Maifeld Derby 2012 - die Musik (Tag 2)

U.
Am Samstag erreichten wir das Festivalgelände gegen 15 Uhr bei warmen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein. Plötzlich schienen viel mehr Besucher anwesend zu sein als am Vorabend, oder waren sie nur sonnenhungrig aus ihren Zelten gekrochen? Selbst ein Eisverkaufsstand war vorhanden und wurde eifrig genutzt.

Auf der Open Air-Bühne spielten bereits

Orph

denen die Idee für ihre Auftrittskostüme sicher im Winter gekommen war: Der Masterplan „Kurier des Zaren“. mit Pelzmantel und Pelzmütze und schien damals sicher eine gute Idee zu sein, bei mehr als 25° C auf der Open Air Bühne entpuppte er sich aber bestimmt als Qual. Das Programmheft des Maifeld Derbys attestiert der Band einen Theater-Background, was möglicherweise den Verkleidungsdrang erklärt. Wir sahen nur Teile des Sets, aber es klang vielversprechend und man sollte dem Album „Poems for Kui“, das erst am Vortag veröffentlicht wurde, eine Chance geben. Gleiches gilt auch für

I Am Poet

aus Mannheim, die wir als nächstes im Parcours d'Amour aufsuchten. Diese Band hat zwar meines Wissens keinen Masterplan, aber laut Programmheft mit Maximilian Hohenstatt ein Mastermind in ihren Reihen. Ihren Auftritt im Parcour d’Amour konnten wir wegen des Dear Reader-Auftritts nicht zu Ende sehen, die gespielten Lieder (ein Debütalbum ist in Arbeit) konnten aber gefallen.

Me And My Drummer



hatten den Samstag im Palastzelt eröffnet. Auch diese Band ist recht neu und veröffentlichte erst letzte Woche ihr erstes Album "The Hawk, the Beak, the Prey". Dennoch waren zur nachmittäglichen Konzertzeit schon viele Zuschauer im Zelt. Der Bandname ist Programm, auf der Bühne befanden sich nur Sängerin / Keyboarderin Charlotte Brandi und Schlagzeuger Matze Pröllochs. Charlotte übernahm die Kommunikation mit dem Publikum und erzählte zum Beispiel, dass man nur Vinylplatten zum Verkauf dabei habe, weil die CDs unterwegs abhanden gekommen seien. Stellenweise wirkte sie auf der großen Bühne unsicher, aber auch sympathisch. Der Chorgesang bei "The Wings" musste mangels Cjor vom Band kommen, die Setliste wurde wegen des strengen Maifeld-Zeitplans um ein Lied gekürzt und endete mit der Single "The Runner".

An und für sich gefiel mir die Band recht gut, allerdings empfahl uns Charlotte zum Abschied den im Anschluss stattfindenden Auftritt der von ihr geschätzten Band Okta Logue. Die entpuppte sich aber musikalisch und optisch als Mischung aus Pink Floyd-Coverband und 70er-Rock-Ensemble - in diesem Punkt konnten wir ihren Geschmack also nicht teilen.

Me And My Drummers Setliste vom Konzerttagebuch:

Rain kids
Down my couch
Freak (neu)
Don't be so hot
The wings
Call me a friend
Heavy weight
Phobia
You're a runner

Dear Reader


kannte ich bereits vom letztjährigen Konzert in Frankfurt. Die Band von Cherilyn McNeil (die mittlerweile seit zwei Jahren in Berlin lebt und sehr gut Deutsch spricht) ist noch dieselbe wie im September, nur Martin Wenk war nicht mehr mit dabei. Die Setliste kombinierte Lieder des letzten Albums „Idealistic Animals“ mit Songs des besseren ersten Albums, die teilweise ("Dearheart") neu arrangiert waren. Phasenweise klang das rockiger und lauter als gewohnt, aber immer noch interessant..

Setliste vom Konzerttagebuch:

Never goes
Bear (Young's done in)
Dearheart
Mole (Mole)
Man (Idealistic animals)
Whale (BooHoo)
Camel (not black or white but camel)
Bend
Great white bear
Monkey (You can go home)


Kurze Zeit später sahen wir Dear Reader dann unverhofft noch einmal wieder: Nachdem wir vor dem Regen geflohen waren und den Auftritt von We Invented Paris vorzeitig verlassen hatten, trafen wir am überdachten Parcours d'Amour ein und erlebten dort ein weiteres (Überraschungs-)Konzert der Band. Auf der kleinen Bühne ging es nun wesentlich ruhiger und intimer zu, während direkt hinter der Band auf dem Reitplatz ein beachtliches Unwetter tobte, das auch die Instrumente leicht feucht werden ließ und dafür sorgte, dass die Band am Ende die Bühne räumen und ihr Instrumentarium reduzieren musste.  Ein atmosphärisch sehr unterhaltsames Konzert, das allerdings für die Band sicher nicht allzu angenehm war.

