Liebe im ehemaligen Pornokino: Get Well Soon im Kölner Gloria

U.

Zu Weihnachten bekamen mein Freund und ich unter anderem Katzen für Get Well Soons Tourstop in Köln geschenkt - die Karten so früh zu kaufen erwies sich auch als schlau, der Abend war nämlich ausverkauft. So voll wie an diesem Abend hatte ich das Gloria bei meinen bisherigen drei Konzertbesuchen auch noch nicht erlebt.

Konstantin Gropper kam, nachdem wir uns Stehplätze ziemlich nahe an der Bühne erkämpft hatten, auch relativ schnell auf selbige - allerdings zunächst nur, um seinen Support anzukündigen: Dagobert.


Der Schnulzensänger aus der Schweiz bedauert sicherlich täglich, nicht zu Zeiten Musiker gewesen zu sein, in denen es noch die ZDF Hitparade gab. Er stellte meine Geduld mit acht Liedern, von denen ich nur "Zehn Jahre" vorab bereits kannte, auf die Probe. Konstantin Gropper findet seine Musik offenbar richtig gut - bei den Aufnahmen von Dagoberts aktuellem Album "Afrika" war er beteiligt, und auch die persönliche Ankündigung zeigte echte Wertschätzung. So ganz ließ sich diese ans Publikum aber nicht vermitteln, und so rief jemand irgendwann "Verpiss dich!"

So weit würde ich nun wirklich nicht gehen, aber die weichgespülten Lieder, die sich im großen und ganzen um Frauenprobleme drehen (die haben keine Zeit für ihn, vertrösten ihn, wollen nicht mit ihm reden) sind einfach nichts für mich, und ich kann kaum erahnen, was in einem jungen Menschen vorgehen mag, der in der heutigen Zeit derartige 50er Jahre-Schmonzetten dichtet.


Das Konzert hatte aber auch einen punk-rockigen Abschluss, für den Dagobert, der aktuell kurz geschorene Haare trägt, schnell das zweireihige Sakko abwarf und nun ein Achselshirt mit seinem Konterfei sowie eine Gürtelschnalle der deutschen Trash-Metal-Band Kreator zeigte.

Setliste:

Flashback
Zehn Jahre
Warum wieso weshalb
Rede mit mir
Hochzeit
Ich bin zu jung
Wunderwerk der Natur
Du bei mir mit 'ner Dose Bier (?)


Es folgte der übliche Umbau der Bühne für die Hauptband, bei dem vier riesige Leuchtbuchstaben enthüllt wurden, die das Motto der Tournee (und des aktuellen Albums) LOVE buchstabierten. Während des Konzerts leuchteten die Buchstaben, wie auch die ganze Bühne, öfter rot, was gut mit der roten Samtigkeit des Gloria (und auch dessen Vergangenheit als Pornokino) harmonierte.

Und um den Zuschauern klar zu machen, dass es bei Gropper, wenn er von Liebe spricht, nicht um kitschige Schokoladenschachtel-Herzchen-Liebe geht sondern eher um die düsteren Dinge, die im Namen dieses Wortes geschehen, hörten wir, bevor die Band die Bühne betrat, zunächst Zitate aus dem Film Badlands von 1973, in dem ein junges Pärchen mordend durch South Dakota zieht. Wer das Video zur ersten Single "It's Love" kennt, in dem Udo Kier wie Josef Fritzl seine Tochter heimlich im Keller gefangen hält, wusste das aber bereits. Ansonsten reicht auch ein Blick aufs Albumcover.


Das Set begann dann auch mit "It's Love", dem Highlight der Platte. Verena Gropper, die bei unserem letzten Konzertbesuch im Sommer 2015 in der Babypause gewesen war, ist nun wieder mit von der Partie, auch an der restlichen Liveband hat sich nichts verändert. Konstantin Gropper, der von Tournee zu Tournee kommunikativer wird, behauptete, das Kölner Gloria sei wirklich sein Lieblingsclub, das sage er nicht jeden Abend. Außerdem entschuldigte er sich für seine schlecht sitzende Frisur, denn er habe sich wegen der temperaturtechnisch unzuverlässigen Dusche des Glorias die Haare nicht waschen können.


Der Abend bescherte uns insgesamt neun der elf Titel vom aktuellen Album. "It's a catalogue" wurde dabei einem hoffentlich anwesenden Pete gewidmet, "Young Count Falls for Nurse" naheliegenderweise Rosamunde Pilcher - dessen Text besteht nämlich aus Kitschbuchtiteln dieser Schriftstellerin. Zu "Marienbad" erfuhren wir, es sei vom anstrengendsten Film aller Zeiten inspiriert worden - vermutlich also von Letztes Jahr in Marienbad.

Zwischendurch streute die Band auch ältere Titel ein, etwa "Roland, I Feel You" oder "Angry Young Man". Mit "Careless Whisper" hatte sich auch eine Coverversion auf die Setliste geschlichen. Gropper meinte dazu, er frage sich, wie viele der Zuschauer zu diesem Lied gezeugt worden seien. Nachdem der Song aus dem Jahr 1984 stammt und mein Freund ihn als Vinylsingle besitzt, fühlten wir uns angesichts dieser Bemerkung ganz schön alt. Das soll Gropper doch bitte beim nächsten Konzert unterlassen (von mir aus auch den ganzen Song).


Im Anschluss folgten noch zwei Raritäten. Zum einen "Good Friday", ein Lied, das Get Well Soon 2008 zum Soundtrack eines Wim Wenders-Films beisteuerte, zum anderen "Too Much Love" von der neuen EP "Born With Too Much Love - the collected confessions of Zoltán D.", die auf 500 Exemplare begrenzt nur während der Tour und nur auf Vinyl verkauft wird. Der mit "Love" begonnene Weg, poppigere Stücke zu schreiben, wird hier auf die Spitze getrieben: Es handelt sich um einen Synthie-Pop-Song, der nach den 80er Jahren und den Pet Shop Boys klingt.

Mit "It's A Fog" endete das Konzert zunächst, Gropper kehrte aber beinahe sofort zurück und spielte "33" ohne seine Bandmitglieder, die dann für "You Cannot Cast Out the Demons (You Might as Well Dance)" ebenfalls zurückkehrten. Mit "Red Nose Day" (ohne Bass und Schlagzeug vorgetragen) und "Christmas in Adventure Parks" bekamen wir sogar noch eine zweite Zugabe.


Ich weiß gar nicht, mein wievieltes Konzert von Get Well Soon das war, möglicherweise hat sich die Band in diesem Blog mittlerweile ein eigenes Label verdient. Deshalb fällt es mir etwas schwer, viel zu dem Auftritt zu schreiben - was aber nicht heißt, dass irgendetwas schlecht oder enttäuschend gewesen wäre. Alles war, wie eigentlich immer, prima.

Setliste:

It's Love
Eulogy
The Last Days of Rome
It's an Airlift
It's a Catalogue
Roland, I Feel You
Marienbad
Mail from Heidegger
Young Count Falls for Nurse
Careless Whisper
Angry Young Man
Too Much Love
Good Friday
It's A Mess
It's A Fog

33
You Cannot Cast Out the Demons (You Might as Well Dance)

Red Nose Day
Christmas in Adventure Parks 



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