Neulich beim zweiten Wohnzimmerkonzert: Jonah Matranga in Montabaur

U.

Eigentlich wollte ich das alles nicht.

Obwohl unser erstes Wohnzimmerkonzert mit Pelle Carlberg wider Erwarten optimal verlaufen war, weshalb ich zukünftigen ähnlichen Unternehmungen nicht grundsätzlich negativ gegenüber stand, hätte ich mir eine Pause gewünscht. Ich dachte, wir warten ab, bis Herbst oder nächstes Jahr, damit man sich auch sicher sein kann, dass wieder genügend interessierte Gäste kommen.

Jonah Matranga war aber einer von zwei Wunschkünstlern, die uns von Gästen des ersten Konzerts genannt worden waren (Roxette erschienen uns weniger realistisch). Zufällig sahen wir, dass er auf seiner Homepage eine Europatournee ankündigte, mit der Bitte, ihn zu kontaktieren, wenn man Ideen hätte. Mein Freund brachte mich trotz meiner Bedenken mit einem Trick (das Konzert müsse überhaupt nicht zwingend bei uns Zuhause stattfinden, denn auch der Kollege mit dem Wunsch habe Interesse gezeigt) dazu, den amerikanischen Musiker anzumailen. Ich schrieb also meine E-Mail, wobei ich mir ziemlich doof vorkam - wie ein Kind, das seinen Lieblingsstar zum Geburtstag einlädt. Es kam keine Antwort, wir vergaßen die Sache. Man kann ja niemand vorwerfen, wenn er keine Lust hat, ein Wohnzimmerkonzert bei Fremden in Deutschland zu geben.


Dann kam - nach vier Wochen - doch noch eine Antwort, und zwar eine positive. Das klänge alles ganz prima, Hauskonzerte mache Jonah sowieso am liebsten, und wir sollten uns einen der noch freien Termine der Europtournee aussuchen. Als ich nun gegenüber meinem Freund zur Sprache brachte, dass das Konzert doch eigentlich gar nicht bei uns stattfinden sollte, meinte er, der betreffende Kollege sei verreist, deshalb müssten wir das nun schnell allein organisieren. Also eben doch bei uns.

Tatsächlich wurden meine Sorgen, niemand werde nach der recht kurzen Pause schon wieder zu uns kommen wollen, um erneut einen Mann mit Gitarre singen zu hören, bald entkräftet, denn die Gästeliste füllte sich recht schnell, sogar mit einigen langjährigen Fans des Künstlers, der bereits in einer ganzen Reihe von Band gespielt hat. Zu unser großen Überraschung kündigte sich einige Tage vor dem Termin sogar ein Fan an, der uns überhaupt nicht kannte, sondern auf Jonahs Website über das Konzert gelesen hatte.


Ein bisschen aufregend wurde es dann noch am Abend selbst, denn wir hatten Jonah samt Fahrer für 18 Uhr zum Abendessen eingeplant, ab 19 Uhr rechneten wir mit den Konzertgästen. Da unser Haus aber natürlich keinen Backstagebereich hat, wurde ich ziemlich nervös, als zur Essenszeit vom Musiker noch nichts zu sehen war und es später und später wurde. Letztlich regte ich mich aber, wie fast immer, umsonst auf, und alle Abläufe funktionierten halbwegs, auch, wenn es zeitlich eng wurde. Beim nächsten Mal (denn tatsächlich hat mein "Booker" bereits die nächste Band organisiert) müssen wir den Zeitplan ein wenig strecken.

Jonah Matrangas Eintreffen verpasste ich, weil ich gerade mit Nudeln kochen beschäftigt war, weshalb ich mich später fragte, zu welchen Zeitpunkt er wohl seine Schuhe ausgezogen hatte. Später erfuhr ich, dass er wohl bereits barfuß aus dem Auto gestiegen war.


Sein aktuelles Album heißt "You and me are two", wobei "are two" ein Wortspiel mit R2(D2) ist und der kleine Roboter aus Star Wars sowohl das Albumcover ziert als auch eine musikalische Rolle spielt. Jonah hatte selbst einen kleinen R2D2 dabei, wir hatten aber praktischerweise selbst einen riesigen Pappaufsteller der Figur besorgt und sammelten das Eintrittsgeld in einer R2D2-Tasse ein, so dass es an diesem Abend nicht an Roboterdekorationen mangelte. Auch die Einladung, die wir potenziellen Interessenten gegeben hatten, war passend mit R2D2 dekoriert gewesen.

Nachdem alle Gäste eingetroffen waren, konnte auch das Konzert beginnen. Jonah begrüßte uns auf Deutsch und betonte mehrfach den interaktiven Charakter des Abends, man dürfe sich jederzeit Lieder wünschen und auf beliebige Art kommunizieren. Los ging es dann erst einmal mit "I Really Love Yr Company" vom aktuellen Album, es folgte Johnny Cashs "I Still Miss Someone". Für "Bitte ein Kuss" nutze Jonah erstmals einen mp3-Player, um zusätzliche Beats einzuspielen, was dann noch mehrmals passierte. Das Lied handelt von einer Beziehung mit einer Deutschen namens Christiane, die nicht mehr besteht - aber der Song ist geblieben.