Tu Fawning


kannte ich vor dem Festivalbesuch überhaupt nicht. Bandmitglied Joe Haege erzählte, er sei bereits letztes Jahr mit seiner Band 31Knots dabei gewesen und möge das Festival sehr. Ich konnte mit der Musik irgendwie gar nichts anfangen, erlitt einen akuten Schub Festivalmüdigkeit (wer hier mehr zu finden hoffte, sei auf mehrere Berichte vom Konzerttagebuch verwiesen) und machte mich aus dem Staub in die Abendsonne bis zum Auftritt von

We Invented Paris


die die Feierlichkeiten anlässlich ihrer Singleveröffentlichung während ihres Auftritts auf der Open Air-Bühne fortsetzten: Es gab eine Flasche Sekt fürs Publikum, kleine Wasserbälle mit Aufklebern des Singletitels "Bubbletrees" sowie große Luftballons, die mit Seifenblasenfläschchen gefüllt waren, so dass das Publikum den Song mit Seifenblasen untermalen konnte. Die Mitglieder der Schweizer Band beeindruckten durch akzentfreies Hochdeutsch und die Tatsache, dass sich drei von ihnen ziemlich ähnlich sahen ... und ihre Musik machte zwar Spaß, wurde aber leider wegen eines zunächst nur nahenden aber dann doch zunehmend stattfindenden Gewitters immer mehr zur Nebensache. Irgendwann gaben wir auf und flohen ins Trockene, und ich denke, dass das Konzert kurz danach abgebrochen werden musste, die Kurzschlussgefahr war sicher sehr groß und es stürmte auch gewaltig.


Oliver Uschmann

war Teil eines Aspekts des Maifeld Derbys, den wir im vergangenen Jahr gar nicht besucht hatten, neben den Konzerten gibt es nämlich Autorenlesungen und auch Kurzfilme. Uschmann ist ein Musikjournalist, der ein Buch namens Überleben auf Festivals: Expeditionen ins Rockreich geschrieben hat, da liegt natürlich ein Auftritt bei einem Festival nahe - auch wenn Uschmann seine Lesung mit der Bemerkung eröffnete, dass es in seinem Buch eher um die Menschen und Künstlertypen Großveranstaltungen wie "Rock am Ring" geht.

Der Parcours d'Amour war für die Lesung voll besetzt, aber es war schwer zu sagen, ob das an dem nach wie vor draußen wütenden Unwetter oder dem großen Interesse des Publikums lag. Uschmanns Lesung aus dem Buch, in der er echte Erfahrungen bei Festivals (die jeder, der einmal eines besucht hat, nachvollziehen kann) überspitzt darstellt und die Besucher in Typen einteilt, war durchaus unterhaltsam. Teils scheinen die vorgelesenen Beiträge zum Ende hin zu versanden, während die Erzählungen und Interaktionen zwischendurch spontaner wirkten. Insgesamt aber eine angenehme Unterbrechung zwischen den ganzen Konzerten, die es ruhig bei mehr Festivals geben könnte.

Nach Uschmanns Auftritt nutzten wir eine Regenpause und eilten zum Palastzelt, denn dort spielten

We Have Band


Das Londoner Trio hatte live den Drumcomputer durch einen lebendigen Schlagzeuger ersetzt. Das Vertrauen in ihn war aber wohl nicht allzu groß, denn zwei der drei regulären Bandmitglieder verfügten über ein zusätzliches Mini-Drumkit. Auf CD hatte mich die Musik von We Have Band stellenweise an Depeche Mode erinnert, live fiel mir das weniger auf. Während einige Zuschauer im Zelt begannen, zu tanzen, quälte meinen Begleiter (wie sich herausstellte mit recht) die Sorge um das Schicksal des FC Bayern, denn im Zelt mit der Videoleinwand war kein Platz mehr für uns gewesen. Welche Lieder genau von den beiden Alben WHB und Ternion zum Besten gegeben wurden, kann ich leider nicht sagen, aber auf jeden Fall war es sehr nebelig. Und weiter ging unser Rundgang zu

The Miserable Rich


Die sechs Musiker füllten die winzige Bühne im Parcours d'Amour mit ihren nicht gerade kleinen Instrumenten (ein Kontrabass und ein Cello waren dabei) mühelos aus. Der eher traurige Kammerpop der Band hatte uns auf eine eher schüchterne Band schließen lassen, aber weit gefehlt. Ein sehr extrovertiert wirkender James de Malplaquet dankte uns zunächst für das britische Wetter und erklärte durchaus gut gelaunt, dass er an der deutschen Sprache vor allem die vielen Worte für "Pain" bewundere, er nannte als Beispiele Herzschmerz und den ihn besonders begeisternden Weltschmerz (er sagte eher "Merz", spricht aber offensichtlich ziemlich gut Deutsch). Ob das Herz auf seinem Hemd nun vom Herzmerz oder aber der herz-lichen Atmosphäre im Parcours herrührte, werden wir wohl nie erfahren.

