Ich habe hier ja bereits mehrmals geschrieben, dass es so verblüffend einfach ist, von Frankfurt aus am Feierabend mal eben schnel...

Die Band, ihr Produzent und der Stau: Slut im Kölner Gebäude 9


Ich habe hier ja bereits mehrmals geschrieben, dass es so verblüffend einfach ist, von Frankfurt aus am Feierabend mal eben schnell nach Köln zu düsen. Der Nachteil dieser Vorgehensweise: Sitzt man einmal im schnellen ICE, kann man nicht mehr umplanen. Und so konnte ich mit der erst am Montag unterwegs erhaltenen Information, dass Slut wegen Stauproblemen erst eine Stunde später auftreten würden, wenig anfangen und befand mich letztlich viel zu früh im unwirtlichen Köln Deutz, wo einen die Bundesbahn per Zugdurchsage sogar darauf hinweist, man solle, während der Zug dort hält, auf seine Wertsachen achten! Als nach einem langen Fußmarsch zum Gebäude 9 dort mein Versuch, die zugesicherten Gästelistenplätze einzufordern, ebenfalls scheiterte, konnte meine Laune kaum noch schlechter werden.


Zum Glück klappte das mit der Gästeliste später dann doch noch, und bald konnte ich den Ärger vergessen und mich auf die Vorband konzentrieren. Moment. Vorband? War dieser Typ nicht von Slut? Nun, jein. Bereits bei ihrem Wiener Konzert im letzten Jahr waren Slut mit dem Produzenten Tobias Siebert aufgetreten, der damals den abwesenden René Arbeithuber vertrat. Siebert ist selbst Sänger und Gitarrist bei Klez.e und Gitarrist bei Delbo, dieses Mal trat er aber als das Soloprojekt And The Golden Choir auf. Das Konzept der Auftritts war, dass Siebert für jeden Song eine andere, sicherlich individuell hergestellte Schallplatte auf dem mitgebrachten Plattenspieler vorspielte, wobei auf der laut knisternden Platte (das Knistern war sicher Absicht) einige Instrumente bereits eingespielt waren, die restlichen (im allgemeinen Gitarre oder Klavier) übernahm er dann live selbst und sparte sich so die Bandbegleitung. Die Musik an sich, insbesondere der im Gegensatz zu Sieberts anderen Bands englischsprachige Gesang, erinnerte mich an Radiohead. Durchaus angenehm, aber auch nicht weltbewegend.


Siebert war dann wenig später auch bei Slut wieder mit von der Partie, so dass die Band zu sechst war.  Ein weiteres Wiedersehen gab es mit einem "Musikkasten", den die Band zwar nicht in Wien, wohl aber 2011 in Mannheim dabei gehabt hatte, außerdem waren auch Chimes, wie ich sie kürzlich erst beim Erdmöbel-Weihnachtskonzert gesehen hatte, zu sehen, sowie Rasseln in allen vorstellbaren Formen und Größen.


Hinter der Band waren mehrere Bilderrahmen aufgehängt worden, die beim ersten Song, "Silk Road Blues", noch leer zu sein schienen, in die bei folgenden Liedern aber so einiges (Portraits, Schwarzweißfilme, grafische Muster) projiziert wurde. Nach "Silk Road Blues", das sich durch einen unheimlich langen Instrumentalteil auszeichnete, folgten fünf weitere Songs der aktuellen Albenveröffentlichung "Alienation". Bei "Anybody have a Roadmap" wiederholte sich die bereits in Wien erlebte Situation, dass sämtliche Bandmitglieder wie wild trommelten und dabei an Radioheads Livedarbietung von "There there" erinnerten.


Sänger Christian Neuburger erklärte, man habe bei den Aufnahmen für "Alienation" eigentlich mit fünf verschiedenen Produzenten arbeiten wollen, die je zwei Songs "bekommen" hätten. Die Zusammenarbeit mit Tobias Siebert sei aber so gut gelaufen, dass man letztlich fünf Songs mit ihm aufgenommen habe, er sei auch maßgeblich für die bei Slut neuen "Computergeschichten" verantwortlich. Siebert wirkte auch sehr vertraut mit der Band und eigentlich selbstbewusster als bei seinem Soloauftritt, wenn er mit Slut Gitarre spielte, sang, rasselte, den Tamburin schwang, am Equipment herumschraubte oder, bei "All show", zum Banjo griff.


Nach der Single "Remote Controlled" erklärte Neuburger, der Abend sei in verschiedene Abschnitte unterteilt und der "Alienation" zugedachte sei hiermit weitgehend beendet, es folge nun "ein Exkurs in die Vergangenheit" - nämlich zunächst "Andy" vom Konzeptalbum "Lookbook", dem zwei weitere, beinahe komplett instrumentale Stücke von dieser Platte folgten.


Auch zum Thema Köln hatte Neuburger etwas zu erzählen: Die Band habe früher eine Kölner Plattenfirma gehabt, was nun glücklicherweise vorbei sei. Diese hatte einen Marketingexperten nach Ingolstadt geschickt, der erst darum gebeten habe, bayerisch essen zu gehen - um sich dann ein Wiener Schnitzel zu bestellen. Anschließend habe er der Band geraten, sich in "Slut aus Ingolstadt" umzubenennen und deutsche Texte zu Coldplay-Melodien zu singen.

Wenn ich auch rein gar nichts gegen die aktuellen Slut-Songs habe, freute ich mich doch insbesondere über Altes, Bekanntes, das in Wien nicht gespielt worden war, nämlich vor allem "Why Porquoi", aber auch "Homesick".


Das Set endete mit "Reminder" und "Holy End", bei letztem kam dann auch, wie bereits in Wien gesehen, wieder der Drumstick als Gitarren"bogen" zum Einsatz. Auch bei den Zugaben griff man zunächst auf dieselben Songs zurück, nämlich "Mackie Messer" und "Easy to love" - allerdings gab es anschließend noch eine Überraschung, denn es folgte noch ein nach eigenen Angaben lange nicht mehr live gespieltes Lied: "Hope".

Für mich, die noch einen weiten Heimweg vor sich hatte und wegen des verzögerten Konzertbeginns sowieso spät dran war, um vor dem folgenden Arbeitstag noch ein paar Stunden Schlaf abzukommen, war es nun höchste Zeit, aufzubrechen. Aber trotz der Ärgernisse des früheren Abends und der dann wie erwartet kurzen Nacht war auch dieser vierte Slut-Konzertbesuch ein schönes Erlebnis.


Setliste (Quelle Konzerttagebuch):

Silk road blues
Anybody have a roadmap
Broke my backbone
Never say nothing
All show
Remote controlled
Andy
Big mistake
Swingquest
Alienation
If I had a heart
StillNo1
Stagged and torn
Why pourquoi (I think I like you)
Homesick
Reminder
Holy end

Die Moritat von Mackie Messer
Easy to love
Hope

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