An Autumn's Tale: A Summer's Tale 2016, Tag 3

U.

Der Festival-Freitag hatte aus unserer Sicht musikalisch am wenigsten zu bieten. Im Vorfeld hatten wir schon geplant, tagsüber Kanu fahren zu gehen – auch das ist im Rahmen des Programms möglich - und erst für den Headliner Noel Gallagher zurück zu kehren. Nachdem die Wetterbedingungen aber weiterhin instabil waren, war es letztlich eine gute Entscheidung, darauf zu verzichten.


Stattdessen gingen wir mittags zur Waldbühne, um dort den noch recht unbekannten Gavin James anzusehen. Der Ire war am selben Morgen mit seinen Gitarren von Dublin aus eingeflogen und angesichts des Schlafmangels, der Aufregung, des vielen von ihm konsumierten Kaffees (angeblich 96 Millionen Tassen) sowie seiner Freude darüber, dass sich überhaupt Publikum für sein Konzert eingefunden hatte, so aus dem Häuschen, dass er sich mit einem „Leprechaun on Speed“ verglich.

Sein Set bestand aus Liedern von seinem ersten Album „Bitter Pill“ und Coverversionen, so spielte er zu Konzertbeginn zunächst einige Takte einer Moll-Version von „Eye of the Tiger“ an. Seine einigen Songs gehen tendenziell in die Richtung „trauriges Liebeslied“, bei den Coverversionen hielt er sich eher an absolute Popklassiker, etwa „Billie Jean“ oder „Wonderful World“. Bei letzterem versuchte er, Louis Armstrongs Stimme zu imitieren – Mundtrompete spielte er ebenfalls – und gab dann zu, dass sein Versuch eher nach dem Krümelmonster klang. Dann bekam er aber die Idee, das Publikum zu bitten, ebenfalls als Krümelmonsterchor mitzusingen – was viele auch versuchten.


Seine Coverversion von The Magnetic Fields „The Book of Love“ kündigte er damit an, dass er sagte, wer mit einem Tinder-Date gekommen sei, solle nun einen Annäherungsversuch wagen, das sei der richtige Song dafür. Nur logisch, dass auch die Zugabe, die er dank großem Applaus und ein wenig nicht genutzter Auftrittszeit noch spielen durfte, ebenfalls eine Coverversion war: Bruce Springsteens „Dancing in the Dark“.

Setliste: 

For You
Nervous
Coming Home
Remember Me
Billie Jean
The Book of Love (The Magnetic Fields cover)
Bitter Pill
What a Wonderful World (Louis Armstrong cover)
Say Hello
Till The Sun Comes Up
Two Hearts

Dancing in the Dark (Bruce Springsteen cover)


Danach wanderten wir ein paar Meter zum Grünen Salon, wo aufgrund der Zugabe den Anfang der Zaubershow von The Great Joy Leslie verpasst hatten. Der Andrang von Erwachsenen und insbesondere Kindern war riesig, viele Eltern hatten wohl erwartet, dass das Zauberprogramm genau das Richtige für Familien wäre.

Wegen der Menschenmenge konnte ich kaum etwas von der Bühne sehen, was im Kontext einer Zaubershow natürlich suboptimal ist. Die Familien-Kompatibilität fand ich persönlich etwas zweischneidig, da der Zauberauftritt viele Comedy-Elemente aufweist, die häufig auf Kosten der Zuschauer – und eben auch der kindlichen Zuschauer – gehen. So fragte der Zauberer einen Jungen, der als „Helfer“ auf die Bühne gekommen war und nicht gleich verstand, auf welche Art er Klopapierblätter abreißen sollte, gespielt genervt „In welcher Klasse warst du nochmal?“ Das war natürlich lustig, hätte mich als Kind aber ziemlich verstört.


Strategie der Zaubershow ist, dass The Great Joy Leslie betont simple Tricks zeigt, bei denen man sich als Zuschauer zunächst denkt, man wisse genau, was vor sich geht. Etwa behauptete der Zauberer, zwei identische rote Bälle in seiner Hand und der eines Helfers vertauscht zu haben. Dann behauptete er, beide Bälle in eine Hand transferiert zu haben, machte aber zunächst keine Anstalten, die Hand auch zu öffnen. Das Schwierige sei, den Ball wieder zurück zu transportieren. Also rechnete man schon damit, wieder dieselben zwei Bälle in jeder Hand gezeigt zu bekommen. Als man dann schon nicht mehr damit rechnete, zeigte er aber doch noch, dass in einer Hand nun tatsächlich zwei Bälle waren.

Diese Tricks und die zugehörigen Frotzeleien waren durchaus unterhaltsam und sorgten für viele Lacher. Nur litt die Show für mich wie gesagt darunter, dass ich nur selten einen Blick auf das Geschehen erhaschen konnte.


Direkt anschließend eilten wir zum Food Court. Mehrfach materialisierte sich nämlich bei diesem Festival auf dem Gelände aus circa zwanzig hippen Hamburgern ein Chor. Dieser bestach weniger durch seine Sangeskünste als durch originelle Arrangements und Choreografien von heimlichen Lieblingsliedern.

