Neulich beim Mini-Festival: Enno Bunger im Kölner Gebäude 9

U.

Wir wussten es schon länger: Bereits beim Konzert in unserem Wohnzimmer vergangenen Oktober hatte Enno Bunger versichert, es gehe ihm mittlerweile besser als er es auf seinem Trennungsalbum "Wir sind vorbei" festgehalten hat. Nun ist der in der Tat auf weiten Strecken fröhlicher gestimmte Nachfolger "Flüssiges Glück" seit zwei Monaten erhältlich und Enno wieder auf Tour - und da er dieses Mal nicht direkt zu uns kam, machten wir uns am Samstag eben auf den Weg nach Köln, zu unserem ersten Enno Bunger-Konzert im Stehen, die ver bisherigen Konzerte waren allesamt bestuhlt gewesen.

Im ausverkauften Gebäude 9 hatten wir eigentlich, einen Tag nach der blutigen Konzert-Geiselnahme in Paris, mit etwas strengerer Security gerechnet - wobei es natürlich extrem unwahrscheinlich gewesen wäre, dass ausgerechnet diese kleine Halle in den Fokus von Attentätern gerät. In jedem Fall wurde am Einlass so gut wie überhaupt nicht kontrolliert, nicht einmal die Taschen.


Bei seiner aktuellen Tour hat Enno Bunger die perfekte Symbiose aus Vor- und Hauptbands geschaffen. Dass die Supportband später wieder als Teil des Hauptacts in Erscheinung tritt, habe ich natürlich schon öfter erlebt, aber hier waren gleich vier Bands in einem unterwegs. Den Anfang machten, nach einer Ankündigung von Enno selbst, er habe nicht einen, nicht zwei, sondern drei Supports, Lestat Vermon, das Soloprojekt von Woods of Birnams Phil Makolies, auf Tournee unterstützt von Onno Dreier (Keyboard) und Nils Dietrich (Schlagzeug), die ihrerseits die Band projektor sind. Dadurch, dass jeweils nur zwei Songs gespielt wurden, war es schwer, sich eine Meinung zum Dargebotenen zu bilden, sehr schnell war es vorbei. Es ist etwas irritierend (und lustig), wenn der Sänger nach dem ersten Lied wahrheitsgemäß sagt "Wir kommen nun zu meinem letzten Song" - was dann auch von Onno Dreier bei dessen Set aufgegriffen wurde.

Setliste:

When the Molecules are stopped...
Little Cute Bunny Shirt


Nach den zwei Songs von Makolies änderte sich die Band, nicht aber das Lineup auf der Bühne: Nun stellte sich dieselbe Gruppe, nachdem sie kurz Instrumente getauscht hatte, als projektor vor. Das ebenfalls zwei Lieder lange Set war immerhin doppelt so lang wie das bei uns im Wohnzimmer... Onno erklärte, die Band habe mittlerweile bei iTunes und Spotify eine EP namens "Vow" veröffentlicht, es gebe allerdings auch ein russisches Hip Hop Projekt mit demselben Namen bei Spotify... aber vielleicht sei deren Musik ja auch ganz gut. Onnos Stücke waren es.

Setliste:

Under My Chest
Body


Weiter ging es mit And the Golden Choir, einem Soloprojekt von Tobias Siebert, der alle Instrumente seiner "Band" selbst eingespielt und dann auf Schallplatten gepresst hat, zu denen er dann singt und jeweils ein bis zwei Instrumente live spielt. And The Golden Chor hatten wir bereits dreimal live gesehen, kannten bereits den quietschenden Wagen mit Retro-Lampe und Plattenspieler darauf sowie das auf die Bühne mitgebrachte mitgebrachte Rotweinglas und wussten somit, was uns erwartet (und fanden es auch gut).


Dem Kölner Publikum schien es weitgehend anders zu gehen: Ich hatte den Eindruck, dass Sieberts Musik nicht wirklich gut ankam, und der Geräuschpegel durch gebrüllte Gespräche lag nun höher als bei den anderen Vorbands. Dabei tat Siebert sein bestes, um sein Konzept zu erklären - er sagte, er habe fünf Jahre seines Lebens in die Rillens einer Schallplatten geritzt - und lobte auch überschwänglich sowohl das Gebäude 9 als auch seine musikalischen Kollegen... aber es half nicht wirklich. Dafür durfte er mit immerhin fünf Songs mehr als doppelt so lange spielen wie die anderen Support Acts. Die "Angelina"-Schallplatte knackt mittlerweile übrigens ziemlich stark.

Setliste:
Holy diamond
It's not my life
Cold Star (?)
?
Angelina


Nach den "Einzelvorstellungen" kehrten nun alle Musiker gemeinsam als Enno Bungers Liveband zurück, die Instrumente wurden noch ein wenig umgestellt, so dass Bungers Keyboard ganz vorne am Rand der Bühne zu stehen kam. - was für diejenigen, die direkt mittig in der ersten Reihe standen, allerdings bedeutete, dass sie nun eine ausgesprochen schlechte Sicht hatten. Los ging es ohne große Worte mit "Renn!", bei dem alle Musiker den Sprechgesang mitsprachen. Anschließend wurden wir begrüßt, und Enno erzählte vor der ersten Single des aktuellen Albums, "Neonlicht", dass er sich kürzlich selbst bei Rewe gehört habe. Ob das nun der Wahrheit entspricht oder nur dazu diente, den folgenden Kalauer "Ich wusste gar nicht, dass ich so ein Kassenschlager bin!" unterzubringen, bleibt unbekannt.

