Neulich in Schweden: Stockholm Music & Arts, Tag 1

U.

Jetzt ist es schon wieder passiert: Wie jedes Jahr habe ich auch in diesem gegenüber meinem Freund angekündigt, dass ich maximal ein Festival besuchen würde. Eines. Nun ist es Anfang August, und ich habe bereits das Best Kept Secret (gut, nur einen Tag) und das Down The Rabbit Hole besucht, außerdem liegen auf meinem Schreibtisch Tickets für das A Summer's Tale am kommenden Wochenende und für ein Ein-Tages-Festival mit The Wedding Present in Brighton.


Und wo war ich letztes Wochenende? Richtig, bei einem Festival. Zugegebenermaßen war der Ausflug eingebettet in eine Städtereise nach Stockholm, aber eben doch ein Festivalbesuch. Das Stockholm Music & Arts ist gewissermaßen ein "Innenstadtfestival", das im Bereich eines Museenkomplexes auf Skeppsholmen, einer Insel mitten in der Stadt, stattfindet - ohne Campingplätze und in erster Linie für Stockholmer. Für den "Music"-Teil werden zwei Freilichtbühnen bespielt, zum Thema "Art" beziehen die Veranstalter sowohl das benachbarte "Moderna Museet" als auch weniger bekannte Künstler ein. Letztere stellen auf dem Gelände Bilder aus und zeigen Performances.


Am Freitagnachmittag erreichten wir nach einem halbstündigen Fußweg vom Hotel, der uns vorbei am Königspalast und der Anlegestelle für Fährschiffe führte, bei strahlendem Sonnenschein zum ersten Mal das Gelände. Klein aber fein sah alles aus. Passend zur gerade stattfindenden Ausstellung der Künstlerin Yayoi Kusama im Moderna Museet hatten die Veranstalter die Bäume auf dem Gelände mit rotweiß gepunkteten Umhüllungen versehen. Ohnehin vorhandene Skulpturen fügten sich perfekt ins Bild. Während die "große Bühne" von der Größe und dem potenziellen Publikum her in etwa der Hauptbühne entsprach, wie man sie bei mittelgroßen Festivals kennt, entpuppte sich die "Gartenbühne" und der für sie vorgesehene Publikumsplatz als winzig. Auf der Website hatten wir bereits die Warnung gelesen, dass auch ein vorhandenes Festivalticket keine Garantie dafür darstellte, im Bereich dieser Minibühne auch einen Platz zu finden (beziehungsweise überhaupt eingelassen zu werden).


Das weitläufige Hafenareal wies, wie bei Festivals üblich, zahlreiche Food Trucks und Getränkestände auf, und es gab auch erfreulich viele Sitz- und Entspannungsgelegenheiten. Nachdem wir uns einen groben Überblick verschafft hatten, schlenderten wir zur Hauptbühne, wo Erik Lundin, ein Rapper, ein abwechslungsreiches Musikprogramm eröffnete. In Erinnerung bleibt von ihm nur, dass er für einen Song seine Eltern auf die Bühne bat und dort auf zwei Stühlen platzierte.


Anschließend war es Zeit für Cat Power. Als die Sängerin erst kurz vor dem Festival als einer der letzten Acts bestätigt worden war, hatten wir angenommen, dass jemand mit einem derart bekannten Namen vielleicht am Samstagabend spielen würde, aber Frau Power war mit ihrem Set um 14 Uhr sehr früh dran.

Ich muss gestehen, dass ich die Sängerin vorab gar nicht kannte, zumindest nicht ihre Musik. In Maximilian Heckers Autobiographie erzählt der Sänger unter anderem von einer kurzen Affäre mit einer quasi unerreichbaren, superberühmten Sängerin, deren Namen er per Pseudonym verfremdet hat. Sein Lied "Kate Moss" handelt ebenfalls von ihr. Damals, direkt nach einem Hecker-Konzert, bei dem ich das alles erfuhr, ergooglete ich mir die Erkenntnis, dass es sich bei der berühmten Sängerin im echten Leben um Cat Power gehandelt haben musste.


Deshalb rechnete ich irrationalerweise mit einer Künstlerin, die mindestens so schön wie Kate Moss wäre - was nicht der Fall war, Frau Power sieht heutzutage ziemlich bodenständig aus und eigentlich auch gar nicht nach Popstar. Was natürlich egal ist, wichtig ist ja die Musik. Diese konnte mich aber leider nicht packen. Ich konnte die Lieder, die sie, allein auf der Bühne stehend, teils am Klavier und teils mit der Gitarre begleitete, in der Struktur kaum nachvollziehen, irgendwie klang alles gleich. Da stimmte es mich auch nicht traurig, dass wir das Set vorzeitig verlassen mussten.

