Diagnose Kevin

U.
In Deutschland denkt man beim Namen Kevin wohl am ehesten an eine einige Jahre zurückliegende Meldung, laut der Kinder mit "bildungsfernen" Namen wie diesem in der Schule von vorne herein benachteiligt werden.

Ich denke bei "Kevin" auch an den Roman We need to talk about Kevin (Wir müssen über Kevin reden), den ich vor einigen Jahren las und dessen Verfilmung demnächst hoffentlich in die deutschen Kinos kommt.

Der Kevin aus Lionel Shrivers Roman sitzt im Jugendgefängnis, weil er etliche seiner Mitschüler mit Pfeil und Bogen hingerichtet hat - ein High School-Massaker in Stil von Columbine. Seine Mutter Eva, aus deren Sichtweise der Roman geschrieben ist, erzählt in Briefen an ihren entfremdeten Ehemann über die Vergangenheit vor und seit Kevins Geburt - immer auf der Suche nach dem entscheidenden Fehler, den sie als die nun von der Allgemeinheit als mitschuldig betrachtete Mutter begangen hat. Oder hat sie gar nichts falsch gemacht, und Kevin war von Anfang an böse?

Der Leser erfährt bei der Lektüre der Briefe zwar nach und nach Kevins gesamte Geschichte, soweit seine Mutter darüber Bescheid weiß, aber es wird auch immer deutlicher, dass Eva nicht unbedingt eine glaubwürdige Erzählerin ist. In Ermangelung einer anderen Perspektive bleibt man als Leser also einigermaßen ratlos zurück und muss sich eine eigene Meinung zur alten "nature versus nurture"-Debatte bilden.

Nicht zuletzt wegen der Offenheit der Geschichte ist mir der Roman stark in Erinnerung geblieben, obwohl ich ihn keineswegs vor Kurzem gelesen habe. Ich bin schon gespannt, wie die Filmversion das "Problem" der Voreingenommenheit der Erzählerin umsetzt.

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