Nach 15 Minuten hatte der Spuk bereits ein Ende und der Hamburger Kneipenchor verteilte sich wieder in alle Winde. Im Gegensatz zu Joe Löhrmann alias „My Travelling Piano“, der ebenfalls mehrfach auftrat und den wir leider nicht zu Gesicht bekamen, gerieten wir durch Zufall in einen der Chorauftritte und durften noch deren Interpretation von „I want it that way“, „Verdammt ich lieb' dich“ und „Wannabe“ lauschen.


Ebenfalls zufällig gerieten wir in den Swing Workshop, der vor der Waldbühne sicherlich hundert Paare tanzen ließ, in allen Formationen, Erwachsene und Kinder, zum Teil barfuß, zum Teil in Gummistiefeln. Auch aus Zuschauersicht ein spaßiges Event. Auch sonst konnte man an vielen Stellen des Geländes Teilnehmer diverser Workshops beobachten, wie sie Hocker bauten, sich in Capoeira versuchten, Traumfänger bastelten, Bänder strickten oder Siebdrucke fabrizierten.


Für uns folgte ebenfalls frühen Abend unser zweiter Versuch, einen Workshop zu besuchen. Dieser trug den Titel „Sommercocktails leicht gemacht“. Nachdem wir den Kalligraphiekurs trotz Anmeldung wegen minimaler Verspätung verpasst hatten, fanden wir uns dieses Mal übertrieben früh ein und saßen in der „Probiererei“ bereits an der langen Tafel für die Workshop-Teilnehmer, während die Vorbereitungen noch liefen.

Ich hatte mir im Vorfeld wenig Gedanken über die Inhalte gemacht, aber vermutet, dass sich wegen der vielen Kinder beim Festival die Cocktails vermutlich als nicht alkoholische Getränke erweisen würden, oder dass es zumindest alkoholfreie Varianten geben würde. Beides war nicht der Fall, und nachdem es auch keine kindlichen Teilnehmer gab, hatten alle anderen den Kursinhalt wohl richtig verstanden.

Der Kurs wurde von einem Münchener Barbesitzer geleitet, der auch ein Team dabei hatte. Zur Begrüßung bekamen wir erst einmal einen Amaretto Sour serviert, dazu versorgte uns der Kursleiter mit Informationen wie der richtigen Grundausstattung für Zuhause und der Geschichte des Cocktails.


Nachdem es schlecht möglich war, dass alle Teilnehmer mit den Zutaten hantierten, war der „Kurs“ letztlich eher ein Cocktailprobieren. Jeweils zwei Teilnehmer durften hinter die Bar treten und die parallel erklärten Rezepte ausprobieren, der Rest bekam das Getränk einfach serviert. Nachdem mein Freund sich bereits nach dem Amaretto Sour Sorgen um seine spätere Fahrtüchtigkeit machte, landeten von den insgesamt vier Getränken viele auf meiner Seite – zum Glück waren sie nicht allzu groß.

Ich war überrascht darüber, wie aufwendig der Workshop, der keine zusätzliche Gebühr kostete, gestaltet war. Sowohl das Team als auch die vielen eingesetzten Zutaten – insbesondere die alkoholischen – dürften zu erheblichen Kosten geführt haben. Das und die große Zahl anderer Workshops relativiert die hohen Ticketkosten des Festivals etwas.

Zum Ende des Kurses waren sämtliche Teilnehmer sehr gut gelaunt. Nur mein nüchterner Freund kritisierte leise das nicht vorhandene didaktische Konzept.


Nachdem wir anschließend noch Zeit hatten, bevor der Headliner Noel Gallagher auf der Hauptbühne auftrat, begaben wir uns spontan in den Zeltraum, wo gerade das Konzert von Funny van Dannen begann. Wir hatten eigentlich nicht vorgehabt, hinzugehen, entsprechend waren wir völlig unvorbereitet.

Der Auftritt des ursprünglich aus den Niederlanden stammenden Liedermachers brachte als erste Erkenntnis, dass sein im Festivalprogramm verwendetes Pressebild offenbar schon etwas älter ist, da er auf ihm deutlich mehr Haare hat. Dazu passte dann gleich das erste Lied „Ich bin nicht mehr jung“. Die zweite Erkenntnis war, dass der Künstler offenbar sehr beliebt ist – während wir uns über den ungewöhnlichen Slot direkt vor dem Headliner gewundert hatten, war das Zelt proppenvoll.


Die dritte und wichtigste Entdeckung war, dass van Dannen lustige und sympathische Lieder singt, bei denen das Zuhören Spaß macht. Die Anekdoten in Liedform, für die er zwischendurch immer wieder in Text- und Notenblätter wühlen musste, regten gleichermaßen zum Lachen und zum Nachdenke an. Ich hätte mir den Auftritt auch noch bis zum Ende angehört, aber natürlich hieß es irgendwann „Plätze sichern für Noel Gallagher“.