Setliste:

Old Detroit
Fool
Hate
Colors And The Kids
Maybe Not
Names



Auf der Gartenbühne sollte nämlich nun Loney Dear auftreten, und da der Zugang zu diesem Bereich ja beschränkt war und mein Freund fest davon ausging, dass der Singer/Songwriter in seinem Heimatland Schweden mindestens genauso berühmt sei wie Abba, fanden wir uns mit zeitlichem Sicherheitsabstand vor Ort ein. Diese Strategie erwies sich als übervorsichtig, der Andrang war nicht überwältigend. Dennoch war zu Konzertbeginn der kleine Bereich aber letztlich gut gefüllt.


Loney Dear war lange Zeit beim bekannten Indie-Festival im niederrheinischen Haldern eine feste Größe und ist dort möglicherweise am bekanntesten. "Damals" kannte man ihn hauptsächlich für fröhliche oder zumindest positive Lieder mit Falsettstimme. Irgendetwas ist aber seitdem anscheinend passiert, denn die neueren Songs des Sängers klingen deutlich ernster, und in den Texten geht es viel um Nacht, Kälte und Dunkelheit. Einige der dargebotenen Lieder sind noch unveröffentlicht, weshalb es uns nicht gelang, die Setliste vollständig zu notieren. Glücklicherweise konnte der Künstler später via Facebook mit zwei Liedtiteln aushelfen. Erst "Hulls", das dritte Lied des Konzertes, und die erste Single des nächsten Albums, sollte unsere erste erfolgreiche Identifizierung sein. Leichter fiel uns das später bei bekannteren Liedern wie "Airport Surroundings" und "Saturday Waits", sowie natürlich den Nanana-Hit "Ignorant Boy, Beautiful Girl".


Für den Auftritt auf der Gartenbühne hatte Emil Svanängen fünf weitere Musiker dabei, die mitsangen, Akkordeon spielten und diverse andere Instrumente bedienten. Alle trugen dunkelblaue Sakkos, die zwecks Einheitlichkeit mit gelben Klebestreifen verziert worden waren, jeweils an anderen Stellen. Außerdem trug man am rechten Oberarm hellblaue Armbinden. Obwohl es in der prallen Sonne unangenehm warm wurde, ließen alle Künstler ihre Jacken an - offenbar legte man viel künstlerischen Wert auf sie.


Ich muss sagen, dass mit der neue, ernstere Loney Dear eigentlich besser gefällt als der, bei dem sämtliche Lieder in "Na na na" endeten (auf meiner "Na na na"-Liste konnte ich nur drei Striche machen). Leider konnten wir, wie auch schon früher bei Konzerten von A Camp und Hello Saferide erlebt, die schwedischen Ansagen natürlich nicht verstehen, weshalb wir auch nicht wissen, ob das Lachen der anderen Zuschauer berechtigt war - zumindest trug mein Freund nach 50 Minuten Konzertdauer aber ein glückliches Lächeln im Gesicht.


Setliste:

Albert/  There are several Alberts here
Pun
Hulls
Lilies
Ignorant Boy, Beautiful Girl
Airport Surroundings
My Heart
Dark Light
Young Hearts
Saturday Waits
Violent


Nach Loney Dears Set gingen wir zurück zur Hauptbühne, nachdem wir bis zum nächsten Konzert aber noch ein bisschen Zeit hatten, nutzen wir die Gelegenheit und besuchten eine Kunst-Performance. Die Künstlergruppe Grebnellaw zeigte... ja was eigentlich? In schrägen, phantasievollen roten Kostümen setzten sich die Künstler zunächst an einen Tisch und knabberten an ebenfalls rotem Obst und Gemüse. Dann räkelte man sich zunehmend sexuell suggestiv und tanzte umher, wobei eine der weiblichen Darstellerinnen nacheinander drei Lieder zum besten gab, die mit Dance- und Technobeats unterlegt waren.