Auffällig war, neben der extremen Freundlichkeit, Dankbarkeit und Begeisterung des Künstlers, die uns bereits in seinen E-Mails überrascht hatte, die Inbrunst und Emotionalität der Darbietung, die sich gegen Ende oftmals in eine Art Brüllen (das aber immer noch den Ton traf) verwandelten. Für die Zuhörer war es beeindruckend, meine Katzen bevorzugten es allerdings, sich das Konzert im Schlafzimmer unter der Bettdecke anzuhören.


Zu "Every Mistake" erfuhren wir, dass das Lied von bedingungsloser Liebe handelt, genauer gesagt von der Liebe Jonahs zu seiner Tochter, aber nicht von einem hehren, letztlich bedeutungslosen Konzept aus Popsongs, sondern der Schwierigkeit einer solchen Liebe in der Realität. Insbesondere die Eltern im Publikum waren darüber nach eigenen Angaben tief gerührt. Bei "14-41" gab es einen ziemlich schrägen Versuch, die Zahlen des Songs (der sich um die Bedeutungslosigkeit von Alterskonzepten dreht) auf Deutsch aufzusagen, was nicht allzu gut funktionierte, aber für Lacher sorgte.

Schließlich traute sich auch endlich jemand, einen Wunsch zu äußern, allerdings war das "Deafening" ein ziemlich harter Song mit Schrammelgitarren von Jonahs früherer Band Far, den er sich so gar nicht als akustisches Gitarrenlied vorstellen konnte. Stattdessen gab es zunächst ein ruhigeres Lied vom selben Album ("At Night We Live"). Jonah erkundigte sich anschließend, ob es nun genehm sei, eine Pause zu machen - im Vorfeld hatte er mich bereits gefragt, wie lange er denn spielen solle, was ich nicht so recht beantworten konnte, weshalb ich nur scherzhaft "vier bis fünf Stunden" gesagt hatte. Er hatte ebenso unernst geantwortet "Und am Ende ein Schlagzeugsolo!". Man durfte also gespannt sein.


Nach "Stay" (das quasi als Wunsch ans Publikum gedacht war) gab es dann die Pause, in der der erste Merchandise (auch hier nicht autorisierte Star Wars Devotionalien) verkauft wurde und die ersten die Chance nutzten, mit dem Künstler zu sprechen. Beim Kauf von Platten und anderen Fanartikeln zeigte sich für die Gäste, dass es geradezu schwierig war, hier Geld auszugeben. Sowohl Jonah selbst als auch sein Fahrer betonten immer wieder, man solle einfach geben, was man könne, und wer bereits "Eintritt" bezahlt hatte, konnte seine CD eigentlich auch umsonst bekommen. Viele Gäste bemühten sich redlich, die Preise ein wenig hochzuhandeln. Jonah zog sich anschließend kurz zurück, um zu üben, und präsentierte anschließend eine Weltpremiere, eine akustische Version von "Deafening".

Während im ersten Teil des Sets Lieder von Jonah und seinem Soloprojekt onelinedrawing dominiert hatten, widmete er sich nun den Songs seiner früheren Bands New End Original, Far und Gratitude, weil sich in der Pause einige Fans dieser Bands zu erkennen gegeben hatten. Jonah erklärte, er wisse, dass seine Musik nicht in vielen Plattenregalen vorhanden sei, dass es ihn aber freue, dass sie seinen wenigen Fans häufig viel bedeute. "Better Than This" mit seinem Refrain "I'm better than nothing and nothing is better than this..." war ein Geschenk an Menschen, die emotionalen Verletzungen überstehen mussten. Außerdem stammt es von einem Album namens "Thriller", weshalb es auch ein Zitat aus Michael Jacksons "Wanna Be Startin' Somethin'" enthielt. In "#1 Defender" baute er kurz Neil Youngs "Heart Of Gold" ein.

Dann kam auch der kleine R2D2 zu seinem Einsatz, denn in "Smile" ersetzt sein Gezwitscher (also in Wirklichkeit R2D2-Gezwitscher vom mp3-Player) jaulende Gitarren im Stil von Eddie van Halen (der für die Aufnahmen leider nicht zur Verfügung stand).


Zum Schluss zog er den Stecker aus dem Verstärker und bot "Lukewarm" unplugged dar. Für "Sing" brauchte er noch nicht einmal eine Gitarre, sondern nutzte seinen eigenen Körper, Fußbaden, Wand, Tisch oder Gläser als Rhythmusinstrumente. Nach weit über 2 Stunden Konzertdauer kehrte er für "So Long" noch einmal zurück. Nach weiteren Plattenverkäufen und Gesprächen sowie der Aussage Jonahs, dieses sei das beste Konzert der Tournee gewesen, begann die Gästeschar langsam, sich aufzulösen, wobei Jonah sich bei vielen einzeln bedankte und fast alle zum Abschied geknuddelt wurden. Was für ein toller Abend mit einem gleichermaßen begeisterungsfähigen wie authentischen Künstler!

Setliste:

I Really Love Yr Company
I Still Miss Someone (Johnny Cash Cover)
Bitte ein Kuss
No Hurry
Every Mistake
I Want You To Be My Witness
14-41
Free
At Night We Live (Far)
Stay

Deafening (Far)
Halo (New End Original)
#1 Defender (New End Original) / Heart Of Gold (Neil Young Cover)
You're What Went Right
Hostage (New End Original)
The Greatest Wonder (Gratitude)
Better Than This (New End Original) / Wanna Be Startin' Somethin' (Michael Jackson Cover)
Smile
Lukewarm (New End Original)
Sing

So Long

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Coprights @ 2016, Blogger Templates Designed By Templateism | Templatelib