Bezüglich des Zugangs zu Musikvideos war ich in meiner Jugend gegenüber Altersgenossen zunächst benachteiligt, dann im Vorteil: Die so zieml...

Das Musikvideo und ich: Eine Jugend

Bezüglich des Zugangs zu Musikvideos war ich in meiner Jugend gegenüber Altersgenossen zunächst benachteiligt, dann im Vorteil: Die so ziemlich einzige Popmusikquelle des deutschen 80er Jahre-Fernsehens, die Sendung Formel 1, konnte ich zu ihrem eigentlichen Sendetermin meist nicht sehen (ob sie einfach "zu spät" kam oder meine Eltern zur fraglichen Zeit die Macht über die Fernbedienung hatten, weiß ich nicht mehr). Meine Mitschüler sahen stets eine vorabendliche Wiederholung im SWR-Fernsehen, aber anders als bei ihnen war mein Empfang dieses Senders so schlecht und verschneit, dass ich dort lediglich unglaublich wichtige Folgen durchstand (also alle mit Depeche Mode).


Andererseits hatten meine Eltern dann sehr früh einen Kabelanschluss, so dass ich von etwa 1988 bis 1995 freien Zugang zu MTV und etlichen ähnlichen Sendern hatte. Das mag nicht gut für mein Sozialleben gewesen sein, immerhin hat es aber meine Englischkenntnisse verbessert. Und ich kannte in dieser Epoche jedes Video, das veröffentlicht wurde. Jedes. Im Nachhinein kann ich nicht so recht nachvollziehen, wie ich es ertragen konnte, ständige Wiederholungen von Liedern und Minifilmen zu sehen, die ich zum Großteil nicht mochte, denn das Hauptaugenmerk dieser Sender lag natürlich auf Charts-Musik, und für einmal "Brand New Toy" der Jeremy Days musste man 1989 etwa fünfzigmal Kaomas "Lambada" ertragen. Dennoch schränkte ich meinen Videokonsum aber nicht auf Sendungen, in denen themenbedingt größere Erfolgsaussichten auf gute Musik bestanden (also "120 Minutes", "Alternative Nation" und wie sie alle hießen) ein, sondern schaute einfach alles.


So weit zu meiner Jugend vor der Glotze. Heute ist MTV ein Pay-TV-Sender, VIVA unerträglich und das Musikvideo so stark vom Aussterben bedroht, dass es von Kultursendern im Rahmen von Formaten wie Delikatessen (ZDFkultur), Tracks (Arte) oder Clipster (einsplus) aufgegriffen wurde. Meine Geduld dafür, solche Sendungen durchzustehen, wenn nicht garantiert ist, dass mir die gezeigten Clips auch gefallen, hat mit den Jahren allerdings deutlich abgenommen, und dank Youtube und Vimeo kann man ja mittlerweile auch jederzeit sein eigenes Programm bestimmen.


Aber gibt es überhaupt noch sehenswerte Musikvideos? Das früher unabdingbare Promotion-Tool der Plattenindustrie hat im Zuge des allgemeinen Niedergangs der althergebrachten Musikbranche einiges an Relevanz eingebüßt. Es scheint undenkbar, dass heutzutage jemand die Mengen in einen Ultrakurzfilm investieren könnte, die einst für Michael Jackson aufgebracht wurden (7 Millionen Dollar für das knappe 5 Minuten lange Video zu "Scream"). Aber vielleicht ist das ja auch besser so, denn einerseits ist beim Einsatz wieder kleinerer Budgets wieder mehr Kreativität gefragt und andererseits müssen Künstler bei ihren Videos nun auch wieder weniger auf Massenkompatibilität achten und können sich somit freier entfalten.

Also ist gerade jetzt vielleicht die Zeit gekommen, sich wieder intensiver mit dem Thema Musikvideo zu beschäftigen. Ich werde diese Theorie in den nächsten Wochen testen und in einer neuen Reihe interessante Videos vorstellen.

Für den Anfang hier noch zwei Klassiker zum Thema "Herrje, wie haben sie das nur aufgenommen?"


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