei Songs von seiner Lieblingsplatte „Disintegration“ beginnt und weitere sechs im Laufe des Abends folgen lässt. Diese war aber bereits am Vorabend in Stuttgart dran gewesen, unsere Chancen standen also schlecht (wie wir heute wissen, folgte sie auch am kommenden Abend in Leipzig).

Unser Konzertabend dagegen wurde mit „Shake Dog Shake“ und einer Vielzahl an Album-Tracks eröffnet, die erste Single war „In Between Days“ an fünfter Stelle. Den Bekanntheitsgrad von Liedern beim Frankfurter Publikum konnte man von oben sehr gut an der Menge der leuchtenden Handy-Displays ablesen. Im hinteren Stehplatz-Bereich der Halle bildete sich bei den größeren Hits auch immer wieder spontan eine kleine Gothic Disco. Danach folgte die erste, kaum verständliche Ansage, vielleicht erzählte uns Robert Smith, dass nun mit „Step Into the Light“ das einzige neue Lied folgen würde. Im Mai hatten The Cure es zum ersten Mal live gespielt, die letzte Cure-Platte liegt immerhin bereits 8 Jahre zurück.


Wie gesagt, wir waren sehr weit weg von der Bühne, immerhin sieht Robert Smith praktischerweise so markant aus, dass man ihn auch aus dieser Distanz zumindest perfekt erkennen kann. Umso besser konnten wir uns aus der Ferne auf die Lichteffekte konzentrieren, die auf fünf vertikalen Videoleinwänden gezeigt wurden. Gelegentlich waren die fünf Bandmitglieder zu sehen, teilweise werden sie zur visuellen Untermalung von Songs genutzt, was mal weniger gut („Lullaby“ - schlecht animiertes Spinnennetz samt Spinne), mal besser (Schattenumrisse von Geishas bei „Kyoto Song“ oder Sonnenaufgang über grünem Meer bei „From the Edge of the Deep Green Sea“), mal sehr gut (schwarz-weiß Bilder aus Kriegen zu „One Hundred Years“) gelang. Der Sound an unserem Ende der Halle war nicht schlecht, aber auch nicht großartig.

In unserem Umfeld machten die anderen Konzertbesucher das beste aus der Lage: Während unsere Nachbarn sich vergeblich in einen anderen Block schlichen und schnell wieder zurück kamen, stellten sich viele Besucher zum Tanzen hinter die eigentlichen Sitzreihen. Eine Frau vor uns scheute diesen Weg und tanzte direkt an ihrem Platz zu „Lovesong“ und „Just Like Heaven“ - ohne die Kritik der Sitznachbarn hinter sich, denen sie so komplett die Sicht versperrte, zu berücksichtigen.


Obwohl wir an diesem Abend leider nicht die „Top-Setliste“ erwischt hatten, fiel die Songauswahl zu meiner Erleichterung deutlich eingängiger aus als ich das in London (wo ich gefühlt kaum ein Lied kannte) erlebt hatte. Es gab keine raren B-Seiten, sondern nur „Burn“ aus dem The Crow-Soundtrack von 1994. „Freakshow“ sollte das dieses Jahr am seltensten (fünfmal) live gespielte Lied des Abends sein.

„The Head On The Door“ war mit vier Songs (plus ein weiterer in den Zugaben) das Album, das bei der Setliste am häufigsten bedacht wurde. Der Hauptteil endete dann nach 15 Songs mit dem dissonanten „Give Me It“, dieser wurde also von zwei „The Top“-Titeln eingerahmt. Dieses Konzept gilt auch für die anderen Setlisten, dann jeweils mit zwei Liedern aus „Disintegration“, „Wish“ oder „Bloodflowers“.


Natürlich bedeutete das Ende des regulären Sets quasi nur die Halbzeitmarke, sofort folgten Zugaben – aktuell sind das immer drei. Robert Smith sagte bei seiner Rückkehr auf die Bühne etwas von „Seventeen Seconds“. Die folgenden vier Songs verdeutlichten, was es wohl war, denn „At Night“, „M“, „Play for Today“ und „A Forest“ stammen aus diesem Album. Bei „Play for Today“ konnte man am Ende der Halle die von Fans mitgesungene Melodie leider nicht hören, aber bei „A Forest“, auf das natürlich viele Fans gewartet hatten, hatte definitiv alles seine Richtigkeit: Die Band verließ die Bühne, während der Bassist und die Zuschauer den typischen Rhythmus noch ein wenig verlängerten. Die leuchtenden Handydisplays waren nun auch noch zahlreicher als vorher bei „In Between Days“ und „Just Like Heaven“.

Zum zweiten Zugabenteil, als manche Zuschauer ungeachtet der Tatsache, dass die Hitdichte nun stetig zunahm, bereits die Halle verließen, wagten wir uns nach vorne und stellten uns hinter den vordersten Sitzblock. Plötzlich hatten wir eine viel bessere Sicht und auch die Akustik war vorne ansprechender. Wir hatten eigentlich mit einer schwachen Phase gerechnet, nun bekamen wir aber drei „Disintegration“ Songs (und, na ja, „Never Enough“). Bei „Lullaby“ bekam eine kurze Tanzeinlage von Robert Smith Szenenapplaus.


Aus der Nähe konnten wir auch erkennen, dass Smith wie üblich geschminkt war, und dass seine bekannte Vogelnestfrisur am Hinterkopf in ein Pferdeschwänzchen mündete. Bassist Simon Gallup hatte seine Verstärker mit verschiedenen Materialien, unter anderem einer Fahne des Reading Football Clubs, dekoriert und machte die relative Bewegungslosigkeit der anderen Bandmitglieder durch ständiges Auf- und Abgehen wett.

Im folgenden dritten Zugabenteil legte Robert Smith nach „The Walk“ die Gitarre zur Seite und griff für „Freakshow“ zum Klangholz. Jetzt kamen noch vier Hits: „Friday I'm in Love“ und „Boys Don't Cry“ begleitete er mit der akustischen Gitarre, es folgten eine sehr schnell gespielte Version von „Close to Me“ und „Why Can't I Be You?“, die er beide ohne eigenes Instrument sang.


Dann war, nach 225 Minuten, Schluss. Für The Cure-Verhältnisse ein geradezu kurzer Abend, wobei 29 gespielte Songs im aktuellen Durchschnitt liegen und immer noch sehr ordentlich sind. Band und Publikum werden ja auch nicht jünger…

Setliste:

Shake Dog Shake
alt.end
All I Want
Push
In Between Days
Step Into the Light
Kyoto Song
A Night Like This
Lovesong
Just Like Heaven
If Only Tonight We Could Sleep
Burn
From the Edge of the Deep Green Sea
One Hundred Years
Give Me It

At Night
M
Play for Today
A Forest

Pictures of You
Lullaby
Fascination Street
Never Enough

The Walk
Freakshow
Friday I'm in Love
Boys Don't Cry
Close to Me
Why Can't I Be You?

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Coprights @ 2016, Blogger Templates Designed By Templateism | Templatelib