Nach dem nun folgenden "Zwei Streifen" erzählte Enno, er habe den Entwurf des neuen Plattencovers stolz seinem Vater gezeigt, der völlig entsetzt gemeint habe, Enno sehe darauf aus wie Jesus. Worauf Enno entgegnet habe "Wenn ich Jesus bin, wer bist du denn dann?"


Es folgten ein paar ältere Songs, "Pass auf dich auf" und "Blockaden" zeigten dabei, dass die alten Lieder durch den Einsatz von Gitarre, Bass und Schlagzeug anders klangen als auf Platte oder den Konzerten, die Enno mit Onno als Duo bestritt. Anschließend kam ein ganzer Block trauriger Lieder von "Wir sind vorbei". Zu "Regen", in dessen Verlauf sich das Schlagzeug immer mehr steigerte, erzählte Enno, als er damals bei seinem Plattenlabel PIAS von seiner kürzlichen Trennung erzählt habe, habe er die Dollarzeichen in den Augen seines Gesprächspartners gesehen - und ganz kann man sicher auch nicht von der Hand weisen, dass traurige Gefühle zu guter Musik führen. So fragte Enno auch anschließend "Und? Habt ihr Bock auf noch so'n trauriges Lied?" und spielte "Abspann", das im Publikum von vielen, hauptsächlich weiblichen Stimmen mitgesungen wurde.


"Roter Faden" schloss die Gruppe der deprimierenden Lieder dann ab, Tobias, Onno und Nils schlugen hier den Rhythmus mit jeweils zwei Schlagzeugsticks. Mit "Herzschlag" bewegten wir uns wieder in eine etwas optimistischere Richtung - doch mitten im Lied kippte direkt vor uns eine junge Frau um. Die Musiker unterbrachen alles, und während die Frau von umstehenden Zuschauern kompetent versorgt wurde und schnell wieder bei Bewusstsein war, wurden von der Bühne aus zahlreiche Wasserflaschen gereicht, dann folgte doch noch das Ende des Songs.

Als nächste spielte die Band "Heimlich", ein Lied, zu dem Enno erklärte, ein Journalist habe ihm vorgeworfen, dass der Text völlig misslungen sei. Enno dagegen meinte, es gehe ums Verliebtsein, das nun einmal keine sonderlich rationale Stimmungslage sei, und deshalb sei der Text in Ordnung. Außerdem erklärte er, musikalisch habe er sich bei diesem Song von "Baywatch" und "Full House" inspirieren lassen.


In ähnlich ausgelassener Laune folgte nun "Nichts immer alles jetzt", dessen Coldplay-ähnliche "Ohohohohoho"-Gesänge im Publikum nach und nach immer stärker mitgesungen wurden, dann kam ein weiterer Stimmungswechsel. Die anderen Bandmitglieder verließen die Bühne und Enno erklärte, jetzt folge ein Lied über Wut. Die Geschichte, dass ihn eine lange Autofahrt, bei der er unterhaltungstechnisch auf Radio NRJ in verschiedenen regionalen Varianten angewiesen war, zu dem Song inspiriert habe, kannte ich glaube ich bereits, nicht aber die dazu erfundene Wortschöpfung "Wutbunger". Die Toten Hosen scheinen Enno bei der damaligen Fahrt besonders genervt zu haben, und er meinte, es sei ja nun keine Kunst, zu irgendwelchen Textzeilen "Ohoho" zu brüllen: "Hier kommt Alex, ohoho", "An Tagen wie diesen, ohoho", "Ich spiele Piano, ohoho".

Nach Rückkehr der anderen Bandmitglieder spielte man gemeinsam die ebenfalls ärgerlich gestimmten Lieder "Die Flucht" (beinahe punkrockig gespielt) und "Wo bleiben die Beschwerden?", zu dem Enno sagte, er habe es im letzten Oktober geschrieben und damals nicht geahnt, wie viel mehr sich die behandelten Ereignisse noch zuspitzen würden. Er machte nun auch seine einzige kleine Bemerkungen zu der Geiselnahme in einer Pariser Konzerthalle am Vorabend und sagte, wir dürften nicht zulassen, dass irgendjemand diese Ereignisse für sich instrumentalisiere - was zu viel Applaus führte.


"Scheitern" bildete den Abschluss des Hauptteils, doch Enno kündigte beruhigend an, dass in jedem Fall noch eine Zugabe (genauer gesagt, meinte er, seine Ansage am Anfang spiegelnd, "nicht eine, nicht zwei, sondern drei Zugaben!") folgen würde, wenn wir genug klatschten. Und so hörten wir noch - ohne Schlagzeug - "Klumpen", dann mit normaler Bandbesetzung "Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung" und zuletzt "Hamburg", das auf Platte wie auch live einen ausufernden Instrumentalteil aufweist und für das Tobias Siebert ans Schlagzeug wechselte - womit er im Verlauf des Abends wahrscheinlich jedes der vorhandenen Instrumente bedient hatte. Auf das gelungene letzte Lied folgte noch eine Verbeugung sämtlicher Bandmitglieder zu tosendem Applaus.


Setliste:

Renn!
Neonlicht
Zwei Streifen
Pass auf dich auf
Blockaden
Regen
Abspann
Roter Faden
Herzschlag
Heimlich
Nichts immer alles jetzt
Am Ende des Tunnels
Die Flucht
Wo bleiben die Beschwerden? 
Scheitern

Klumpen
Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung
Hamburg







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