Einer der männlichen Teilnehmer der Performance trug unter seinem Kleid übertrieben große Stoff-Schamlippen, die er, genau wie seinen nackten Hintern, gerne und häufig präsentierte. Als die Gruppe ihren Aktionsradius erweiterte und sich dem Publikum näherte, wichen dessen Mitglieder teils amüsiert, teils verschreckt zurück. Vielleicht musste man das Ganze mit Humor nehmen, wie ein kleiner Junge, der die meiste Zeit schallend lachte.


Anschließend ging es zurück Richtung Hauptbühne, wo zunächst Michael Kiwanuka, der aktuell sehr gehyped wird, auftrat. Beim A Summer's Tale werden sich erneut unsere Wege kreuzen, ob ich mir den größtenteils spannungsarmen Soul-Pop noch einmal 50 Minuten anhören werde, wage ich zu bezweifeln.


Als nächstes trat Rufus Wainwright auf. Parallel fand nun auf der Gartenbühne der erste von drei (!) täglichen Auftritten von Patti Smith statt, und das kleine Areal stieß tatsächlich an seine Kapazitätsgrenzen. Vor der Hauptbühne dagegen musste man sich trotz ansehnlicher Menschenmenge nicht drängeln.

Auch Herrn Wainwright kannte ich vor diesem Festivalfreitag nicht wirklich. Natürlich war er mir namentlich bekannt, und auch, dass sein Vater ebenfalls ein bekannter Sänger war. Gibt es nicht auch eine Martha Wainwright? Aber ich hätte kein einziges Lied von ihm nennen können.


Wainwright stand, wie schon Cat Power, allein auf der großen Bühne und begleitete sich selbst an Klavier und Gitarre. Zwischen den Liedern erzählte er viel, etwa, dass er an diesem Tag aus Neapel angereist sei, dass er bereits Hering gegessen habe und sich mit seiner Sonnenbrille sehr schwedisch fühle und dass er gemeinsam mit seinem Ehemann soeben ein Haus in Hollywood erworben habe.

"Les Feux d'artifice t'appellent", ein Lied über Feuerwerk, widmete Wainwright in Erinnerung an den Terroranschlag in Nizza allen Opfern von Gewalt und mahnte das Publikum, man dürfe sich nicht einschüchtern lassen: "Always watch the fireworks". Auch das Thema Donald Trump kam zur Sprache und Wainwrights Wunsch, dass er der Welt als US-Präsident erspart bleibt.


Auch zu seinen kürzlichen musikalischen Aktivitäten hörten wir einiges. Wainwright hat in den letzten Jahren eine Oper veröffentlicht und eine weitere fertig gestellt, außerdem hat er Shakespeare-Sonette vertont, von denen es auch zwei auf die Setliste geschafft hatten. Im Gegensatz zu den poppigeren Liedern stellten diese schwer verdauliche Kost dar. Er hat seinem ursprünglichen Stil aber nicht völlig abgeschworen: "Out Of The Game" ist ein neuer Song und soll auf dem nächsten Pop-Album veröffentlicht werden.


Insgesamt waren es auch die eingängigeren Lieder wie "The Art Teacher", "Going To A Town" und das abschließende "Cigarettes And Chocolate Milk", die mir am besten gefielen, und auch wenn ich nicht zum Rufus Wainwright-Fan mutieren werde, genoss ich den unterhaltsamen Auftritt dieses vielseitigen Künstlers. Obwohl in Castingshows bereits reichlich abgenutzt, war auch Wainwrights Darbietung von Leonard Cohens "Hallelujah" sehr ergreifend.

Setliste:

Montauk
The Maker Makes
Out Of The Game
Jericho
Only The People That Love
The Art Teacher
When Most I Wink (Sonnet 43)
A Woman's Face (Sonnet 20)
Les Feux d'artifice t'appellent
California
Gay Messiah
Going To A Town
Hallelujah (Leonard Cohen Cover)
Cigarettes And Chocolate Milk

Einen heißen neuen Festivaltrend entdeckten wir an diesem Tag übrigens auch noch: Künstler fotografieren oder filmen ist out, der wahre Fan zeichnet den Auftritt des Lieblingsstars live aus der ersten Reihe als Aquarell mit! Wann dieser Trend wohl vom hippen Schweden nach Deutschland kommen wird?


Anschließend war für uns der Festivalfreitag bereits erledigt, da wir uns die Hauptacts Titiyo und Lauryn Hill gar nicht erst ansehen wollten. Also endete der Abend mit einem Besuch bei Vapiano und "Stranger Things" auf dem Laptop im Hotelbett.

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