Es begann ein atmosphärisch sowohl zur kleinen Bühne als auch zur regnerischen Dunkelheit um uns herum passendes Set, zu dem die Band den Großteil einer Flasche Rotwein leerte und es irgendwie schaffte, gut gelaunt Melancholie zu verbreiten. Wirklich, wirklich schön und in dieser Form sicher nicht wiederholbar.


Das Unwetter hatte allerdings im straffen Maifeld-Zeitplan zu Verzögerungen geführt, so dass die Band wohl wegen der Lärmempfindlichkeit von Anwohnern bereits früher wieder aufhören sollte als geplant. Sowohl Band als auch Publikum fanden diesen Plan eher doof, und so wurde nach Alternativen gesucht. James Vorschlag, man könne ja auf die Straße umziehen und der Kontrabassist (Rhys Lovell), dem diesen Vorschlag angesichts der Sperrigkeit seines Instruments weniger gefiel, könne ja zurück bleiben, wurde von diesem mit einem Stinkefinger und einem Lächeln entgegnet. Also zog man nach einem weiteren Song nur ein bisschen um, ließ die Mikrophone auf der Bühne zurück und spielte aufs Publikum verteilt noch drei weitere Titel auf der Tribüne.

Das Publikum wurde an einer Stelle gefragt, ob man lieber ein eigenes oder ein gecovertes Lied hören wolle, dass der Applaus für eine Eigenkomposition lauter ausfiel, führte möglicherweise dazu, dass "Over and Over" von Hot Chip, das auf der sichtbaren Setliste gestanden hatte, nicht gespielt wurde.

Setliste:

Imperial Lines
Laid Up In Lavender
On A Certain Night
Let Us Fade
The Time That’s Mine
Ringing The Changes

Pisshead
Boat Song
Under Glass

Etwas verspätet und nach stehenden Ovationen für The Miserable Rich suchten wir ein letztes Mal das Palastzelt auf, wo der Auftritt der Headliner

Blood Red Shoes


bereits im Gange war. Ich muss hierzu gestehen, dass diese Band bei mir in derselben Schublade wie die White Stripes unter "uninteressant" abgelegt ist. Das, was ich von ihrem Set sah, gefiel mir dann eigentlich ganz gut, aber dank exzessiven Strobolicht konnte ich kaum meine Augen öffnen (ja ja, ich bin schon eine echte Rockerin). Auch andere Publikumsmitglieder zeigten wohl weniger Begeisterung, als es sich Steven Ansell gewünscht hätte, denn er forderte vor dem vorletzten Stück recht genervt dazu auf, mal ein bisschen mitzurocken. Entweder, das klappte auch auf Aufforderung nicht so gut, oder aber die Laune war bereits verdorben: Auf jeden Fall gab es keine Zugabe.


Setliste vom Konzerttagebuch:

It' s getting boring by the sea
Don't ask
Cold
Say something
Heartsink
In time to voices
This is not for you
Light it up
Keeping it close
You bring me down
Lost kid
It is happening again
Colours fade
I wish I was someone better
Je me perds

Anschließend hätten wir noch zu Frittenbude abrocken können, aber an diesem Tag hatte ich ohnehin bereits zweimal Pommes gegessen. Noch nach Frittenbude, gegen 2 Uhr, war noch der vorher ins Wasser gefallene Auftritt von Long Distance Calling angesetzt, während der von Sizarr ganz ausfallen musste. Dennoch, neun (Teil-)konzerte an einem Tag reichten durchaus und so ging es zurück nach Frankfurt, nicht ohne die wiederholte Erkenntnis, dass das Maifeld Derby in vielerlei Hinsicht eine feine Sache ist: Feine Bands, wenig Anstehen, wenig soziale Auffälligkeiten, humane Preise beim Eintritt und auf dem Gelände, unpenetrante Sponsorenwerbung und putzige Dekorationen. Nächstes Jahr dann bitte vielleicht ohne Gewitter und Fußballniederlage.


3 Kommentare:

  1. Gut, daß es nicht nur mir so ging: ich fand auch, daß sich die We Invented Paris Mitglieder extrem glichen.

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  2. sind ja auch zwillinge...

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  3. Das ist mal eine plausible Erklärung. Allerdings fand ich ja, dass sich alle drei in der "vorderen Reihe" ähnelten. Wahrscheinlich brauche ich eine Brille ...

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