Neulich beim letzten Konzert vorm Weltuntergang: Neil Halstead in der Frankfurter Brotfabrik

U.

Als mein Freund kürzlich am Telefon zu mir sagte „Prima, dass Du am Freitag schon frei genommen hast, dann kann ich schon am Donnerstagabend anreisen, und wir gehen gemeinsam zu Neil Halstead“, war meine verwirrte Antwort „Zu wem?“ Es stellte sich aber dann schnell heraus, dass ich mit dem musikalischen Schaffen des Herrn Halstead durchaus vertraut bin, er war nämlich Gründungsmitglied der Shoegaze-Helden Slowdive und später Mojave 3. Mittlerweile hat er sich stark in Richtung Folk entwickelt und musiziert meist allein.


Also ging es gestern wieder einmal Richtung Brotfabrik. Angesichts der relativen Unbekanntheit des Künstlers rechneten wir mit keinem riesigen Andrang, zumal im Internet vorab etwas von Sitzplätzen gestanden hatte. Das weckte Erinnerungen an das Gruff Rhys-Konzert am selben Ort, bei dem man extra Sitzplatzgruppen um Tische gebildet hatte, damit die paar Zuschauer zumindest geschickt im Saal verteilt wirkten. Gestern Abend jedoch gab es richtige Sitzreihen, und diese waren bei unserer Ankunft bereits recht gut mit etwa 100 Gästen gefüllt.


Auf der Bühne befand sich schon die Vorband Nadjana: Ein Mädchen, Nadjana Gaffron aus Bensheim, die mittlerweile in Mainz wohnt, mit roter Schlumpfmütze und offenbar ohne Hose (eine dicke Strumpfhose gewährte die Jungendfreigabe des auf einem Barhocker sitzend absolvierten Auftritts). Neben ihr saß ihr männlicher Begleiter namens Dennis. Die beiden spielten akustischen Gitarrenpop, bei den Zwischenansagen erschien die Künstlerin etwas aufgeregt. Das Publikum war aber recht angetan, hörte aufmerksam zu und kaufte nach dem Auftritt, der eine gute halbe Stunde dauerte und Songs wie „Who’s the blond girl?“, „Wherever Loop“ und das abschließende "Element" umfasste, mehrere CDs des selbstproduzierten Debütalbums "All Dead Plates Light That Blonde Girl".  Dieses kann man derzeit für 8,- € über Bandcamp kaufen.


Es folgte eine minimalistische Umbaupause, in der die beiden Barhocker gegen einen Stuhl ausgetauscht wurden. Neil Halstead erschien anschließend in einem Hemd, das wir bereits von Christophs Bildern aus Köln vom Vorabend kannten, und ebenfalls mit männlichem Begleiter, nämlich John Herguth, der ihn an Flügel, Bass oder Gitarre unterstützen sollte, aber offenbar häufig nicht wusste, was genau er machen sollte. Neil selbst begleitete seine Songs auf der Gitarre und nahm gelegentlich noch eine Mundharmonika dazu.


Nach den ersten beiden Liedern, „Tied to you“ und „Full Moon Rising“, wurden wir gefragt, ob es bestimmte Lieder gebe, die wir hören möchten, schließlich ginge ja morgen die Welt unter. Es gebe auch keine Setliste. Zunächst traute sich niemand, einen Songtitel in die Stille zu rufen, schließlich wurden aber doch vereinzelt Vorschläge geäußert. Doch fast bei jedem Liedwunsch war die Antwort „Kann ich nicht spielen“. Erst als einige Songs später jemand im Publikum um „High Hopes“ bat, fing Neil mit den Worten „Ok, watch me fuck this one up“ sofort an, den Song zu spielen – dabei hatte er das Lied doch erst am Vorabend in Köln vorgetragen.

Grundsätzlich schienen sich auch später hauptsächlich die Songwünsche durchzusetzen, die bereits auf der Setliste des Vorabends gestanden hatten („Hi-lo and inbetween“). Insgesamt wurden aber immerhin mindestens 6 Titel neu ins Programm aufgenommen. Ein weiterer Publikumswunsch war „etwas mit Mundharmonika“, während gleichzeitig jemand anderes „Trying to reach you“ rief, also konnten diese Anfragen in Kombination erfüllt werden – wobei Neil an anderer Stelle erklärte, es sei immer schwierig, seinen Bart daran zu hindern, sich im Mundharmonikaaufsatz zu verfangen.


Slowdive-Lieder waren ein der spontanen Setliste des Abends leider extrem spärlich vertreten, immerhin das letzte Lied des Hauptteils war dann „Alison“, das in der Nur-Gitarren-Version schon sehr anders klang als auf Platte. Herr Halstead war aber offenbar in Spiellaune, denn er kehrte auf den nachdrücklichen Applaus hin noch für vier Zugabenlieder zurück, wobei er fragte, ob es noch irgendwelche Wünsche gebe, die er dann ablehnen könne.

Als das Duo dann „Palindrome Hunches“ anspielte, stellte Neil nach einigen Takten fest, dass die beiden verschiedene Lieder begonnen hatten (am Flügel wurde „Bad Drugs And Minor Chords“ dargeboten) und musste von vorne beginnen. Anschließend durfte sich das Publikum noch ein letztes Lied wünschen, es wurden „See you on Rooftops“ und „Between the Bars“ genannt und Halstead beschloss spontan, einfach beide zu spielen. Sein Begleiter zog sich bei diesem letzten Song endgültig aus dem Musikgeschäft zurück und filmte dafür den Vortrag mit seinem Handy.


Ob Neil Halstead diesen Konzertabend sonderlich genossen hat, bleibt wohl sein Geheimnis, immerhin versicherte er uns, dass wir ein gutes Publikum seien - obwohl er sich, wie auch die Vorband, beklagt hatte, den Zuschauerraum überhaupt nicht sehen zu können. Aus Zuschauersicht waren die Songdarbietungen durchaus mitreißend, wenn auch der eine oder andere Slowdive-Song mehr sicher nicht geschadet hätte.

Setliste:

Tied To You
Full Moon Rising
My Life In Art (Mojave 3)
Who Do You Love? (Mojave 3)
?
?
Driving With Bert
Martha’s Mantra (For The Pain)
Witless Or Wise
In Love With A View (Mojave 3)
Oh! Mighty Engine
Hey Daydreamer
High Hopes
?
Hi-Lo And Inbetween
Some Kinda Angel (Mojave 3)
Trying To Reach You (Mojave 3)
Alison (Slowdive)

Two Stones In My Pocket
Palindrome Hunches
See You On Rooftops
Between Two Bars (Mojave 3)




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