Umziehen, schminken, singen: CocoRosie im Kölner Gloria

U.

Letzte Woche hatten Menschen im Raum Hessen/NRW die möglicherweise einmalige Chance auf einen CocoRosie-Hattrick: Nachdem die Schwestern Bianca und Sierra Casady zunächst an zwei Abenden im Frankfurter Mousonturm aufgespielt hatten, gastierten sie Tags drauf im Kölner Gloria. Ich allerdings bin mit einem einzigen CocoRosie-Konzert skurrilitätsmäßig bereits völlig ausgelastet und hatte das Duo auch erst im Mai auf der Bühne erlebt, und so begab ich mich nur auf Konzert Nummer 3 - in Köln hatte ich die beiden (nach Frankfurt, Wien und Mannheim) immerhin noch nicht gesehen.


Im Gloria war bei unsere Ankunft die Bühne bereits sichtbar auf CocoRosie vorbereitet: Neben Harfe, Keyboards und Flügel hatte man mitten auf der Bühne auch eine Schminkkommode mit Spiegel platziert, auf der einige seltsame Utensilien und ausgestopfte Vögel zu sehen waren. Außerdem lief quer durch den Bühnenraum eine Wäscheleine, an der einige Kleidungsstücke hingen. Keine Frage, wir waren beim richtigen Konzert.


Für die Betrachtung der Bühnendekoration blieb uns auch noch einiges an Zeit, denn CocoRosie ließen auf sich warten. Erst gegen viertel vor 9 (statt des auf den Tickets angegebenen Beginns um 20 Uhr) erklommen zunächst der asiatische Pianist/Keyboarder/Posaunist Tak(uya Nakamura) und der stets im Liveprogramm vorhandene Beatboxer Tez die Bühne. Es folgte zunächst nur Sierra, die wie gewohnt überschwänglich über die Bühne hopste und dann sogleich ihren Gesangspart zu "Child Bride" aufnahm. Erst als sie bereits sang, kam auch Bianca auf die Bühne, nahm traditionsgemäß keine Notiz vom Publikum und hing noch etwas mitgebrachte Wäsche auf. Dann begab auch sie sich ans Mikrophon.


Alle vier Musiker trugen zu diesem Zeitpunkt identische schwarzweiß gestreifte Kittel im Sträflingsstil und dazu irgendeine Form von Leucht-Makeup. Die Kittel fielen jedoch schon bald, und während uns Bianca im Laufe des Abends so gut wie jedes Kleidungsstück von der Wäscheleine vorführte (Korsage mit Rock und Zylinder, lange Männerunterhose mit Hosenträgern, Latzhose, Slogan-T-Shirts, Burka, Nachthemd), durchlief auch Sierra etliche Kostümwechsel (unter anderem sah man sie im Hochzeitskleid und Bauchfrei mit bunten Leggings und einem Unterrock, am beeindruckendsten war eine Art Gesichtsdiadem), aber das kennt man von den beiden ja bereits.


Neu war für uns dagegen, dass sich die Casady-Schwestern zwischendurch auch immer wieder an die Schminkkommode begaben, die also keine reine Bühnendekoration darstellte. Zuerst malten sie einander übertrieben große Lippen, dann wurden mit Zahnlack Gebisslücken kreiert und schließlich die Leuchtschminke immer großflächiger aufgetragen.


Nach sechs Songs vom aktuellen Album "Tales of a Grass Widow" folgte mit "Ana Lama" ein neues Lied, für dessen Vortrag Bianca zur Burka griff. Danach folgte der traditionelle Soloauftritt von Tez, dessen Leucht-Makeup in einem grünen Wimpernkranz bestand. Dass er um den Hals einen riesigen goldenen Zahn trug, wäre in einem anderen Kontext sicher ungewöhnlich, im Rahmen eines CocoRosie-Konzertes scheint es aber kaum erwähnenswert.


Nach diesem Intermezzo bauten CocoRosie auch ältere Songs ins Set ein ("Undertaker", "Grey Oceans", "K-Hole"), griff Bianca zur Pungi (bei "God has a Voice, She speaks to me"), trug Sierra einen Titel ("R.I.P. Burn Face") mit dem Rücken zum Publikum an der Schminkkommode vor und legten beide beim letzten Lied des Hauptteils seltsame, furchterregende Federmasken an ("We are on Fire").


Sierra wirkte wie immer fröhlich und aufgedreht und sparte nicht an theatralischen Gesten, sie sprach auch immerhin zweimal zum Publikum ("Dankeschön" und "Auf Wiedersehen"). Bianca vermittelte durch ihre Teilnahmslosigkeit ebenfalls wie immer den Eindruck, als gebe es für sie Schöneres als Liveauftritte, sie stellte aber mehrmals die Mitmusiker vor.


Um eine Zugabe musste das Publikum recht lange bitten, die beiden kehrten aber für "Werewolf" schließlich nochmals auf die Bühne zurück. Anschließend wurde wieder lange geklatscht und gejubelt, aber schließlich ging dann doch das Licht an, ohne dass man die Band noch einmal zu sehen bekommen hätte. Vielleicht war ja wegen des sehr späten Konzertbeginns eine weitere Zugabe nicht möglich. Auf der Setliste wäre mit "Turn Me On" noch eine weitere Zugabe vorgesehen gewesen, was möglicherweise dazu führte, dass man uns so lange klatschen ließ, ohne das internationale Signal für "Da kommt nichts mehr" (Licht und Konservenmusik an) einzusetzen.


Nach diesem etwas unbefriedigenden Ende erwähnte mein Freund auch noch, dass seine beiden Wünsche an den Abend - eine Live-Performance von "Terrible Angels" und eine Kostümvariante mit Geweih - leider nicht erfüllt worden seien. Er wird also wohl in absehbarer Zeit wieder ein CocoRosie-Konzert sehen wollen ...


Setliste:

Child Bride
End Of Time
Harmless Monster
Tears For Animals
After The Afterlife
Gravediggers
Ana Lama
- TEZ solo -
Villain
Far Away
Undertaker
Grey Oceans
God Has A Voice, She Speaks Through Me
Poison
R.I.P. Burn Face
Smokey Taboo
K-Hole
We Are On Fire

Werewolf

1 Kommentare:

  1. Ich drücke mich ja immer noch drum herum, sie live zu sehen... Danke für den Bericht und die Fotos sind wunderschön!

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