Post Privacy im Museum: Privat! in der Frankfurter Schirn

U.
Nicht erst seit der wachsenden Medienpräsenz der Piratenpartei sprechen alle über Post Privacy, und es fällt schwer, irgendetwas Originelles zu diesem Thema zu sagen. Ja, wir sind fast alle auf Facebook, und ja, vieles was dort geäußert wird, ermöglicht ungeahnte Blicke ins Privatleben. Aber ist das wirklich so ein riesiges Problem? Zwischen denjenigen, die hysterisch ihr Haus bei Google Streetview verpixeln lassen und denen, die jede einzelne Mahlzeit bei Instagram und Twitter dokumentieren müssen, gibt es doch sicherlich mehrheitlich normale Menschen, die aus den neuen technischen Möglichkeiten hauptsächlich Vorteile ziehen und eben das mit der Öffentlichkeit teilen, bei dem sie es für vertretbar halten.

Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt Foto: Norbert Miguletz 
Nichtsdestotrotz ist die Frage, inwieweit sich die gigantischen Änderungen bezüglich Kommunikation des Privaten auf die Kunst ausgewirkt haben, eine interessante. Wenn es für die Allgemeinheit so dermaßen einfach geworden ist, sich selbst oder auch andere zu dokumentieren, was können auf diesem Gebiet dann Künstler erreichen?

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn ermöglicht mit ihrer neuen Ausstellung "Privat!" eine Perspektive zu diesem Thema. Ich hatte die Gelegenheit, die Eröffnungsveranstaltung zu besuchen. Der Frankfurter Kulturdezernent, der Museumsdirektor und die Kuratorin der Ausstellung sprachen zu diesem Anlass je ein paar Worte, und zumindest bei den beiden Erstgenannten vermute ich stark, dass sie mit der von ihnen beschriebenen Internetwelt in Wirklichkeit herzlich wenig Erfahrung haben.

Anschließend durfte die Ausstellung besichtigt werden. Ich hatte vorher noch keine derartige Veranstaltung besucht und war überrascht von dem Gedränge. Speziell in den ersten Räumen konnte man nur mit Mühe Blicke auf die Kunstwerke erhaschen und sich in keinem Fall sonderlich vertiefen. Viele der Exponate sind Videos, die in kleinen Räumen gezeigt werden, was im Zusammenhang mit Menschenmassen besonders schlecht funktioniert - ich habe auch sehr schnell aufgegeben, mit hier überhaupt anzustellen.

Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt Foto: Norbert Miguletz 
Grundsätzlich zeigt die Ausstellung zunächst Kunstwerke, die zwar an sich nichts mit den aktuellen Kommunikationsmöglichkeiten zu tun haben, diese aber quasi vorweg nehmen: Andy Warhol filmt seinen schlafenden Freund, Stan Brakhage die Geburt seines Kindes, Tracey Emins bekannte Skulptur "My Bed" besteht aus dem ziemlich besudelten Bett der Künstlerin, umgeben von Unterwäsche, Müll und Persönlichem. Alle diese Werke erinnern frappierend an einiges, was man heutzutage von Nichtkünstlern via Onlinemedien gezeigt bekommt, sind aber zeitlich früher entstanden. Solche Kunst kann nur eben mittlerweile jeder.

Dann gibt es noch die Werke, die tatsächlich von aktuellen Kommunikationsmethoden beeinflusst wurden: Ein Pärchen lässt seine Onlinechats von Schauspielern in auf eBay zusammen gekauften Kulissen nachspielen und filmt die Dialoge, Merry Alpern zeigt fremde Menschen beim Sex, Michael Wolf fotografiert Google Streetview-Ansichten ab, Mark Wallinger vergrößert etliche im Netz gepostete Handyfotos schlafender Menschen. Bei vielen dieser Werke konnte ich tatsächlich keinerlei künstlerischen Aspekt entdecken, es handelt sich um Gags, und dabei nicht einmal besonders gute.

Ohne Titel, 1989-1996 Aus der Serie Ray's a Laugh, 1989-1996 C Print 
120 x 80 cm
Sammlung Fotomuseum Winterthur © Richard Billingham, DACS London 
Andere Ausstellungsstücke empfand ich zumindest als emotional anrührend, etwa wenn Richard Billingham sein Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie in Birmingham dokumentiert oder Marilyn Minter das Leben ihrer Mutter: Hier spiegelt sich tatsächlich etwas Tiefer gehendes - wenn auch Deprimierendes - wider, in dem das Veröffentlichen der Privatsphäre kein bloßer Witz ist.

Dabei habe ich grundsätzlich auch nichts gegen Humorvolles, wenn es zumindest gut gemacht ist. So habe ich die Kollagen von Leo Gabin offenbar im Gedränge verpasst:
Das belgische Künstlerkollektiv Leo Gabin durchforstet diese Portale auf der Suche nach Amateurvideos, die sich unter einem Thema subsummieren lassen oder einem sich stets wiederholenden Muster folgen, um daraus ein neues Video zusammenzufügen. So finden sich in der Arbeit „Cleaning“ unzählige Ausschnitte aus privaten Videos, in denen sich Teenager beim Aufräumen ihrer Zimmer filmen. Die Arbeit „Killin’it“ ist eine Aneinanderreihung von gewalttätigen Auseinandersetzungen unter Frauen, offensichtlich spontan mit wackeliger Kamera dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht.
Hier kann ich - leider unbesehen - zumindest eine Stellungnahme zum Thema "Privates im Internet" erkennen, darüber hinaus schätze ich, dass diese einerseits kritisch ist, aber andererseits, anders als die FAZ-Besprechung der Ausstellung, auch nicht gleich den Untergang des Abendlandes dank Youtube prognostiziert.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 3. Februar.


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