Setliste:

Ich bin nicht mehr jung
Latente Homosexualität
Der Alptraum
Schön singen
Nana Moskouri
Lesbische schwarze Behinderte
Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet
Humankapital
Integrieren
...


Vor diesem Moment habe ich mich ein wenig gefürchtet: Was soll ich nur zu einem Auftritt des Künstlers schreiben, den ich nun zum insgesamt fünften Mal live gesehen habe, und zum zweiten Mal allein dieses Jahr? Und der dafür bekannt ist, dass er von Konzert zu Konzert extrem wenig an seiner Setliste und sonstigen Rahmenbedingungen ändert? Nun, versuchen wir es einfach.

Ein gewisses Überraschungsmoment war schon einmal, dass es vor der Bühne kein Gedrängel gab. Selbst die anwesenden Engländer, die normalerweise immer ein Garant für intensiven Bierkonsum und auffälliges Verhalten sind, waren ausgesprochen unauffällig (und genervt von den ebenfalls vorhandenen besoffenen deutschen Jugendlichen, eine absolute Seltenheit bei diesem Festival). Direkt vor uns tauschten sich ein Vater und sein vielleicht 12jähriger Sohn über Andy Bells Karriere bei Ride, Oasis, Beady Eye und dann wieder Ride aus und beschlossen gemeinsam, auf der anschließenden Heimfahrt die Band aus Oxford zu hören. Vorher würden sie sich in Bezug auf Noel Gallagher noch als ausgesprochen textsicher entpuppen.


Pünktlich um 22:25 begann das uns wohlbekannte Intro „Shoot a Hole Into the Sun“, die Band und Noel betraten die Bühne. Alles war wie immer und soll hier deshalb nur kurz angerissen werden: Die Setliste war vorab bekannt und wurde selbstverständlich nicht geändert. Als jemand im Publikum nach „Supersonic“ brüllte, rief Noel zurück, das sei bei der letzten Tournee dran gewesen. Als ob man innerhalb der Tournee die gespielten Lieder beliebig ändern könnte, lächerlich!


Wie gehabt, wurden auf der LED-Wand im Bühnenhintergrund Videos gezeigt, die wir zum Teil mittlerweile schon sehr gut kennen. Es gab aber auch eine Neuentdeckung: Unter den Bildern zu „Fade Away“ verstecken sich auch einige Katzenfotos. Ein weiteres Mal wunderten wir uns über die Auswahl der Oasis-Liedern für diese Tournee – „Talk Tonight“ gewinnt nicht dadurch, dass es von einer ganzen Band gespielt wird, und „D'Yer Wanna Be a Spaceman?“ ist grundsätzlich weniger gut. Dieses Lied bildete gemeinsam mit dem Gallagher-Song „The Mexican“ auch den schwächsten Punkt des Sets.


Was war anders? Noel spielt mittlerweile mehr Gitarrensoli selbst. Vorher hatte er fast alle seinem Gitarristen überlassen, nun tat er das nur noch bei „Champagne Supernova“. Es entfaltete sich außerdem ein ungewöhnlich ausführlicher Dialog zwischen Noel und einem Publikumsmitglied, das ihm eine CD auf die Bühne werfen wollte. Noel forderte den Mann zunächst auf, das Paket auf den Bassisten zu werfen(!) und beschwerte sich dann, als stattdessen der Verstärker getroffen wurde: „You fucking hit my amp!“. Dann machte er sich über die Verpackung lustig: „Why does this have flowers on it? Did your mother wrap it? Is she in the band?“ Anschließend wurde der Werfer aufgefordert, die Qualität seiner CD auf einer Skala von 1 bis 10 einzuschätzen – und wählte 8. Noel schloss zwar kategorisch aus, dass er die CD selbst auspacken würde, dafür hat man offenbar Personal, nicht aber, sie zu hören. Das habe ich auf anderen Konzerten schon anders erlebt, folglich ging der CD-Werfer vermutlich zufrieden nach Hause.


Nachdem alle Titel der Setliste, musikalisch selbstverständlich perfekt, gespielt worden waren, beendete Noel pünktlich um Mitternacht das Konzert mit „Don’t Look Back in Anger“ und verabschiedete uns, indem er uns Glück bei den Olympischen Spielen wünschte.

Setliste:

(Shoot a Hole Into the Sun)
Everybody's on the Run
Lock All the Doors
In the Heat of the Moment
Riverman
Fade Away (Oasis cover)
The Death of You and Me
You Know We Can't Go Back
Champagne Supernova (Oasis cover)
Ballad of the Mighty I
Talk Tonight (Oasis cover)
D'Yer Wanna Be a Spaceman? (Oasis cover)
The Mexican
Half the World Away (Oasis cover)
Listen Up (Oasis cover)
If I Had a Gun...
Digsy's Dinner (Oasis cover)
The Masterplan (Oasis cover)
Wonderwall (Oasis cover)
AKA... What a Life!
Don't Look Back in Anger (Oasis cover)

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