TVLab 2013 (5): Der Richter in Dir

U.
"Wegsperren! Lebenslang!" – nicht gerade zimperlich ist der Richter, der in jedem von uns steckt. Bei schweren Straftaten, die öffentlich werden, fällt er schnell ein hartes Urteil darüber, was eine gerechte Strafe für den Täter wäre. Beinahe täglich empören sich die Boulevard-Medien über vermeintlich zu milde Urteile. Die Gefahr der Vorverurteilung eines Menschen ist groß, eine öffentliche Hetzjagd scheint mittlerweile die Regel.  
"Der Richter in Dir" ist ein interaktives TV-Format, das sich in einem spannenden Experiment mit der Manipulierbarkeit der öffentlichen Wahrnehmung befasst. Moderator Michel Friedman präsentiert einen realen Kriminalfall: Ein Mann tritt auf seine kranke und hilflose Schwiegermutter ein, die an den Folgen stirbt. Zweimal stimmen die Zuschauer über das Strafmaß ab, das der Täter in deren Augen verdient hat. Michel Friedmann leitet das Experiment. Er polarisiert – als Verteidiger, als Ankläger, als Richter und beeinflusst durch immer mehr Hintergründe und Details das Rechtsempfinden der Zuschauer. Was wird am Ende passieren? Wird es Michel Friedman schaffen, die Meinung der Menschen zu steuern? Und: Kommen die Zuschauer zu einem anderen, vielleicht sogar zu einem milderem Richterspruch als der Richter im Original-Urteil?

In meiner Kindheit lief im ZDF Wie würden Sie entscheiden? Ich kann mich nicht genau erinnern, wie die Sendung funktionierte, aber gewisse Parallelen zu Michel Friedmans Beitrag zum TVLab dürften vorhanden sein.

Das Ganze funktioniert so: Dem Studiopublikum wird ein Film eines nachgespielten Kriminalfalls gezeigt, danach darf es über ein Urteil abstimmen. Anschließend bekommen einzelne Zuschauer die Gelegenheit, ihr Urteil und dessen Begründung zu erläutern, dann werden weitere Details zum Fall gezeigt, der dadurch in ein etwas anderes Licht gerückt wird. Darauf wird wieder diskutiert, anschließend eine weitere bislang unbekannte Szene gezeigt und schließlich abschließend nochmals ein Urteil abgegeben sowie das vom echten Richter in der Realität gefällt Urteil bekannt gegeben.


An und für sich fand ich die Sendung gar nicht so schlecht gemacht, empfand die Struktur aber als viel zu manipulativ. Die Sympathien der Zuschauer wurden penetrant in eine bestimmte Richtung gedrängt, um diese geradezu aufgezwungene Voreingenommenheit anschließend ins Wanken zu bringen.


Als Moral zum Mitnehmen bleibt dann, dass man nicht über eine Situation beziehungsweise einen Menschen urteilen sollte, ohne alle Fakten zu kennen, aber das weiß ja nun ehrlich gesagt schon jeder (dass man es häufig dennoch tut, steht auf einem anderen Blatt). Witzig auch, dass man sich, wenn Friedman sehr ernsthaft sagt, dass die Justizmaschinerie, wenn sie einmal angelaufen sei, nicht mehr zu stoppen sei, daran erinnert, wie er selbst schon in Konflikt mit dem Gesetz geraten ist. Und insbesondere vor Gericht käme ja hoffentlich niemand auf die Idee, zu urteilen, bevor alle Beweise gesichtet und alle Zeugen gehört wurden.

Mit einem weniger starren Korsett - denn die mit dem Brecheisen erzwungene Meinungsänderung wäre ja sicherlich ein Feature jeder potenziellen Folge - hätte mit Der Richter in Dir um einiges besser gefallen.

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